Paris – Ein Fotoband fürs Leben

Cover - Helmut Newton
Cover - Helmut Newton
Ein opulenter Bildband dokumentiert die Geschichte der französischen Metropole von 1830 bis zur Gegenwart.

Als "spektakuläres Geschenk Frankreichs an die ganze Welt" kaufte die französische Regierung 1839 eine Erfindung, die in ihrer Wirkung dem Buchdruck Gutenbergs gleichkam: das Verfahren, die Realität mit Hilfe eines technischen Apparats abzubilden – so, wie sie tatsächlich ist und nicht interpretiert durch die Augen eines Malers. Louis Daguerre hatte seine Erfindung "Daguerreotypie" genannt und sie am 7. Januar 1839 der französischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. Seit 1835 hatte er an dem Verfahren getüftelt. Die älteste erhaltene Daguerreotypie entstand 1837 und zeigt ein Stillleben aus dem Atelier des Erfinders. Eine andere wurde zwei Jahre später aufgenommen und hält einen Augenblick um 8 Uhr morgens auf dem Boulevard du Temple fest. Wobei dieser "Moment" wegen der nötigen Belichtungszeit rund 30 Minuten dauerte.

Trotzdem ist die mittlerweile 173 Jahre alte Aufnahme von einer beeindruckenden Schärfe: Auf den umliegenden Häusern sind einzelne Dachpfannen zu erkennen, die Schornsteine von scherenschnittartiger Präzision. Unten links im Bild sieht man einen Schuhputzer, der einem Kunden die Stiefel wienert. Da dies eine relativ bewegungsarme Tätigkeit ist, sind auch diese beiden Figuren konturenscharf festgehalten.

Ein Geschenk für den Bayernkönig

Das Bilddokument, eines der ältesten der Welt, darf im Fotoband "Paris – Porträt einer Stadt" natürlich nicht fehlen (das Original schenkte Daguerre übrigens dem Bayernkönig Ludwig I.; mittlerweile befindet es sich, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, im Besitz des Münchner Stadtmuseums).

"Diese zuweilen geisterhaften Bilder", heißt es im ersten Kapitel des von Jean Claude Gautrand herausgegebenen Bandes, "sind die ersten, auf denen das Paris von 1840 festgehalten ist. Sie leiten eine lange Liebesgeschichte zwischen der Fotografie und Paris ein, der ersten Stadt auf der Welt, die ein fotografisches Zeugnis vom Reichtum ihres historischen Erbes bewahrt."

Die Erfindung der Fotografie fällt in eine Zeit großer historischer Umbrüche, und das neue Medium wird im noch eingeschränkten Rahmen seiner Nutzbarkeit ausgiebig verwendet, um die Zeitläufte im Bild festzuhalten. Neben geradezu malerisch genrehaften Alltagsszenen von Charles Nègre, der italienische Straßenmusiker ablichtet ("Die Pifferari", "Der Leierkastenspieler", beide um 1850), eine Stadtansicht der Pariser Brücken in der Totalen liefert (1842) und bereits einen gewissen Humor erkennen lässt ("Der Dämon", 1853), wird die Fotografie rasch zu einem Instrument der Geschichtschreibung, bewahrt, was zerstört wird.

Das Paris, wie es die Fotografien von Hippolyte Bayard, Edouard-Denis Baldus, Charles Marville und vielen anderen der ersten Daguerreotypen-Generation festhalten, existiert nur noch in ihren Bildern. Den Wandel der teilweise noch von mittelalterlich anmutenden Straßenzügen geprägten Stadt zu einer modernen Metropole, für die vor allem der Präfekt Georges-Eugène Haussmann verantwortlich zeichnete, dokumentieren großformatige Aufnahmen zahlreicher, teils anonymer Fotografen.

Auch Schauspieler erkennen schnell den Wert des revolutionären Mediums, das, wenn schon nicht ihre vergängliche Kunst, so doch zumindest einen Moment davon für die Nachwelt konserviert. Zu ihnen gehören etwa der Mime Charles Deburau (1857), dem Jean-Louis Barrault fast ein Jahrhundert später in "Kinder des Olymp" ein filmisches Denkmal setzt, oder Sarah Bernhardt (1864), die als größte Schauspielerin ihrer Generation zur Legende geworden ist.

Die Wurzeln der Kriegsfotografie

Und von Anbeginn der Fotografie ein "dankbares" Sujet: die Kriegsberichterstattung. Deren Wurzeln liegen in der Dokumentation der Unruhen und Aufstände, die die französische Metropole seit Mitte des 19. Jahrhunderts erschüttern. Zeugnis davon legen Fotos von Auguste Bruno Braquehais ab, der die Tage der Pariser Kommune dokumentiert, oder André Adolphe Eugène Disderi, der die während der "Blutwoche" im Mai/Juni 1871 getöteten Aufständischen in ihren Särgen ablichtet – eines der ersten Bilder, das die grausamen Folgen blutiger Auseinandersetzungen für die Nachwelt festhält.

Auch weniger kriegerische Sensationen haben Eingang in das Buch gefunden, etwa die Lokomotive, die nicht rechtzeitig abgebremst werden konnte und 1895 durch die Fassade des Gare de Montparnasse auf die Place de Rennes gestürzt ist – ein ebenso faszinierendes wie bizarres Dokument des spektakulärsten Eisenbahnunfalls am Ende des 19. Jahrhunderts.

Je mehr sich der üppige Bildband der Gegenwart nähert, umso vertrauter werden naturgemäß die fotografischen Ikonen: Von den Pariser Weltausstellungen, selbstbewussten Demonstrationen voller Optimismus und Vertrauen in die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Technik, ist am nachhaltigsten die des Jahres 1889 in Erinnerung geblieben. Dieser Schau verdankt die Hauptstadt schließlich ihr bekanntestes Monument, den Eiffelturm. Dessen Baufortschritte wurden von Louis-Émile Durandelle festgehalten, und die Konstrukteure, Gustave Eiffel und Adolphe Salles, stellten sich selbstbewusst in schwindelerregender Höhe an der Spitze des Turmes für einen unbekannten Fotografen in Positur.

Paris - ein Fest fürs Leben

Über zwei Weltkriege hinweg und die Mai-Aufstände von 1968 bis ins Jahr 2007 reicht die Auswahl der Fotografien dieses fast fünf Kilo schweren Buches, das Werke der berühmtesten Bildkünstler des vergangenen (und dieses) Jahrhunderts versammelt – von Erwin Blumenfeld über Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Andreas Feininger, Gisèle Freund, Helmut Newton und Bettina Rheims, Jeanloup Sieff, Wolfgang Volz bis hin zu Ellen von Unwerth. Kurze Essays zwischen den Bildstrecken fassen die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt zusammen; Kurzbiografien der Fotografen und Fotografinnen komplettieren den Prachtband.

"Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir … denn Paris ist ein Fest fürs Leben." Ernest Hemingways berühmter Ausspruch steht quasi als Fazit am Schluss des Buches. Er ist - natürlich - nostalgisch verklärt, aber wer würde dem Amerikaner, der wie so viele seiner Landsleute sein Herz an die französische Hauptstadt verloren hat, schon widersprechen wollen?

Paris. Porträt einer Stadt, hrsg. Von Jean Claude Gautrand, deutsch, englisch, französisch. Taschen-Verlag Köln, 624 Seiten, 49,99 Euro.