Panettone - der Mailänder Weihnachtskuchen

Am Hof von Herzog Ludovico il Moro erfand ein junger Koch den Kuchen

Panettone classico - Christian Verlag
Panettone classico - Christian Verlag
Er ist zur Weihnachtszeit von keiner italienischen Kaffeetafel mehr wegzudenken, der Panettone classico. Das "Weihnachtsbrot" in Kuppelform ist mehr als 500 Jahre alt.

Langenscheidts Taschenwörterbuch „Italienisch“ übersetzt ziemlich prosaisch: „Art Stollen, Sandkuchen“. Die Beschreibung in den Standardwerken italienischer Kochkunst durchzieht schon eher weihnachtlicher Duft: „Ein sehr lockerer, hoher Hefekuchen mit Rosinen, Orangeat und Zitronat; in Kuppelform“. Die Rede ist vom Panettone Mailänder Art, der zur Weihnachtszeit von keiner italienischen Kaffeetafel wegzudenken ist, der zum Exportschlager wurde – und mehr 500 Jahre alt ist.

Der Panettone entstand am Mailänder Hof

Weil fast jeder Italiener ein Feinschmecker, ein „buongustaio“ ist, weil er auch die einfachste Mahlzeit zu zelebrieren versteht, hat er zugleich hohen Sinn für die Tradition entwickelt, in der heimische Koch- und Backkunst stehen. Und so zelebriert er zur Weihnachtszeit seit mehr als fünf Jahrhunderten den Verzehr des Panettone, den die Italiener in ihrem Überschwang „in seiner ursprünglichen Form unsterblich“ nennen. Und mit Akribie wird immer wieder die Geburtsstunde des Panettone nachgezeichnet.

Es geschah am Mailänder Hofe des nicht nur machthungrigen Herzogs Ludovico il Moro (der Dunkle), unter dessen Herrschaft die Kultur der Renaissance in der lombardischen Metropole ihre größte Pracht entfaltete, dem auch Leonardo da Vinci zu Diensten stand. Und ein junger Koch mit dem auf österreichische Abstammung deutenden Namen Toni. Dieser junge Mann „erfand“ den Panettone zur Krönung des Festtagsmahls, zu dem der Herzog geladen hatte. Wobei andere, romantischere Überlieferungen sagen, Toni habe diesen Kuchen gar nicht für Ludovico erfunden, sondern in einiger Verliebtheit für seine Angebetete.

Das Mailänder Weihnachtsbrot – mit dem Kreuzzeichen

Was Koch Toni seinerzeit kreiert hatte, war allerdings nicht so süß wie heutzutage üblich, hatte auch nicht die inzwischen gewohnte Kuppelform, sondern war wie ein langes schlankes Weißbrot, das in Italien „filone“ genannt wird. Darum wird der Panettone auch „Mailänder Weihnachtsbrot“ genannt, das früher in den Familien erst am Weihnachtsabend unter der strengen Aufsicht des Hausherrn gebacken wurde. Bevor das Brot in den Backofen kam, ritzte er mit einem Messer ein Kreuz als Segenszeichen auf den Laib. Und jedes Familienmitglied erhielt eine Scheibe auf den Teller, denn dies brachte Glück und Wohlstand im kommenden Jahr.

Der Kuchen wird auch mit Eiscreme gefüllt

Solche Zeremonien sind heute weithin vergessen. Das „Weihnachtsbrot“ in Kuppelform wird industriell hergestellt – mehr als 130.000 Tonnen sind es inzwischen Jahr für Jahr. In den Läden locken zuhauf die giftgrünen, knallroten oder violetten Schachteln mit der Aufschrift „Panettone classico“. Und anstatt das Kreuzzeichen einzuritzen, wird bei vielen daheim von der Kuppel eine Kappe abgeschnitten, das Weihnachtsbrot ausgehöhlt und mit Eiscreme gefüllt. Dann hat man einen köstlichen „Panettone ripieno di gelato“.

Auch die Touristen sind auf den Geschmack gekommen

Das Kreuzzeichen findet man nicht mehr, dafür aber den Panettone in den Supermärkten das ganze Jahr über: Seit auch die Touristen auf den Geschmack gekommen sind, ist aus dem „Weihnachtsbrot“ eine Ganzjahresleckerei geworden. Allerdings wird der Panettone außerhalb der Weihnachtszeit nicht in knallbunter Verpackung angeboten, sondern schlicht in Klarsichtfolie eingeschweißt – damit auch der Unkundige weiß, was er kauft.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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