
- Romantik in einem Pariser Park - A. Blei
Paris. Liebe, Lust und Leidenschaft. Traumhafte Kulissen für traumhafte Momente. Hier lässt sich das große Abenteuer zweier Herzen noch effektvoll inszenieren.
Nach mehreren Jahren Aufenthalt in dieser Traumblase folgt leichte Ernüchterung, wie ein schlechter Morgen nach einer noch schlechteren Nacht. Diagnose: Realität.
Die Kunst des Annäherns
Was sich liebestechnisch auf den Straßen « de la capitale » abspielt wirkt zuweilen wie eine schlecht geprobte Theateraufführung. Die Bühne ist frei gewählt, zumeist aber ein großer Platz mit vielen Möglichkeiten zum professionellen „Angraben“. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie einfallslos. Ein Widerspruch? Mitnichten, in der Stadt der Liebe bleibt die Liebe allzu oft liegen.
Als Frau kann man sich den dreisten Liebesgöttern nicht entziehen – besonders eine Gegend wie die Bastille bietet hierfür einen perfekten Ort: wenige Fluchtmöglichkeiten, ein weit zu überblickendes Feld für « les professionnels » und viele Metroausgänge, aus denen immer wieder neue Eroberungen hervorsteigen.
Ein Klassiker der Eroberungstechniken ist hierbei das einfache wie geniale « Mademoiselle - vous avez fait tomber quelque chose ! [i]» Auf ein verdutztes Reagieren der angesprochenen Mademoiselle wird nun die Auflösung des Rätsels verraten: „Mon coeur!“ – „Mein Herz!“ Scheint dies nicht zum gewünschten Erfolg zu führen, dann muss improvisiert werden: Die bis dahin so unschuldige Dame wird eines dreisten Diebstahls bezichtigt – das Herz des armen „dragueur“ soll das Objekt des Verlustes sein!
Männliche Verführung, oder von der Leichtigkeit des Scheins
Führen all diese Charmeoffensiven nicht zum gewünschten Erfolg, dann folgt die zweite, entscheidende Phase: Durch geschicktes Positionieren im direkten Blickfeld der begehrten Frau (ca. 30cm vor ihrem Gesichtsfeld) können die männlich-sinnlichen Vorteile des Bewerbers voll zur Geltung kommen. Durch lockere Gesprächsthemen à la „Sie sind sehr hübsch Mademoiselle, darf ich ihre Nummer haben“ oder ein verlockendes Angebot zu einem romantischen Stell-dich-ein in einer nahegelegenen Bar (Achtung – bei einer positiven Antwort gibt die Frau automatisch ihr „d’accord“ zum Erscheinen weiterer Freunde des Glücklichen Romeo!) soll auch noch die schüchternste der weiblichen Gattung im Sturm erobert werden.
Bei konstant durchgehaltenem Ignorieren oder dem Auftauchen des eigentlichen Freundes lösen sich die Hauptakteure des kleinen Theaterspiels meist in Luft auf, und was bleibt ist nur die Erinnerung.
Hoffnung und Realität
So unterscheidet sich das Paris der Wirklichkeit deutlich von dem „Paris – je t’aime“ der Filmindustrie. Aber das ist kein Grund zur Besorgnis – im Gegenteil – auch Paris ist „nur“ eine Stadt unter vielen und hilft der Liebe nicht magisch nach. Am Ende hängt es an einem selbst zu „verzaubern“ – die Stadt der Liebe ist die Stadt der Liebenden. Nicht die Kulisse ist das Problem, es sind die Akteure, die dem Ruf der melancholischen Metropole zusetzen.
Vielleicht brauchen die Franzosen ja doch ihr „Hollywood“ à Paris - um zu sehen, wie es funktioniert mit der Romantik. Im Sommer zumindest, wenn Touristenströme die romantischen Kulissen mit ihrer Vorstellung verschmelzen lassen, dann sitzt der Pariser schon in seinem Strandhaus in der Bretagne.
[i] Übersetzung: „Madame, sie haben da etwas fallen gelassen!“
