Otl Aichers Tipps für lesbare Typographie

Ein Leitfaden für die Gestaltung von Texten

Der Typograph Otl Aicher - Ernst & Sohn, Edition Druckhaus Maack
Der Typograph Otl Aicher - Ernst & Sohn, Edition Druckhaus Maack
In seinem Buch "typographie" verrät der Grafiker Otl Aicher grundlegende Dinge über gute Gestaltung. Ein kurzer Streifzug durch seine Grundsätze der Typographie.

Seit der Neuzeit gilt das Lesen als eine der wichtigsten Kommunikationsformen. Beim Lesevorgang wird ein mit individuellem Inhalt gefüllter Text vom Leser entschlüsselt. Ob ein Text gelesen wird hängt in erster Linie vom Interesse des Lesers ab. Ob ein Text vom Auge gerne gelesen wird bestimmt hauptsächlich die Typographie.

Differenzierte und homogene Schriften

Beim Lesen bevorzugt das Auge eine differenzierte Schrift (Schrift mit nuancierter Buchstabenstruktur). Im Gegensatz dazu steht die homogene Schrift (Schrift mit ähnlicher Buchstabenstruktur). Differenzierte Schrift bevorzugt das Auge deshalb, weil es beim Lesen von einem Schärfepunkt zum Anderen eilt.

Während dieses Vorgangs erkennt das Bewusstsein natürlich nicht nur die Schärfepunkte, sondern auch die Felder dazwischen. Diese zwischen den einzelnen Schärfepunkten liegenden Felder bestehen in der Regel aus fünf bis acht Buchstaben.

Weil also das Auge Schärfepunkte liest, braucht es Punkte, welche es beim Lesen fixieren kann. Solche Punkte sind bei einer differenzierten Schrift leichter zu finden als bei einer homogenen Schrift. Folglich erhöht sich bei einer differenzierten Schrift auch die Lesegeschwindigkeit.

Gute Typographie macht einen Text attraktiv

Ein typographisch gut gestalteter Text ist in der heutigen Zeit der Informationsüberflutung besonders wichtig. Lesen bedeutet Anstrengung und um einen Text fürs Auge attraktiv zu machen, muss er einladend gestaltet sein.

Kleingedruckte Texte, homogene Schriften und Worte mit zu großem Buchstabenabstand werden vom faulen Auge nur ungern und mühselig gelesen.

Abgesehen von der Länge des Textes muss außerdem auf die Länge eines Absatzes geachtet werden. Ist ein Absatz zu lang, wird er leicht übergangen. Absätze helfen außerdem einen Text ansprechender zu gestalten und zeigen neue Gedankengänge an. Das Setzten von Absätzen wird erleichtert, wenn bedacht wird, dass ein Absatz einer Pause beim Sprechen entspricht.

Nicht nur das Auge achtet auf einen ästhetisch und somit auch angenehm zu lesenden Text. Der Leser projiziert die Ästhetik des Textes auf den Inhalt. Ist ein Text gut gestaltet, erhöht das die Glaubwürdigkeit des Inhalts.

Die richtige Schriftgröße

Die ideale Schriftgröße hängt in erster Linie von ihrem Gebrauch ab. Im Hinterkopf haben sollte der Gestalter dabei immer, dass Schrift visualisiertes Sprechen ist. Die Schriftgröße entspricht somit der Lautstärke der Stimme. Große Schriften sind Ausrufe, Hervorhebungen. Kleinere Schriften sind im Sprechton gesprochene Wörter oder Sätze.

Die Schriftgröße ist relativ und hängt vom Format des Mediums ab. Bei einem kleineren Format kann auch die Schriftgröße dementsprechend klein sein. Bei einem größeren Format wächst die Schriftgröße.

Als Faustregel für gute Lesbarkeit der Schrift gilt: Die Schrift muss in Armweite vor dem Auge gut lesbar sein. Für Drucksachen des Alltags wie Texte aus Büchern, Zeitungen oder Zeitschriften, sollte die Schriftgröße idealerweise zwischen 7 bis 10 Punkt liegen.

Abstände, Blocksatz und Flattersatz

Als Grundsatz gilt: In einem Text dürfen keine weißen Löcher und keine schwarzen Kleckse entstehen. Beides lenkt vom Text ab. Idealerweise gibt es in einem Text keine solchen Störungen, was zu einem gleichmäßigen Grauwert des Textes führt.

Dabei sollte allerdings beachtet werden, dass kleine Schriften einen größeren Buchstabenabstand brauchen als größere.

Wird ein Text in Blocksatz gesetzt, entstehen dabei unterschiedlich große Wortabstände. Diese weißen Löcher im Text wirken störend. Besonders dann, wenn mehrere Zeilen mit größeren Wortabständen untereinander stehen und sogenannte "Gießbächlein" entstehen. "Gießbächlein" sind Schneisen, welche das Bild des Textes vertikal auseinanderbrechen.

Auch beim Flattersatz können sich ästhetische Probleme ergeben. Durch die unterschiedlichen Zeilenausgänge kann der Text zu sehr flattern. Silbentrennung (Rauhsatz) kann den Flattertext ruhiger wirken lassen.

Auch der Zeilenabstand (Durchschuss) darf nicht zu groß sein. Die dadurch entstehenden weißen Balken werden als störend empfunden.

Rechtsbündig, linksbündig oder doch Mittelachsensatz?

Die europäische Schreibweise verläuft von links nach rechts. Insofern ist die Verwendung eines linksbündigen Satzes, wo alle Zeilen auf der selben Höhe anfangen, einleuchtend. Dementsprechend kann das Auge beim Lesen von Zeile zu Zeile weitergeführt werden ohne sich im Text zu verlieren, was hingegen bei einem rechtsbündigen Satz oder einem Mittelachsensatz durchaus der Fall sein kann.

Sonja Marzoner - Sonja Marzoner hat Grafik- und Produktdesign an der Freien Universität Bozen, Italien, studiert und arbeitet zur Zeit als ...

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