Patras

Von Europa ignoriert: Eine humanitäre Katastrophe

Fähre - Pixelio
Fähre - Pixelio
Niemand will es wahrhaben, aber es ist Realität: Seit Jahren wird Griechenlands drittgrößte Stadt von Flüchtlingen, vor allem aus der Türkei und Afghanistan überschwemmt

1880 war Patras einer der bedeutensten Häfen Griechenlands. Es wurde schwunghafter Handel betrieben mit Leder, Wein und Korinthen. Englische und deutsche Kaufleute ließen sich dort nieder, jede europäische Großmacht war durch einen Konsul vertreten. Bevor sie das Tor für Flüchtlinge wurde, war sie das Tor für Auswanderer. Für Viele war sie das letzte Stück Europa, das sie sahen, bevor sie nach Amerika aufrbrachen. 2006 war Patras, die drittgrößte Stadt Griechenlands: 200.000 Einwohner, Brücke nach Europa, Europas Kulturhauptstadt. Dies bedeutete vor allem: Geld und Touristen. Danach versank sie wieder in Agonie. Etwa 230.000 Touristen kommen dort jedes Jahr an, nur die wenigsten bleiben.

Menschenschmuggel nach Westeuropa

Jedes Jahr versuchen tausende verzweifelter Flüchtlinge, vor allem aus Afghanistan und Kurdistan, in eines der EU-Länder zu gelangen, um Asyl beantragen zu können. Dies gelingt ihnen zumeist nur mit Hilfe von Schleppern, die sie teuer bezahlen müssen - nicht selten lassen sie dabei ihr Leben.

Istanbul ist die Drehscheibe des Menschenschmuggels zwischen der Türkei und Westeuropa. Von dort geht es weiter nach Griechenland. Wer es bis nach Patras geschafft hat, glaubt sich fast am Ziel.Aus Patras legen täglich Fähren nach Italien ab, nach Venedig, Ancona, Bari und Brindisi. Und dorthin zu gelangen, ist fast unmöglich. Italien hat kein großes Interesse an blinden Passagieren. Mittels elektronischer Spürgeräte werden die Flüchtlinge geortet und postwendend zurückgeschickt.

Mittlerweile schätzen Behörden die Zahl der Flüchtlinge in Patras auf etwa 1.000. Aufgrund der Dubliner Konvention und des Schengener Abkommens ist Griechenland, sobald die Flüchtlinge dort landen, ihr Erstaufnahmeland, in dem sie einen Asylantrag stellen müssen. Die Asylrate dort leigt jedoch bei unter einem Prozent.Wer es schafft, griechischen Boden zu betreten, wird in der Regel festgenommen, Personalien und Herkunft werden registriert, ebenso wie Fingerabdrücke. Ohne auf ihr Recht auf Asyl hingewiesen zu werden, bekommen sie einen adminstrativen Bescheid, der ihnen mitteilt, dass sie innerhalb eines Monats ausreisen müssen. Einige erhalten die "rosa Karte", eine Duldung mit Arbeitserlaubnis. Das tun die Wenigsten, denn sie wissen a) nicht, wohin, b) haben sie oft keinerlei Geld mehr. Das bedeutet für die Meisten, in Patras unter miserabelsten Bedingungen so lange auszuhalten, bis es ihnen gelingt, auf eine der Fähren zu gelangen.

Die Barackensiedlung

Seit mehr als zehn Jahren existiert in Patras, nicht weit vom Hafen entfernt, eine informelle Barackensiedlung der Flüchtlinge. Ohne Strom, ohne Wasser. Die Menschen vegetieren in selbstgebauten Hütten aus Pappe und Plastik. Die Kirche verteilt manchmal ein wenig Essen, das Rote Kreuz besucht - viel zu selten - das Lager.Den Anwohnern ist das Lager ein Dorn im Auge. In den letzten Wochen wurde mal wieder kräftig Stimmung gemacht. "Die Rechte der Flüchtlinge hören dort auf, wo die der Landbevölkerung anfangen", verkündete der Bürgermeister von Patras.Nachdem im Fernsehen berichtet wurde, die Bewohner des Camps hätten AIDS, werden sie von der Bevölkerung noch mehr gemieden und angefeindet. Die Flüchtlinge werden nicht ausgewiesen, dürfen aber auch nicht ausreisen - eine absurde Situation, die von der EU geregelt werden muss.

Verstecken, aufspüren, wegjagen

Jeden Tag das gleiche Bild: Kurz vor dem Ablegen der Fähren nach Italien sieht man Männer mit Rucksäcken über den Zaun des Hafengeländes klettern und auf die Lastwagen, die auf die Einschiffung warten, zulaufen. Die Fahrer trinken gerade Kaffee oder kaufen ihre Tickets. Sie verstecken sich bltzschnell in Hohlräumen, auf den Achsen oder in Reifenkästen. Die Kontrollen der griechischen Behörden sind eher lax - es ist ein offenes Geheimnis, dass auch Beamte am Menschenschmuggel dazu verdienen. Ausserdem sind sie froh über jeden, der das Land freiwillig verlässt. Nicht ganz so locker sehen die es Lastwagenfahrer. Wird in einerm ihrer Laster ein Flüchtling erwischt, wird der Fahrer verhaftet und der Lastwagen stillgelegt.

Opfer von Misshandlungen

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl hat schockierende Menschenrechtsverletzungen bei der Untersuchung der Situation in der Ägäis festgestellt und dokumentiert. So würde die griechische Küstenwache Flüchtlingsboote blockieren, die Insassen teilweise auf unbewohnten Inseln aussetzen oder auf dem offenen Meer ihrem Schicksal überlassen.

Julia Strelow, Stephan Wallocha

Julia Strelow - Autorin der Bücher: "Ratgeber Nachhilfe - Informationen, Adressen, Berichte" sowie "Jetzt sind wir dran?! - Frauen in der ...

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