
- Cover Schreyer, Die Nation als Zauberwort - Ergon
Wie entstand und entwickelte sich das deutsche Parteiensystem im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Welche ermöglichenden oder einschränkenden Auswirkungen hatte das Parteiensystem auf die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft? Unter den zahlreichen Antworten, die Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie auf diese Fragen gegeben haben, sind diejenigen von Mario Rainer Lepsius und Karl Rohe besonders einflussreich auf die weitere Forschung gewesen.
Sozialmoralische Milieus
Lepsius hat die These aufgestellt, dass sich das deutsche Parteiensystem im 19. Jahrhundert um vier sozialmoralische Milieus herausgebildet hat: ein katholisches Milieu quer durch alle Klassen und Schichten (politischer Katholizismus), ein sozialistisches Milieu aus der protestantischen Arbeiterschaft (SPD, später auch KPD), ein städtisch- bürgerliches Milieu (Liberalismus) und ein ländlich- agrarisches Milieu (Konservatismus). Die Parteien hätten sich, so Lepsius, als Interessenvertretungen ihres jeweiligen Milieus verstanden und daher ihr politisches Handeln unzureichend an einer gesamtstaatlichen Verantwortung ausgerichtet. Dies habe sich als Hindernis für eine Demokratisierung erwiesen.
Politische Lager
Während die katholische und sozialistische Milieubildung in der Parteiensoziologie weitgehend als Konsens gilt, ist bezweifelt worden, dass sich auch Liberalismus und Konservatismus um geschlossene Milieus herausbildeten. Daher hat Karl Rohe das deutsche Parteiensystem in Lager eingeteilt, die sich weniger durch sozialstrukturelle und konfessionelle Gemeinsamkeiten als durch Außenabgrenzung gegenüber den anderen politischen Lagern definierten. Liberalismus und Konservatismus hätten sich über die nationalistisch motivierte Abwehr innerer und äußerer „Reichsfeinde“ zu einem „nationalen Lager“ vergemeinschaftet. So kann Rohe die Wahlerfolge der NSDAP Anfang der 1930er Jahre als ein Aufsaugen des „nationalen Lagers“ interpretieren. Gegen diese Deutung ist wiederum eingewandt worden, dass jenseits eines „reichsfreundlichen“ Minimalkonsenses die Parteien von den Linksliberalen bis zu den antisemitischen Splittergruppen keine politischen Gemeinsamkeiten besaßen. Ihre Programme seien vor allem in der Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftspolitik strukturell unvereinbar gewesen.
Heterogenität des „nationalen Lagers“
Bernhard Schreyer hat nun in einer politikwissenschaftlichen Studie nachgewiesen, dass sich die Parteien des „nationalen Lagers“ auch in ihren Nationskonzepten fundamental voneinander unterschieden. Aus den Schriften prominenter deutscher Philosophen und Politiker gewinnt der Autor acht Idealtypen nationalen Denkens, deren Merkmalsstruktur sich nach Wertigkeit (intentional oder instrumentell), Integrationsstruktur (geschlossen oder offen) und Entfaltungsanspruch (kollektiv oder individuell) ausdifferenziert. Von den acht Idealtypen lassen sich vier unter den Parteien des „nationalen Lagers“ empirisch nachweisen. Der Liberalismus schwankte zwischen einem patriotischen (Merkmale = intentional, geschlossen, individuell) und demokratischen nationalen Denken (Merkmale = instrumentell, offen, individuell). Ein autoritäres nationales Denken (Merkmale = instrumentell, geschlossen, kollektiv) erkennt Schreyer bei den Konservativen und ein traditionales (Merkmale = intentional, geschlossen, kollektiv) bei der völkischen Bewegung.
Pluralismus im nationalen Denken
Als vordergründige Integrationsideologie führte der Nationalismus die bürgerlichen Parteien zwar zusammen, um eine Lagerbildung entlang der Demarkationslinie „reichstreu“ vs. „reichsfeindlich“ aufzubauen. Das, was die einzelnen „reichstreuen“ Parteien und Gruppierungen unter der Nation verstanden, war allerdings kaum miteinander zu vereinbaren und offenbart einmal mehr die Schwächen von Rohes Lagerthese.
Von der Politik- zur Geschichtswissenschaft
Schreyers Studie ist eher politik- als geschichtswissenschaftlich konzipiert, indem sie den Schwerpunkt auf Begriffsbildung und Kategorisierung legt. Zur Deutung einiger Schemata und Diagramme muss der Leser erst seine Kenntnisse in Vektorrechnung auffrischen. Die Quellenbasis der Studie ist dagegen denkbar klein und umfasst im Wesentlichen Parteiprogramme und einige Werke der „Höhenkammliteratur“. Daher forscht Schreyer an den Strukturen des „politischen Massenmarktes“ vorbei. Nationalistische Vergemeinschaftung über soziale Praktiken wie Versammlungen, Feste, Denkmalssetzungen kommt erst gar nicht ins Blickfeld. Ebenso wenig wie die Interessenverbände als Vorfeldorganisationen der Parteien.
Der Autor behauptet, das sozialistische und das katholische Lager hätten über keine eigene Nationskonzeption verfügt. (S. 8) Das entspricht eher den zeitgenössischen Unterstellungen („Reichsfeindschaft“) als der Realität. Die abweichenden Nationskonzeptionen von SPD und Zentrum hätten als Gegenprobe zu den Nationsvorstellungen im „nationalen Lager“ in die Untersuchung einbezogen werden sollen. So wären neben den Differenzen, vielleicht auch die nationalistischen Schnittmengen innerhalb des „nationalen Lagers“ sichtbar geworden.
Etwas kurios mutet an, dass Schreyer zwar zur Nationalismusforschung arbeitet, in seiner Studie aber den Nationalismusbegriff unbedingt vermeiden will, weil er in der Gegenwart einseitig negativ konnotiert sei. (S. 15) Sein Forschungsfeld ist aber das 19. Jahrhundert, in dem diese (angebliche) Diskreditierung nicht gegeben war. Hier, wie auch an manch anderen Stellen der Arbeit, hätte etwas mehr historisches Denken gut getan.
