
- Otl Aicher: Gehen in der Wüste - S. Fischer Verlag
In der Nähe des Allgäuer Städtchens Leutkirch, dem Bauernhofweiler Rotis mit zweieinhalb Dutzend menschlichen und einigen Hundert tierischen Einwohnern, lebte und arbeitete von 1972 bis zu seinem Tod 1991 der "Grafik-Papst" Otl Aicher, Mitbegründer der Ulmer Hochschule für Gestaltung, bekannt als Designer der Olympischen Spiele 1972 in München. Er entwickelte damals das internationale System von Piktogrammen
Neue Schrift namens ROTIS
Das umfangreiche schöpferische Werk des Querdenkers Otl Aicher (1922-1991) reicht von Plakat- und Buchgestaltung zu Produktdesign und Architektur, von Konzepten visueller Kommunikation über ein fotografisches Oeuvre bis zur Entwicklung einer neuen Typografie: Er entwickelte die neue Schrift „rotis“, die heute in aller Welt von vielen renommierten Unternehmen eingesetzt wird. Otl Aicher publizierte außerdem Bücher und Schriften über Philosophie, Gestaltung und Wahrnehmung. Ein breiteres Publikum las und betrachtete die Fotos in seinem Erlebnis-Buch „gehen in der wüste". Aicher war überzeugter Anhänger der Kleinschreibung und pflegte damit mitten in der oberschwäbischen Region des überladenen kirchlichen Barockstils konsequent eine Bauhaustradition.
Ateliers auf Stelzen in Rotis
In Rotis, wenige Kilometer vom Waldmassiv Adelegg entfernt, errichtete Aicher neben einer alten Mühle, die er mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und fünf Kindern bezogen hatte, einige Holzhäuser auf Stelzen mit Oberlichtern, in denen er grafische Ateliers unterbrachte. Der britische Stararchitekt und Aicher-Freund Lord Norman Foster (er renovierte und baute das Reichstagsgebäude Berlin um), nannte diese Architektur ein „klassisch modernes Ensemble“ und wunderte sich darüber, dass es in der Öffentlichkeit nicht mehr Aufsehen erregte.
Kleinwasserkraftanlage für eigene Energie
Aicher gelang es sogar, eine Turbine der ehemaligen Rotis-Mühle zu erhalten und sein Anwesen mit eigener Energie zu versorgen. Bis heute unterhält Sohn Julian Aicher – Beruf: „Journalist, Wasserkraftforscher, Solarvertreter“ – auf dem Gelände eine eigene Kleinwasserkraftanlage.
Norman Foster über Otl Aicher
Norman Foster charakterisierte den Freund kurz und treffend folgendermaßen: „Otl besaß eine Art zu arbeiten und zu leben, in der die Gestaltung eines neuen Schrifttyps, das Design eines Buches oder Türgriffs, seine Einstellung zu Kriegen, zur Politik, zum Schreiben und zur Kommunikation, die Art, eine Zwiebel zu schneiden oder den Rasen zu mähen in Bezug zueinander standen und zu einem wesentlichen Bestandteil seiner individuellen Persönlicheit wurden.“
Ehe mit Scholl-Schwester
Auf diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, dass Otl Aicher unbeachtet vom Leutkircher Stadtrat in Rotis mehr im Ernst als im Spaß eine „autonome republik“ ausrief, eine Enklave der Lage und des Denkens. Aichers politische Ansichten erklären sich aus seiner persönlichen Lebensgeschichte. Von ihm stammt der Satz: „Gäbe es ein Heldendenkmal, es wäre das Denkmal des Deserteurs.“ Otl Aicher, selbst Weltkriegs-Deserteur (siehe auch sein sehr persönlich geschriebenes Buch „innenseiten des krieges") war mit seiner Jugendfreundin Inge Aicher-Scholl verheiratet, der Schwester und Nachlassverwalterin der in München hingerichteten Geschwister Hans und Sophie Scholl. Nach Rotis pilgerten deshalb jahrzehntelang, bis zum Tod von Inge Aicher-Scholl im Jahr 1998, nicht nur Bewunderer, Schüler und natürlich Kunden des Gestaltungs-Gurus, sondern auch private und berufliche Erforscher der Geschichte der „Weißen Rose“.
Berühmte Designer
Die Leutkircher Bürger und Stadtväter beobachteten ihren genialen Mitbürger in Rotis aus der Distanz, mehr oder weniger desinteressiert, kritisch oder wohlwollend. Jemand hat mal gesagt, Aicher sei berühmt gewesen, aber nicht jedem bekannt. In der Umgebung war er sicher nicht besonders bekannt, jedenfalls nicht als Berühmtheit. Wieder brachte der Architekt Norman Foster dieses Phänomen mit einer seiner an Schlichtheit und Arroganz unübertrefflichen Anekdoten über den Designer auf den Punkt. In seinem Nachruf erzählt er:
Genies unter sich
„Wir verbrachten einen dieser wundervollen, spontanen Abende, zusammen mit seiner Frau ... Am nächsten Morgen fuhren wir beide zur Dorfbäckerei, um Brot und frische Brezeln zu erstehen, welche zu dieser frühen Stunde noch ganz warm waren. Unterwegs fuhr Otl an den Straßenrand und zeigte auf eine etwas entfernter gelegene Kirche. ‚Dieser Kirchturm’, sagte er, ‚fällt Dir etwas daran auf?’ ‚Er ist schief’, antwortete ich. ‚Ganz recht, aber niemand sonst sieht es.’ Es bestand eine Übereinstimmung zwischen uns beiden, die ich auch heute noch kaum nachvollziehen kann.“ Die Genies blieben unter sich.
Grafiker, Bildhauer, Fotograf, Möbeldesigner, Philosoph
In der Kernstadt Leutkirch hielt Otl Aicher sich selten auf, eher noch vesperte er in Bauern- und Gartenwirtschaften, in denen ihm die ländliche Speisekarte und die unmodische Einrichtung zusagten. Konsequent hielt er sich auch an seine Ferienrituale: Im August verließ er sein Allgäuer Arbeitsgebiet und begab sich für mehrere Wochen nach Grönland! Er lächelte, wenn er dieses ungewöhnlich kalte, unwirtliche und entfernte Urlaubsziel nannte, immer spitzbübisch-maliziös, und es gelang ihm alljährlich, eine Reihe neuer Menschen in seinem Umfeld mit dieser Ankündigung zu verblüffen. Meist ließ er sie lange im Ungewissen, bis sie irgendwann selbst entdeckten, dass „Grönland“ ebenfalls in Rotis lag: Grünland in den oft von flirrender Hitze überzogenen Allgäuer Heusommern, nur acht Kilometer von Leutkirch entfernt und geistig doch so weit weg wie das wirkliche Grönland. Kloster Rotis: Niemand der Mitarbeiter durfte den Meister in dieser Zeit ungestraft ansprechen, so erzählen sie noch heute, denn er zelebrierte einen inneren Rückzug mit äußeren gartenwirtschaftlichen und bildhauerischen Tätigkeiten.
Letzte Reise nach Grönland
Auf einer solchen Reise in Grönland verunglückte der vielseitige Grafiker, Bildhauer, Fotograf, Möbel-Designer und Philosoph Otl Aicher im August des Jahres 1991, sein Rasenmähertraktor kollidierte mit einem Motorrad, er starb an den Folgen einer Kopfverletzung.
Otl Aicher: Typografie. Verlag Schmidt Mainz 2005. Gebunden. 256 Seiten. 49,80 €.
Otl Aicher: analog und digital. Ernst & Sohn 1991. Gebunden. 192 Seiten. 34,90 €.
Otl Aicher: gehen in der wüste. Broschiert. 180 Seiten. S. Fischer Verlag 2005. 24,90 €.
Otl Aicher: innenseiten des krieges. Fischer Taschenbuch. 283 Seiten. 8,90 €
