
- Österreich - Land der Denker - Bernd Deschauer-pixelio.de
Weininger, geboren 1880 in Wien, schaffte es, mit nur wenigen Veröffentlichungen und in einem sehr kurzen Leben, das er spektakulär 1903 in seiner Heimatstadt selbst beendete, Kontroversen auszulösen, die bis heute anhalten. Für die einen ein unerträglich überschätzter Fanatiker mit gefährlichen Ansichten über Juden und Frauen, für die anderen ein genialer Denker mit provokanten Thesen – sein Einfluss ist jedoch unbestritten.
Selbstmord im Sterbezimmer Beethovens
„Sich elend fühlen als Krankheit: Selbstmord aus Unfähigkeit, dem Verbrechen zu entgehen. Selbstmord aus Unfähigkeit, der Krankheit zu entgehen“, schrieb Otto Weiniger in sein persönliches Taschenbuch und blieb konsequent. Der Tod als Spezifikum der österreichischen Mentalität und Intellektualität ist fast schon ein Gemeinplatz, der Freitod gewissermaßen schon eine Tradition, als Weininger sich im Alter von nur 23 Jahren im Sterbehaus Ludwig van Beethovens einmietet, nur um sich dann dort zu erschießen - und damit dem Ganzen ein weiteres kurioses Kapitel hinzufügt.
Geschlecht und Charakter – Weiningers Hauptwerk
Der Aufsehen erregende Tod trug zur unglaublichen Publikationsgeschichte seines Buches Geschlecht und Charakter bei, einem wahren philosophischen Bestseller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weininger war der Sohn eines jüdischen Goldschmieds und hatte von Beginn an ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter. Er studierte Philosophie an der Wiener Universität und schloss seine akademische Laufbahn bereits 1902 mit besagter Schrift ab, reiste kurz ins Ausland und kehrte dann in die Donaumetropole zurück, um sich dort umzubringen.
Sein wie erwähnt großen Anklang findendes Werk war von Anfang an umstritten. Ludwig Wittgenstein fast einen allgemeinen Tenor zusammen: „Es stimmt, Weininger ist verschroben, aber großartig und verschroben. Es ist nicht nötig, oder vielmehr unmöglich, mit ihm übereinzustimmen, doch seine Größe liegt in dem, worin wir anderer Meinung sind. Sein gewaltiger Irrtum, der ist großartig“, so äußerte sich Wittgenstein über seinen Zeitgenossen. Die Anerkennung seiner Genialität war so groß wie die Ablehnung, die seine Thesen hervorriefen. Sie sind mit zwei Schlagwörtern zusammengefasst: Antifeminismus und Antisemitismus.
Mann und Frau – unvereinbare Gegensätze?
Mann und Frau sind ein Gegensatzpaar, welches bis hin zur Feindschaft reicht. Die Frau ist unfähig zu Genialität, Sittlichkeit, Logik und einem Verlangen nach Unsterblichkeit, sie besitzt keine Werte, sondern hat einzig und allein ein Begehren: Sexualität. Während der Mann diese wenigstens teilweise unter Kontrolle hat, wird die Frau, so Weininger, davon absolut beherrscht. Der Mann möchte das Versinken ins Sexuelle, welches ein Abgleiten ins Unterbewusste ist, verhindern, die Frau verlangt genau hiernach. Für Weininger gibt es zwei Idealtypen der Weiblichkeit: die Mutter und die Dirne, wie er anhand einer Fülle von kruden Belegen zu beweisen glaubt. Der mütterliche Typus ist nur auf der Suche nach irgendeinem Mann, der ihr den Wunsch nach einem Kind erfüllt, worauf sie sich nach der Geburt vollkommen diesem zuwendet.
Die Prostituierte dagegen dagegen sieht ihm Mann nur den erotischen Genussverschaffer zum Selbstzweck. Beiden mangelt es vollständig an Individualität. Liebe ist nur als sogenannte platonische möglich, gegenüber einer Madonnenfigur, sie ist ein ästhetischer Genuss, der Koitus kontrastiert als das Erotische, das Sexuelle und dies wiederum ist eine Negation des Ethischen. Doch der Hass auf die Frau, so schlägt Weininger am Ende versöhnlichere Töne an, ist nur eine Projektion des Mannes aufgrund seiner noch nicht überwundenen Sexualität; die eigentliche Schuld liegt also bei ihm und sie könne nur durch die Gleichberechtigung der Frau aufgehoben werden. Genie, die höchste Daseinsform des Intellektuellen und Sittlichen, ist nur dem Mann inhärent, deshalb fehlt der Frau auch eine von dessen Grundeigenschaften, das Bedürfnis nach Zeitlosigkeit und damit dem Unsterblichen.
Weininger – Exponent des „jüdischen Selbsthasses“
Einer noch seltsameren Beweisführung entspringt der Hass auf das Jüdische, dem Weininger, der im katholischen Wien auch noch zum Protestantismus übergetreten war, selbst entstammte, weshalb der Hannoveraner Philosoph Theodor Lessing seinen bekannten Begriff vom jüdischen Selbsthass gerade an ihm festmachen konnte. Obwohl er sich vieler antisemitischer Klischees bedient, gehört Weininger nicht dem konjunkturellen Modehass seiner Zeitgenossen Karl Lueger, dem Bürgermeister von Wien, oder Georg von Schönerer, Gründer der deutsch-nationalen Partei in Österreich, an. Er leidet nicht an seiner "Rasse" oder Religion, sondern an der psychischen Konstitution eines Unterdrückten, welche seinem Streben nach Autonomie zuwider läuft, es ist das Gefühl einer tiefen Schuld, vergleichbar der Schuld des Mannes an der Frau.
Quellen:
- Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Berlin: 1980 (Reprint).
- Otto Weininger. Über die letzten Dinge. Berlin: 1980.
- Peter Kampits: Zwischen Schein und Wirklichkeit. Eine kleine Geschichte der Österreichischen Philosophie. Wien: 1984.
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