Pancratius Capitolinus - eine kuriose Novelle aus der Eifel

Pancratius Capitolinus - Julius R. Haarhaus
Pancratius Capitolinus - Julius R. Haarhaus
Die römischen Baudenkmäler von Trier und die Helden der Antike regen Pancratius dazu an, den französischen Revolutionstruppen mutig Widerstand zu leisten.

Die Zeit der Besatzung des Rheinlandes durch die französischen Revolutionstruppen (1792-1814) hat in mehreren literarischen Werken ihren Niederschlag gefunden. Honoré de Balzac schrieb die Novelle Die Rote Herberge die in Andernach spielt. Clara Viebigs Roman „Unter dem Freiheitsbaum“ spielt ebenso in dieser Zeit wie die vielen Geschichten rund um die Person des Schinderhannes. Eine weniger bekannte Erzählung, die sich mit dieser Epoche befasst, ist „Pancratius Capitolinus“ von Julius Haarhaus. Dieser Autor wurde 1867 in Wuppertal geboren. Er war Buchhändler in Bonn und Leipzig. Bekannt wurde er vor allen Dingen als Herausgeber von „Reclams Universalbibliothek“. In dieser Funktion war er zu seiner Zeit eine wichtige Persönlichkeit des deutschsprachigen Literaturbetriebs. Er starb 1847 in Leipzig.

Schlüsselerlebnis: Trier und seine römischen Baudenkmäler

Die Hauptperson seiner Novelle „Pancratius Capitolinus“ ist die Gestalt des Pancratius Sackmann aus Daun. Dieser gehörte zu den größten Männern seiner Zeit – zumindest was seine Körpergröße betraf. Schon bei seiner Geburt wurde er von seinen Eltern für den geistlichen Beruf vorherbestimmt. Nach seinem Theologiestudium wird er Hofkaplan an der Schweppenburg im Brohltal, nicht weit von Burgbrohl entfernt. Er übernimmt dort schon sehr bald die Rolle des Verwalters, da der Besitzer der Burg, Freiherr von Geyr, sich nur selten hier aufhält. Für Pancratius stand es seit seiner frühesten Jugend fest, dass er passend zu seiner außergewöhnlichen Statur auch Außergewöhnliches vollbringen musste. Ein Besuch in Trier bewirkt in ihm eine außergewöhnliche Wandlung. Die römischen Bauwerke beeindrucken ihn. Er ist fasziniert von diesem „Rom des Nordens“ und kauft mit seinem letzten Geld noch ein Buch von Livius, in dem die heroischen Taten römischer Politiker und Feldherren gepriesen werden. Dieses Buch wird ab sofort zum Leitfaden seines Lebens – mehr als Bibel und Katechismus. Immer mehr verliert er sich in der Gedankenwelt dieses Buches. Immer mehr entfernt er sich von seiner wirklichen Umgebung.

Die „One-Man-Show“ des Büchernarren

Als 1792 die französischen Revolutionstruppen ins Rheinland einmarschieren, sieht der römische Feldherr seine historische Chance gekommen. Er fühlt sich vom Schicksal dazu berufen, das Brohltal gegen die eindringenden Franzosen – für ihn sind es natürlich die Gallier – zu verteidigen. Er verschanzt sich in seiner Burg. Ungeduldig wartet er auf seine historische Mission. Eines Tages ist es dann soweit: Ein versprengter Trupp französischer Soldaten nähert sich der Schweppenburg. Aber – welche Enttäuschung! – die Gallier lassen die Schweppenburg und den zum Äußersten entschlossenen römischen Kommandanten einfach links liegen und ziehen weiter. Die Aufmerksamkeit der nächsten Truppe zieht er mit allen Mitteln auf sich, und es beginnt die Belagerung seines „Capitols“. Pancratius versucht, den belagernden Barbaren vorzutäuschen, dass die Burg von vielen Personen bewohnt und verteidigt wird. „Sein Geist, gewohnt aus den lauteren Quellen des Altertums zu schöpfen, verwies ihn auf den listenreichen Odysseus, der auch Verkleidungen nicht verschmäht hatte.“ Zunächst zeigt sich Pancratius in seiner ureigenen Gestalt als Geistlicher. Kurz darauf steht er mit der Perücke des ersten Burgherrn derer von Geyr am Fenster. Dann können die Belagerer das „rote, rundliche Antlitz einer drallen Magd bestaunen, deren nackte Arme einem Fleischermeister alle Ehre gemacht hätten.“ Die Gallier vor den Toren der Burg vernehmen dann auch die theatralischen Vorwürfe, die eine barsche männliche Stimme der Magd macht, die daraufhin in Tränen ausbricht und laut schluchzt. Aber die Zuschauer und Zuhörer da unten vor der Schweppenburg ahnen schon sehr bald, dass es sich hier um eine „One-Man-Show“ handelt.

Vom antiken Helden zum Narren

Aus der ideenreichen Inszenierung unseres tollkühnen Helden wird ungewollt eine Komödie. Aus dem Helden wird - wie so oft im Leben - ein Narr. Die Burg wird mühelos erobert.

Dies ist eine episodenhafte, lesenswerte und liebenswerte Erzählung, die mit ironisch-spöttischem Ton die großen Taten des Pancratius Sackmann beschreibt, der sich selbst natürlich den Namen Capitolinus zulegte. Angeregt durch seine römischen Vorbilder wollte dieser seiner Körpergröße auch militärisch-historische Größe zugesellen. Er ist ein sympathischer, weltfremd gewordener Büchernarr, an dem die Zeit vorüberzog wie die französischen Revolutionstruppen, der zwar versuchte, sich dieser Zeit entgegenzustemmen, der aber für diese nur eine kuriose Episode darstellte.

Diese Novelle ist nur antiquarisch erhältlich.

Johannes Dohler, Johannes Dohler

Johannes Dohler - Johannes Dohler - E-Mail: johannes.dohler@googlemail.com Jahrgang 1945, Geburtsort: Cochem/Mosel, Studium der Anglistik und Romanistik, ...

rss