
- Paul Auster: Unsichtbar - © Rowohlt
Als Junge schwört sich Adam Walker ein guter Mensch zu werden. Aber was, wenn die Liebe des Lebens die eigene Schwester ist? Was, wenn man an einen Mann gerät, der einen in einen Strudel von Unmoral und Verbrechen zieht? Was, wenn das Leben von Schuldgefühlen und Rachgedanken vergiftet wird? In Paul Austers neuer Roman „Unsichtbar“ geht es um Inzest, um Rache und Schuld. Und es geht um das unsichtbare Böse, auch in uns.
Im Frühjahr 1967 landet der intelligente und talentierte, aber scheue Literaturstudent Adam Walker, der Dichter werden möchte, eher widerwillig auf einer Party. Dort lernt er ein seltsames Pärchen kennen. Professor Born und seine mysteriöse, geheimnisvolle Freundin Margot. Beide deutlich älter als er selbst, beide irgendwie faszinierend und geheimnisvoll.
Walker ist misstrauisch, gar zu freundlich ist Born zu ihm. Der bietet ihm an, eine Literaturzeitschrift zu entwickeln, für die er die finanziellen Mittel bereitstellen will. Warum? Er kennt Adam doch gar nicht.
Ein unmoralisches Angebot
Aber es kommt noch wilder. Born ist ein Verführer, er macht Adam ein unmoralisches Angebot. Er bietet ihm Margot an. Adam ist verwirrt. Aber die geheimnisvolle Frau zieht ihn an. Er lässt sich widerwillig auf das Spiel ein und schläft mit ihr. Damit beginnt Adams Abstieg in die eigene Hölle. Er hat sich auf ein Spiel mit dem Teufel eingelassen. Und mit den eigenen Dämonen.
Scheint es zunächst nur um Sex zu gehen, folgt bald auch ein Mord, der Adam völlig aus der Bahn wirft: „Ich fühlte mich gedemütigt und wie betäubt. Born hatte mich besiegt. Er hatte mir etwas über mich beigebracht, das mich mit Abscheu erfüllte, und zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich, was es heißt, jemanden zu hassen. Ich konnte ihm niemals verzeihen – und mir selbst auch nicht.“
Der Held nimmt den Kampf mit dem Böse auf – und erfährt unerbittliche Wahrheiten
Adam nimmt den Kampf mit dem Bösen auf. Aber er kann sich selbst nicht verzeihen, denn mit seinen Rachegelüsten macht sich Adam selbst schuldig. Und in der Krise setzt der Prozess der Selbsterkenntnis ein: „Ich war gezwungen zu erkennen, dass ich nie der Mensch war, für den ich mich gehalten hatte, dass ich weniger gut, weniger stark, weniger mutig war, als ich mir eingebildet hatte. Entsetzliche, unerbittliche Wahrheiten.“
Bevor Adam Walker zum Angriff übergeht, flüchtet er ins Paradies. Er flüchtet, zur Frau die er liebt: zu seiner Schwester. Als sie Kinder waren, gab es eine sexuelle Annäherung zwischen den beiden. Unschuldig erschien sie ihnen, wie Adam und Eva im Paradies.
Doch diesmal gehen die beiden bis zum Äußersten, immer wieder. Die Reinheit der Kindheit ist längst verloren gegangen, sie haben bereits mit anderen Partnern vom Baum der Erkenntnis gekostet. Sie begehen eine Sünde, und wiederholen sie immer wieder.
Paul Auster schildert eine inzestuöse Beziehung
Inzest – ein brisantes Thema. Zumal es Paul Auster gelingt, diese Geschwisterliebe nachvollziehbar und höchst erotisch zu beschreiben. Es löst beim Lesen ein Unbehagen, eine Unruhe aus, die verstörend ist. Zumal es auch darum geht, inwiefern es moralisch verwerflich ist, wenn beide einverstanden sind.
Walker fühlt sich eher durch Born verführt. Bevor Born sich als schlechter Mensch und Mörder offenbart, hat Adam ihn betrogen. Er fühlt sich zwar verführt, aber er macht sich als erster schuldig.
Als Born nach einem Mord davon kommt, weil Adam glaubt, zu lange mit einer Anzeige gezögert hat, will er die Tat in einem Akt der Selbstjustiz rächen. Dabei verstrickt er sich immer mehr in Schuld. Er kann das Geschehene nicht wieder gut machen. Später heiratet er eine Frau, die den gleichen Nachnamen trägt wie das Mordopfer.
„Unsichtbar“ ist Krimi, Erotik- und Bildungsroman
Inzest, Schuld und Rache, aber auch Selbsterkenntnis – „Unsichtbar“ erweist sich als vielschichtiger Roman, der sich stellenweise wie ein Erotikthriller, teilweise wie ein Krimi liest. Und es ist – der Name des Protagonisten Adam Walker verrät es – ein Bildungs- und Entwicklungsroman. Es geht um die sexuelle Initiation des Protagonisten, das Reifen eines jungen Mannes. Nach der ersten sexuellen Erfahrung mit seiner Schwester, schreibt Adam: „...und du, der du vor dieser Nacht von nichts eine Ahnung hattest, tratest jetzt deine Ausbildung zum Menschen an.“
Später ist der Erkenntnisprozess fortgeschritten: „....Er (Adam) ist verrückt nach Sex. Selbst im Griff der fürchterlichsten Verzweiflung ist er verrückt nach Sex. Sex ist der Herr und Heiland, die einzige Erlösung auf Erden.“
"Unsichtbar" ist auch das Buch einer sexuellen Obsession. Aber dies ist nur ein Aspekt des vielschichtigen und anregenden Romans. Nicht alles kann hier angesprochen werden. Ewas, was Kritiker bei Auster immer wieder thematisieren, ist die Erzählform.
Paul Austers Erzählvarianten sind meisterhaft
Fast jedes Kapitel beginnt mit einer (bösen) Überraschung. Aber in jedem Kapitel überrascht Auster mit einer neuen Erzählperspektive. Das ist ein Stilmittel, das Spannung schafft. Aber es schafft aus Distanz zum Geschehen. Während man zum Beispiel als Leser des kürzlich veröffentlichten Romans "Ruhestörung" von Richard Yates einen Spiegel vorgehalten bekommt, blickt man bei Auster viel stärker als Fremder, Außenstehender drauf.
Der Roman beginnt in der Ich-Perspektive. Dann wechselt er die Perspektive, ein ehemaliger Studienfreund erzählt ebenfalls in der Ich-Form von seiner Bekanntschaft mit Adam. Er liest dann Adams Aufzeichnungen, die in der 2. Person Singular geschrieben sind. Eine ungewöhnliche Form. Es ist eigentlich eine Ich-Erzählung, da Adam aber von sich immer in der 2. Person also Du spricht, schafft er eine merkwürdige Distanz zu sich selbst. Mit Blick auf den Inhalt ist das zwar folgerichtig und kunstvoll, aber für den Leser zumindest anfangs ein wenig befremdlich.
"Unsichtbar" ist Paul Austers bester Roman
Das zentrale Motiv - darüber könnte man sicherlich diskutieren - ist das Thema Schuld. Auch hier lohnt sich ein Vergleich. Denn genau wie der französische Autor Emmanuel Bove in seinem 1931 veröffentlichten Roman "Schuld", der gerade erstmals auf deutsch erschienen ist, bezieht sich Auster auf Dostojewskis "Schuld und Sühne". Und wie Bove, nur eben auf ganz andere Art, ist auch Auster ein Meisterwerk gelungen. "Unsichtbar" ist nicht nur Austers extremster und intensivster, sondern auch sein bester Roman.
Paul Auster: "Unsichtbar", Roman aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt, 320 Seiten, 19,95 Euro
