
- Die Nudel kennt keine Grenzen - Lucia Weide
Jeder will es gewesen sein. Ob Chinesen, Japaner, Araber, Etrusker, Römer, Italiener, Franzosen oder gar Schwaben – die Herstellung von getrockneten Teigprodukten ist kochende Leidenschaft, deren Erfindung sich jeder gerne auf die Fahnen schreibt. Doch eines vorweg: Wer als erster Nudelwasser aufsetzte, ist letztlich gänzlich Nebensache. Zwar werden solche Pionier-Legenden heutzutage gerne marketingtechnisch ausgeschlachtet. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Idee der Trocknung von Teigprodukten als logische Entwicklung unabhängig in verschiedenen Kulturen ergeben hat, nachdem die Nutzbarmachung von Feuer zum Kochen und der routinierte Getreideanbau die Herstellung haltbarer Grundnahrungsmittel ermöglichte. Pasta ist mittlerweile weltweites Esskultur-Gut und kulinarischer Gradmesser der Globalisierung.
Die Nudeln als Alleskönner der Nahrungsmittel
Nudeln sind wohl das auf allen Ebenen vielfältigste Nahrungsmittel, das eine gemeinsame Bezeichnung trägt. Formen, Farben, Zubereitungsweisen, Getreidezutaten und Sortennamen gibt es unüberschaubar viele. Die Italiener, die den Umgang mit pasta vielleicht am überzeugendsten professionalisiert haben, verfügen beispielsweise über mindestens vier verschiedene Namen für kurze, gelockte Nudeln. Doch auch Chinesen sind einfallsreicher, als die Nummern 13 bis 19 (gebratene Nudeln mit Kostbarkeiten, diversen) auf den Speisekarten der Asia-Imbiss-Stätten vermuten lassen. Ob aus Weizen, Reis, Hirse, Mungobohnen, Buchweizen oder mit Ei hergestellt – asiatische Nudeln werden gekocht, frittiert, eingeweicht, gebraten oder als Nester serviert.
Synonymer Teig in vielfältiger Zubereitung
Doch wenn man genauer hinschaut, findet man auch in exotischen Vertretern der Nudel alte Bekannte in vielfältiger Zubereitung. Letztlich sind auch die asiatischen Wantans nicht viel mehr als knusprig frittierte Ravioli beziehungsweise in Suppe schwimmende Maultaschen. Doch auch andersherum gibt es japanische Weizennudeln, die Spaghetti sein könnten, wenn sie nicht etwas heller wären und Somen (dünner) und Udon (etwas dicker) hießen. Italiener benennen hingegen alles mit dem Plural paste, was aus Teig hergestellt wird – bis zum süßen Gebäckstück. Nur bei Pasta wird der Italiener zum exakten Wortakrobaten und kann mit hunderten Sortennamen aufwarten. Nicht umsonst wurde eigens der 2. Gang der traditionellen Menüfolge nach der Nationalspeise Italiens benannt.
Kleinster gemeinsamer Nenner: Die Nudel?
Nudeln galten lange als Armenspeise, und noch in den 90er Jahren konnte sich niemand durch seinen Vorrat an Dosen-Ravioli oder mit einer weltläufigen "Spaghetti Bolo"-Bestellung als Gourmet hervortun. Tatsächlich sind Nudeln unkompliziert in Herstellung und Handhabung, und als solche zum Beispiel bei arabischen Wüstenvölkern beliebt geworden, da lange bei trockener Hitze haltbar. Nudeln sind vielfältig kombinierbar, machen satt und haben einen sehr hohen Brennwert, weshalb sie auch als Energielieferant von Leistungssportlern geschätzt werden. Doch die Bandbreite der Teigteilchen hat sich enorm erweitert, so dass heutzutage auch frische, gekühlte Pasta zu kaufen ist, mit natürlichen Farben verschönt oder in Luxusversionen mit teuren Trüffeln veredelt. Nur eine Frage der Zeit, bis sich neureiche Russen frisches Blattgold über ihre Nudeln hobeln.
Cucina-Kultur: Mama Miracoli oder Don Paolo
Die italienische Kultur prägt das deutsche Bild der Nudel wie keine andere, doch die Ursprünge der pasta versanden in den Untiefen der Geschichte. Das den Römern vorangegangene Kulturvolk der Etrusker könnte bereits im Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung Nudelteig hergestellt haben, doch gesichertes Zeugnis geben erst die Römer der Antike. Im 18. Jahrhundert dann galt Neapel als Drehpunkt der Pastawelt, doch es war schließlich Paolo Agnese aus Genua, der die erste Fabrik für den lieb gewonnenen Nudelteig gründete – Mama Miracoli war zu der Zeit noch nicht einmal geboren. Oder war es doch der sizilianische Arm der Mafia, der das Nudelgeschäft als Tarnung für ungenießbarere Geschäfte forcierte?
Nudelogie oder die Evolution der Nudelformen
Nudeln sind das, was die Völker dieser Erde daraus machen: filigrane Glasnudeln in asiatischer Suppe, Spätzle mit soßenbindender Schwamm-Oberfläche (damit ja nichts weg kommt!), blasse Lasagne für die Mikrowelle oder seltsame Gebilde unter Vanillesoße und dem Namen Dampfnudel, die sich Bergvölker in ihrer abgeschiedenen Einsamkeit ausgedacht haben. Ob es möglich ist, über die Nudelformen einer Kultur auf ihr Wesen zu schließen, mag dahingestellt sein. Weitgreifende Forschungs-Ergebnisse hinsichtlich des Fundes rund 4.000 Jahre alter, konservierter Hirse-Nudeln im chinesischen Lajia stehen jedenfalls noch aus.
