
- Umgestürzte Bäume auf der Drawa - Silka Riedel
In der flotten Strömung treibt der Kanadier dem querliegenden Baumstamm entgegen, jetzt hilft nur noch der entschlossene Einsatz des Paddels, um der drohenden Kenterung zu entgehen. Beherzt pflügt das Paddelteam durch das Wasser, das Kanu neigt sich bedenklich zur Seite, aber sie erreichen gerade noch rechtzeitig den schmalen Durchlass am rechten Flussufer. Einmal tief durchatmen, nochmal gut gegangen, aber flussabwärts wartet bereits das nächste Hindernis.
Die Drawa bietet eine der schönsten Kanutouren in Polen. Sie entspringt im „Tal der fünf Seen“ im Herzen der pommerschen Seenplatte ca. 130 km östlich von Stettin. Ihr Weg führt sie durch eine anmutige Moränenlandschaft, die durch die letzte Eiszeit entstanden ist. Der Fluss zeigt auf seiner gesamten Länge von 190 Kilometern einen stark wechselnden Charakter.
Papst Johannes Paul II. paddelte auf der Drawa
Mit ihren zahlreichen Mäandern durch Wiesen und Wälder bietet die Drawa Kanufreunden wunderbare Möglichkeiten, die Natur vom Boot aus zu genießen. Sie bildet immer wieder beeindruckende Schluchten und Täler und durchfließt bis zu ihrer Mündung in die Notec insgesamt 16 Seen. Aufgrund ihrer schnellen Strömung und der Gestalt ihres Flussbettes ähnelt sie vor allem in ihrem Unterlauf einem Bergfluss.
Das idyllische Seengebiet erstreckt sich von Czaplinek bis Krzyz und umfasst das Waldgebiet Puszcza Drawska sowie Teile des 1990 eingerichteten Drawa-Nationalparks. Die Wasserqualität ist gut und das Baden ist überall möglich. Auch Papst Johannes Paul II. paddelte zu seiner Zeit als Priester Karol Wojtyla mehrfach auf der Drawa, woran heute noch Gedenksteine und Altäre am Ufer erinnern.
Umgestürzte Bäume und starke Strömung auf der Drawa
Viele Besucher starten mit ihren Kanus in Drawno, wo sich jeder für die Fahrt durch den Nationalpark anmelden und eine Gebühr entrichten muss. Danach machen sie sich auf, den schönsten Teil der Drawa vom Wasser aus zu erkunden. Manchmal müssen die Paddler ihre Kanus gut steuern können und Hindernisse umfahren wie zum Beispiel den „Otterfelsen“, einen riesigen Findling. Schnelle Entscheidungen sind zu treffen, um das Umkippen des Bootes zu verhindern, da zahlreiche umgestürzte Bäume die Weiterfahrt erschweren. Das Flussufer ist kurvig und sehr malerisch. Die zuweilen steilen Abhänge des Drawa-Tals sind überwiegend mit Buchen bewachsen, aber es gibt auch zahlreiche alte Eichen und Kiefern. Unterwegs erscheinen Rehe, Hirsche und Wildschweine am Ufer, aber auch Otter und Biber halten sich am Wasser auf.
Die Bunker des Pommernwalls und ein Waldfriedhof
Unterwegs sind am Ufer immer wieder zerstörte Bunker des sogenannten Pommernwalls zu sehen, der bis 1945 die stark befestigte Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen darstellte. Nahe einer Flusskurve besteht die Möglichkeit, einen alten Waldfriedhof zu besichtigen. Er stammt aus einer Zeit, zu der das Gebiet des Drawa-Nationalparks dichter besiedelt war und die Menschen sich von der Flößerei, von Glashütten oder der Landwirtschaft ernährten. Einen ungewöhnlichen Anblick bieten die vielen Grabsteine in Form von abgebrochenen Säulen, die von Blattwerk umrankt werden. Sie sollen den abgeschnittenen Baum des Lebens symbolisieren und lassen auch in diesem Detail den besonderen Charakter dieser Landschaft erkennen.
Die Biwakplätze der polnischen Nationalparkverwaltung
Nach dem intensiven Kontakt mit der Natur laden die gut ausgestatteten Biwakplätze der Nationalparkverwaltung dazu ein, das Lager aufzuschlagen und den Tag am knisternden Feuer in großer Runde ausklingen zu lassen. Der kulinarische Höhepunkt wird allabendlich durch das Motorengeräusch eines weißen Opel Kadett angekündigt. Darin befinden sich kiloweise selbstgebackene Apfel- und Käsekuchen sowie polnische Piroggen, die von einem freundlichen Mann im besten Vorruhestandsalter verkauft werden.
Für die gut 70 Kilometer bis zur Mündung der Drawa in die Notec benötigen die Paddler je nach Können und Muße drei bis sechs Tage. An der Mündung der Drawa in die Notec werden die Reisenden vom Bootsverleiher in Empfang genommen. Nach dem Verladen der Boote bietet sich ein kleiner Ausflug in die Stadt Krzyz an. Häufig treffen sich hier die Paddelgruppen wieder und lassen ihre Erlebnisse bei einem guten polnischen Bier Revue passieren. Eine wunderbare Zeit in freier Natur, voller Abenteuer und Romantik, geht zu Ende.
