
- Papua-Neuguinea, der Sepik River - Bernd Keiner
Der größte Strom Melanesiens ist eine deutsche Entdeckung. Der Ethnologe Otto Finsch erforschte 1885 im Auftrag des Reichskolonialamts die Region. Zu Ehren der deutschen Kaiserin gab er dem unbekannten Gewässer den Namen Kaiserin Augusta-Fluss. Der Sepik hat viel Ähnlichkeit mit dem Amazonas: zahlreiche Nebenflüsse, breite Überschwemmungsgebiete und eine artenreiche Fauna und Flora. Er entspringt im zentralen Hochland, fließt in weiten Mäandern träge durch eine archaische Landschaft und mündet ziemlich unspektakulär am Kap Franseski in die Bismarcksee.
Kanganaman, eines der ältesten Sepik-Dörfer
Der Sepik ist ein Wunderland, ein schweigender stiller Strom. Rechts und links wucherndes Schilf, unbekannte Bäume und Büsche. Feuchter lehmiger Geruch steigt auf, gelegentlich durchzogen von Rauch, Fäulnis und Blütenduft. Am Horizont erheben sich die Buckel der Hunstein-Kette mit Kronen aus Quellwolken. Eine brütende stechende Hitze belastet Kreislauf und Atmung, lässt Schweiß literweise aus den Poren tropfen. Durch den grauen Schlick der Uferregionen stelzen weiße Reiher, auf der Suche nach einem Imbiss. Aus einer Flussbiegung zweigt ein gewundener Seitenkanal ab und zieht sich durch Kolonnaden aus Bambusspalieren, Sagopalmen, Regenbäumen und großblättrigem Buschdickicht. Am Ende des Tunnels aus Blättern, Ästen und Schlingpflanzen stößt man auf eine lehmige Lichtung, an der ein paar Einbäume liegen. Von ihr führt ein breit getretener Pfad nach Kanganaman, einem vierhundert Jahre alten Dorf.
Imponierend, das Geisterhaus von Kanganaman
Von den Menschen und ihren Behausungen ist nicht viel zu sehen. Stattdessen bewegt man sich durch eine Furt aus stoppligem Gras, einem längst ausgetrockneten ehemaligen Altwasser des Sepik, den aufgeworfene, mit Blüten überzogene Erdwälle flankieren, direkt auf ein imponierendes Geisterhaus zu, das hochbordig wie eine Hanse-Kogge zum Himmel aufragt, die offenen Giebel gebläht wie Spinnaker. Einer Galionsfigur gleich, spreizt eine nackte hölzerne Jungfrau ihre langen Schenkel. Jeder, der die angelehnte Leiter entert und das Oberdeck des Geisterhauses betritt, gelangt – symbolisch betrachtet – in ihren behüteten Schoß, wo man beschützt und geborgen ist, wie im Leib der eigenen Mutter.
Das Haus Tambaran, Treffpunkt der Honoratioren
Im luftigen Erdgeschoss befindet sich der Hangout für die Honoratioren, ein derbes Dutzend Männer, deren braune Rücken sich gegen die mächtigen Pfeiler lehnen, die das geschwungene Dach des Haus Tambaran tragen. Einige Feuer glimmen und verbreiten beißenden Rauch, was hilft, die Moskitos fernzuhalten. Im Zentrum des Versammlungsraums steht der spirituelle Stuhl, ein prachtvoll geschnitztes Kunstwerk. Unter ihm sind die Schädel dreier Ahnherren vergraben, deren Weisheit und Rhetorik sich auf jeden Redner übertragen soll, der auf diesem Stuhl Platz nimmt. Die unterschiedlichen Darstellungen auf der Rückenlehne stehen für Sonne und Mond, für den ewigen Kreislauf des Lebens. Alles fließt – die Tränen vom Rauch, der Schweiß, die lethargischen braunen Fluten des Sepik.
Mit der Kalibobo Spirit auf dem Sepik
Mit ihm treibt die Kalibobo Spirit in der trägen Strömung. Nach hundertfünfundsiebzig Meilen ist der Wendepunkt der Flussreise erreicht. An Bord herrscht gute Stimmung. Die etwa sechzehn Passagiere sind zufrieden, mit sich, dem Wetter, dem Service und vor allem mit den Mengen an Souvenirs und Artefakten, die sich in den Ladeluken stapeln und deren Rücktransport mit Sicherheit einige Probleme bereiten dürfte. Aber daran denkt momentan niemand. Man erfreut sich an der jahrtausendealten Flusslandschaft. An den Ufern stehen winkende Menschen. Einbäume werden ins Wasser geschoben, bemannt mit übermütigen Kindern, die sich mit dem Schiff Wettrennen liefern, lachen, rufen und kopfüber in die Fluten springen. Kindliche Lebensfreude – natürlich und rein. Vereinzelt tauchen Lichtungen mit einer Handvoll Stelzenhäusern auf, die sich farblich wie architektonisch harmonisch in die Landschaft einfügen. Und pünktlich, eine Stunde vor dem Abendessen, legt sich die Abenddämmerung wie Goldstaub über das weite Sepikbecken.
Quellen: eigene Recherche in Papua-Neuguinea
