Otl Aicher und seine Gebrauchsarchitektur

Aichers Architekturmaxime am Beispiel Rotis im Allgäu

Rotis: Ateliers - Sonja Marzoner
Rotis: Ateliers - Sonja Marzoner
Der Gestalter Otl Aicher war ein Verfechter der intelligenten Architektur und schuf in Rotis im Allgäu eine kleine Stadt aus Büros und Ateliers.

Otl Aicher gilt heute als einer der bedeutendsten Gestalter Deutschlands. Zu seinen wohl bekanntesten Entwürfen zählt die visuelle Gestaltung der Olympischen Spiele von 1972. Der Begründer der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm versuchte, "durch rationale Gestaltung die Welt in Ordnung zu bringen." ("über Denken", Hrsg. Florian Aicher, Dagmar Rinker, 1999)

Zeitlebens setzte sich Otl Aicher auch mit der Materie Architektur auseinander und widmete diesem Thema in seinem Buch "die welt als entwurf" (Ernst & Sohn, 1991) ein eigenes Kapitel. Von 1972 bis zu seinem Tod im Jahre 1991 lebte Aicher in Rotis im Allgäu, wo er, teilweise sogar nach eigenen Entwürfen, ein Wohn- und Kornmühlenhaus umbauen ließ.

"weltgefühl der transparenz"

Otl Aichers oberste Maxime im Bereich der Architektur war die Auflösung der Trennung von Innen und Außen. Diese Idee der Verflechtung der Innenwelt mit der Außenwelt hatten bereits die Japaner, welche auf die Trennwände nach Außen verzichten. Durch die Verknüpfung zwischen Haus und Natur entsteht ein "weltgefühl der transparenz", wie Otl Aicher diesen offenen Raum beschrieb.

Die moderne Architektur – Otl Aicher war Verfechter der Gegenposition, und zwar der intelligenten Architektur – versuchte mit riesigen Glasfassaden diese Trennung zwischen Innen- und Außenwelt auszulöschen. Otl Aicher kritisierte diese riesigen Fensterfronten aufgrund ihrer mangelnden Komplexität.

Otl Aichers Anforderungen an eine ideale Fensterfront sind folgende Punkte:

  • Eine Fensterfront soll zwar Sonnenlicht in den Raum fallen lassen, gleichzeitig aber vor direkter Sonneneinstrahlung schützen.
  • Eine Fensterfront soll Sichtschutz sein, zugleich auch Panoramafenster.
  • Der Lichteinfall einer Fensterfront soll steuerbar sein.

Stimulationsfaktor Luft

Nicht nur die Notwendigkeit von Licht beschrieb Otl Aicher als eine der wichtigsten Anforderungen an die Architektur, sondern auch die Belüftung eines Raumes. Er empfand einen Raum ohne zu öffnende Fenster als schlichtweg unmöglich und die Luft aus einer Klimaanlage beschrieb er "wie Luft aus einer Konservendose". Idealerweise, so Aicher, lässt sich die ganze Fensterfront öffnen und dementsprechend auch der Raum erweitern. Die Regulierung von Licht und Luft sollte laut Aicher durch Mini-Elektromotoren erfolgen. Die Geburtsstunde der intelligenten Architektur, welche die Grundlage für Aichers Theorien im Bereich der Architektur bildete, war das "Sainsbury Centre" von Norman Foster. Mit dem Architekten Foster pflegte Otl Aicher sowohl beruflichen als auch privaten Kontakt.

autonome republik von rotis

Im an der Aach gelegenen Ort Rotis, wo Aicher fast zwanzig Jahre lang lebte und arbeitete, gründete der Gestalter 1984 das "Rotis Institut für analoge Studien". Aicher versuchte den Komplex, bestehend aus Wohnhaus, Ateliers und Werkstätten, weitgehend autark zu organisieren, was sich als schwieriger als gedacht erwies. Immerhin konnte sich der Komplex sogar selbst mit Strom versorgen. Der Nichtarchitekt Aicher, wie er sich selbst bezeichnete, ließ in Rotis zwei selbst entworfene Gebäude bauen.

Aichers Architektur ist eine "grafische Architektur". Die in Rotis stehenden, ehemals schwarzen Häuser auf Pfählen, orientieren sich stark an Aichers Gestaltungsprinzipien im grafischen Bereich. Geometrie, Funktionalität und Reduktion sind sowohl Merkmale Aichers visueller, als auch seiner architektonischen Entwürfe. Aicher selbst nannte seine auf den Prinzipien des Funktionalismus basierende Architektur "Gebrauchsarchitektur".

Rotis war Aichers Lebens- und Arbeitsstätte und wurde scherzhaft die "autonome republik von rotis" genannt. Er lebte dort mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und seinen fünf Kindern. An diesem entlegenen Ort arbeitete er an zahlreichen Aufträgen für ZDF, Erco oder Bulthaup. Dieser "atmosphärisch einheitlich wirkende Ort" (Walter Siegfried in "über Denken") war Otl Aichers Lebenswerk. Wie heilig ihm dieser Fleck Land war, macht diese Anekdote deutlich: Kriechend reparierte ein Unternehmer eine über den Aach reichende Brücke in Rotis. Otl Aicher kommentierte das Geschehen folgendermaßen: "Meine Herren, das ist die richtige Haltung, sich der Republik Rotis zu nähern. Bravo. Und jetzt an die Arbeit." ("über Denken", Hrsg. Florian Aicher, Dagmar Rinker, 1999)

Sonja Marzoner - Sonja Marzoner hat Grafik- und Produktdesign an der Freien Universität Bozen, Italien, studiert und arbeitet zur Zeit als ...

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