"Den größten Architekten des alten und neuen Österreich“ nannten ihn die Kunsthistoriker Geretsegger und Peintner in ihrem 1980 erschienen Band über Otto Wagner, der am 13. Juli 1841 in Penzing bei Wien geboren worden war. Tatsächlich gehört der führende Architekt des Jugendstils zu den wenigen Persönlichkeiten der österreichischen Moderne, die schon unter seinen Zeitgenossen hohes Ansehen genießen durfte und von den k.u.k. Behörden Aufsehen erregende Aufträge erhielt.

Lehrjahre eines jungen Architekten: ein Schüler der Ringstraßenzeit

Der Sohn eines königlich-ungarischen Hofnotars und einer Mutter aus angesehenem Hause musste früh den Tod des Vaters verkraften (1846). Nachdem er Privaterziehung und einen Aufenthalt im Konvikt des Benediktinerstifts Kremsmünster überstanden hatte, schrieb er sich am Polytechnischen Institut Wien im Alter von nur 16 Jahren ein, wechselte auf Anraten des berühmten dänischen Ringstraßenarchitekten Theophil Hansen nach Berlin und kam 1861 an die Donau zurück. Im Jahr darauf beendete er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste und arbeitete unter Ludwig von Förster in dessen Atelier. Seine Ehe mit Josefine Domhart, aus der drei Kinder hervorgingen, endete schon nach sieben Jahren 1880 mit Scheidung, doch bereits ein Jahr später heiratete er die 22jährige Louise Stiffel, die ihm ebenfalls drei Kinder schenkte.

Der Bruch mit dem Historismus

Mit dem Beginn dieser Beziehung setzte Wagner selbst eine zweite Lebensphase an, die es heute schwer macht, von ihm errichtete Bauten vor diesem Datum auszumachen, da er wenig Wert darauf legte, den ersten Abschnitt zu dokumentieren. Hauptsächlich handelte es sich hierbei um Mietshäuser, oft in Eigenregie erbaut, um sie zur Finanzierung neuer Projekte zu verkaufen, und diverse Wettbewerbsbeiträge. Mit anderen Worten, architektonisches Handwerk, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, weit entfernt von künstlerischen Ambitionen.

Der Aufstieg zum dominanten Architekten der Jahrhundertwende

Großen Erfolg hatte Wagner bei der Ausschreibung eines Generalsanierungsplanes für die Stadt Wien (1893), aufgrund dessen er nach seinen Vorschlägen die Neugestaltung des Stubenviertels vornehmen konnte und dann zu einigen Verkehrsprojekten herangezogen wurde. So entstanden die heute noch genutzte Stadtbahn, das Nadelwehr in Nußdorf und die Kaianlagen am Donaukanal mit der Staustufe Kaiserbad. 1894 wurde er ordentlicher Professor und Leiter einer Spezialschule für Architektur sowie vom Baurat zum Oberbaurat befördert. Joseph Maria Olbrich gehörte zu seinen Mitarbeitern, Josef Hoffmann zu seinen Schülern, von denen er in den florierenden Zeiten um die Jahrhundertwende bis zu siebzig hatte.

Otto Wagner und die Wiener Secession

Seine Lehrtätigkeit hatte auch mehrere theoretische Schriften zur Folge, die weite Verbreitung fanden. Wagner gehörte zu den ersten Mitgliedern der Secession (Beitritt 1898), was ihm unangenehme Kritik einbrachte, aber auch die Bekanntschaft mit den bedeutendsten österreichischen Künstlern der Moderne. 1902 bekam Wagner den Zuschlag für eines seiner besten und deshalb nicht zu Unrecht bekanntesten Werke, die Kirche der psychiatrischen Anstalt am Steinhof, im darauf folgenden Jahr entstand das k.k. Postsparkassenamt in Wien, ebenfalls eines der beeindruckendsten Zeugnisse seines Schaffens, in dem sich schon der Umbruch Richtung stilistischer Reduzierung erkennen lässt.

Abspaltung von der Secession: Hinwendung zur Funktionalität

Wenige Jahre nach ihrer Gründung spaltete sich die Secession mit dem Austritt der Gruppe um Gustav Klimt (1905), zu der auch Wagner, Hoffmann und Kolo Moser – der Innenausstatter der Kirche am Steinhof – gehörten. Stärker abgewandt vom ornamentalen Jugendstil hin zu einer funktionelleren Architektur, wie sie dann sein Freund Adolf Loos verfeinerte, zeigt sich Wagner in seinen letzten Bauten, etwa der Lupusheilstätte (1910-13) und seiner eigenen neuen Villa. 1912 wurde er zum Hofrat ernannt und arbeitete noch immer bis hinein in den Ersten Weltkrieg als Honorarprofessor, wenn auch die Schüler und Mitarbeiter bedingt durch die Zeiten naturgemäß weniger wurden.

Arbeit bis zuletzt: der vereinsamte Architekt

Der Tod seiner Frau 1915 war ein schwerer und trauriger Einschnitt in Otto Wagners Leben; bis zu seinem eigenen Ableben richtete er weiterhin Briefe an sie, die ihm ein Trost in immer stärkerer Zurückgezogenheit waren. Viel Energie verwandte er auf sein letztes Projekt, eine Friedenskirche, mit der er noch einmal seine Kritiker in die Schranken weisen wollte. Weder dies noch das Ende des Krieges durfte er miterleben. Er starb am 11.April 1918.