Otl Aicher – Wilhelm von Ockham

Eine historische Ausstellung rund um "Das Risiko modern zu denken"

Otl Aicher: Wilhelm von Ockham - © Florian Aicher, Rotis 2010
Otl Aicher: Wilhelm von Ockham - © Florian Aicher, Rotis 2010
Der Grafiker Otl Aicher erzählt in der Ausstellung "Wilhelm von Ockham - Das Risiko modern zu denken" mit farbenprächtigen Bildtafeln vom Leben eines Philosophen.

Der deutsche Grafiker Otl Aicher (1922-1991) gilt aufgrund seiner Entwürfe, wie der visuellen Gestaltung der Olympischen Spiele von 1972 und den Erscheinungsbildern für die deutsche Lufthansa und das ZDF, als einer der bedeutendsten Gestalter Deutschlands.

Otl Aichers oberste Maxime lautete: Reduktion auf das Wesentliche. In seinen Piktogrammentwürfen für die Olympischen Spiele 1972 reduzierte er die Figuren auf Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Das Erscheinungsbild für die Stadt Isny ("das allgäu (bei isny)", 1976) gestaltete er ausschließlich in den Farben schwarz und weiß.

Eine farbenfrohe Ausstellung erzählt vom Leben des Philosophen Wilhelm von Ockham

Einen etwas anderen Weg schlug Otl Aicher 1986 mit seiner Ausstellung "Wilhelm von Ockham - Das Risiko modern zu denken" ein. 36 Farb- und 48 Texttafeln erzählen vom Leben und Werk des mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham.

Zwar sind die Figuren auf den Bildern durchaus schematisiert, beschränken sich allerdings, im Gegensatz zu den Piktogrammentwürfen Aichers, nicht auf wenige geometrische Grundelemente. Durch den Verzicht auf Tiefenraum blieb der Gestalter seinem Grundprinzip, der Konzentration auf das Wesentliche, treu und stellte auf diese Weise die semantische Dimension vor die ästhetische Dimension.

Allerdings erstaunt diese relativ späte Arbeit Otl Aichers besonders aufgrund ihrer Farbenvielfalt. Pro Ausstellungstafel wurden 12 bis 18 verschiedene Farbpapiere verwendet, welche der Gestalter aus einer von ihm ausgearbeiteten Struktur - und Farbmusterkartei für das "Lüdenscheider Manual" entnahm.

Eine Ausstellung Otl Aichers in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Rückversicherung

Entstanden ist die Ausstellung "Wilhelm von Ockham" in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Rückversicherung (heute "Swiss Re"), mit welcher Otl Aicher zwischen 1979 und 1986 jährlich Ausstellungen in deren Münchner Firmenzentrale organisierte. In der fünften gemeinsamen Ausstellung aus der Reihe "Erkundungen", beschäftigte sich Otl Aicher mit den Gedanken des Philosophen Wilhelm von Ockham. Wilhelm von Ockhams Methode, genannt "Ockhams Rasiermesser", spielte in Umberto Ecos Bestseller "Der Name der Rose" (1980), eine fundamentale Rolle und rückte dadurch wieder ins öffentliche Bewusstsein.

Ockhams Rasiermesser Eine Metapher für das Sparsamkeitsprinzip in den Wissenschaften

Um die Theorie "Ockhams Rasiermesser" zu erklären, bedarf es nur einen einzigen Satz: "Von allen Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste vorzuziehen, alle anderen werden weggeschnitten." ("Wilhelm von Ockham - Das Risiko modern zu denken", Dokumentation zur Ausstellung des Hfg-Archivs/Ulmer Museum, 2010)

Wilhelm von Ockham formulierte seine These der Sparsamkeit also ganz im Sinne von Aichers Gestaltungsauffassung. Aufgrund seiner modernen Gedanken, dazu zählt auch die Forderung der klaren Trennung von Staat und Kirche, stieß der aus England stammende Franziskanermönch allerdings auf wenig Verständnis und wurde deshalb 1324 vor das päpstliche Gericht zitiert und später sogar von der päpstlichen Inquisition verfolgt.

Simultane Erzählweise durch Farbzonen

Die einzelnen Bildflächen der Ausstellung "Wilhelm von Ockham" sind horizontal in vier Farbzonen aufgeteilt, was eine simultane Erzählweise ermöglicht. Durch dieses systematische Ordnen der Bildflächen und den begleitenden Texten erfährt der Betrachter auf bildhafte Weise vom Leben und Denken des Philosophen Ockham und den Geschehnissen jener Zeit, wie beispielsweise die Verbannung Dantes aus seiner Heimatstadt Florenz oder der Schlacht bei Mühldorf.

Historische Ausstellung ohne Zeitdokumente

Zeitdokumente über die historische Person Wilhelm von Ockham existieren keine, weshalb sich der Grafiker Otl Aicher für einen sinnbildartigen Bericht entschied, dessen Basis historische Bildmotive bildeten. Als Vorlagen für diese "fiktive" Ausstellung dienten insbesondere Bilder der Künstler Giotto di Bondone, Simone Martini und Ambrogio Lorenzetti. Schauplätze sind Avignon, Pisa, Rom, aber auch München, wo Wilhelm von Ockham im Exil lebte und schließlich starb.

Aufwendige Collagetechnik

Erst beim genaueren Betrachten der Bildtafeln wird erkennbar, dass es sich um handwerklich perfekte Collagen handelt. Fugenlos und folglich mit sehr viel Aufwand verbunden, klebten Otl Aichers Mitarbeiterinnen Reinfriede Bettrich und Sophie von Seidlein, ausgeschnittene Papierstücke aneinander und schufen so faszinierende Kunstwerke.

"Wilhelm von Ockham" im Ulmer Museum

Vom 20. Februar bis 18. April 2010 sind Otl Aichers großformatige Bildtafeln über den Philosophen "Wilhelm von Ockham" im Ulmer Museum zu sehen.

Sonja Marzoner - Sonja Marzoner hat Grafik- und Produktdesign an der Freien Universität Bozen, Italien, studiert und arbeitet zur Zeit als ...

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