
- Burgenland, Ziehbrunnen in der Region Jennersdorf - Bernd Keiner
Ein schnauzbärtiger Weinbauer mit verschwitztem Gesicht lehnt lässig am Gartenzaun und stützt sich auf seinen vom Lehm verschmierten Spaten. Freundlich nickt er dem Neuankömmling zu und fragt nach dem Woher und Wohin. Und wenig später sitzt man auf einer schattigen, mit Efeu überrankten Terrasse. Auf dem derben Holztisch funkelt bernsteinfarbener Wein neben Speckseiten, Zwiebeln und Schmalzschnitten, so groß wie Frisbeescheiben. Im Talgrund verlieren sich die Mäander der Pinka in der Weite der pannonischen Tiefebene. Keine Hochspannungsleitungen, keine qualmende Schlote, keine Reihenhaus-Silos oder Autobahnkreuze, dafür weiß getünchte niedrige Häuser in einer hügeligen Rebenlandschaft. Im gesamten Südburgenland gibt es kein Hotel, welches eine komplette Busladung Touristen aufnehmen könnte.
Das Burgenland, Österreichs sonniger Südzipfel
Die Burgenländer sind liebenswerte fröhliche Menschen: Mischblütler – teils ungarische Zigeuner, teils Kroaten, Slowenen und selbstverständlich auch ein bisschen Österreicher. Für die Wiener allerdings gelten sie als „orientalische Dörfler“, doch darüber beschwert sich selten jemand. Man lebt und lässt leben, ist zeitlos und müßig. Die Sonne scheint häufig, und wer in diesen abgelegenen Winkel der Alpenrepublik reist, kann seinen Regenschirm getrost zuhause lassen. Von Pfingsten bis zum Spätherbst dauert gewöhnlich die Schönwetterwetter-Periode, dann sind Regentage ebenso selten wie die zartvioletten, von Botanikern aus aller Welt so hochgeschätzten, glockenförmigen Blüten der Schachblume in den sauren Wiesen von Hagensdorf und Luising.
Pannonien, ein heiß umkämpftes Grenzgebiet
Als Grenzgebiet war Pannonien von je her ein Schmelztiegel der Balkanvölker und eine Bastion der vereinigten westlichen Staaten gegen Mongolensturm und Türkengefahr vergangener Jahrhunderte. Die trutzigen Wehrburgen von Güssing, Varazdin und Eberau gewährten eine gewisse Sicherheit, doch in den umliegenden Dörfern und Weilern, wo die Menschen täglich um ihr Überleben kämpfen mussten, konnte niemand ständig ohne Furcht leben und Schätze ansammeln. Es war ein Dasein auf Abruf, und wenn die Säbel schwingenden Janitscharen brandend und mordend in Richtung Wien zogen, mussten die Landleute alles liegen und stehen lassen, um das blanke Leben zu retten. Liegt man heute unter den uralten Eichen auf dem Schlößlberg bei Mogersdorf, kaut lässig auf einem Grashalm und lässt die „Seele baumeln“, kann man sich kaum vorstellen, dass hier am 1. August 1664 eines der blutigsten Gemetzel der Balkan-Geschichte geschlagen wurde: Kreuz gegen Halbmond. Einheimische Fremdenführer schildern gestenreich wie das vereinte Christenheer durch eine Furt der Hochwasser führenden Raab gegen die türkische Übermacht ins Feld zog.
Heile Welt Südburgenland
Der genießerische Wanderer kann sich beim Anblick der friedlichen Dörfer und blühenden Wiesen beim besten Willen nicht mit solch bewegter Historie beschäftigen. Viel mehr interessiert ihn der Duft von Heu, Flieder und Margariten. Hummeln, Bienen und andere Bestäuber klettern emsig von Blüte zu Blüte und vernaschen so manches wohlriechende Pflänzchen. Wolken ziehen vorbei, der Tag spaziert dahin. Ganz in der Nähe des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ fließt die Raab durch Getreidefelder, Kartoffel- und Rübenäcker und kleine Ortschaften, die sich kaum von einander unterscheiden, und in denen irgendjemand vor Jahrzehnten die Zeit angehalten hat. Hühner, Gänse, Kühe, Misthaufen und Holzstöße sonnen sich vor den Bauernhäusern. Dazu bellende Hunde, der übliche Dorftratsch, rote Begonien an den Fenstern und die windschiefen Schuppen der freiwilligen Feuerwehr.
Musische Sommerkurse von Neumarkt
Neumarkt jedoch ist anders. Splitternackt hüpft ein blondes Mädchen von barockem Format auf eine Fotografengruppe zu, Bumerangs surren über Stroh gedeckte Dächer, Farbbeutel zerplatzen auf riesigen Leinwänden und auf einem Baumstumpf kauernd, zupft ein bärtiger Barde voller Verzückung auf seinem Kontrabass. Keine Panik, selbst wenn hinter abstrakten Steinplastiken jemand steht und sein Mund auf und zu schnappt – dieser Mensch übt wahrscheinlich gerade den lautlosen Schrei. All dies und noch ein bisschen mehr, gehört zu den „Musischen Sommerkursen von Neumarkt“, die seit 1971 regelmäßig von Künstlern wie Christian Ludwig Attersee, Martha Jungwirth, Hildegard Unterweger, Christoph Donin, Monika Lichtenfeld veranstaltet werden.
Das einfache Leben im Künstlerdorf
Das Programm umfasst Workshops für Musik, Ballett, kreative Fotografie, Töpfern, Malen, Batik, Holzschnitt und bäuerlichen Alltag. Man lebt hier für ein paar Tage oder Wochen mit den Dörflern, isst Kartoffelsuppe, Pilze, Mehlspeisen, daumendicke Schinkenbrote und holt Milch und Eier direkt aus dem Stall. Am Abend sitzt man unter Kastanien, raucht, trinkt, musiziert und redet. Heile Welt für eine Hand voll Euros pro Woche und Kursteilnehmer, einschließlich sämtlicher Arbeitsrequisiten und ungeachtet der politischen oder nationalen Zugehörigkeit.
Quellen: Tourismusverband Jennersdorf, eigene Recherche im Burgenland
