Paul Cézanne und die Zentralperspektve

Das Bild in der Natur - Die Natur als kontrastreiche Fülle von Farben. Der französische Künstler Paul Cézanne schafft eine neue Idee der Perspektive.

Ein „gescheitertes Genie“ (Emile Zola) projektierte eine perspektivische Neudefinition auf die Leinwand. Der Künstler Paul Cezanne (*1839-1906) hegte Tag für Tag Zweifel an seiner eigenen Person und seiner Arbeit. Das Wesen der Natur war für ihn die einzige Schöpfung, in ihr fühlte er sich wohl, in ihr führte sein oftmals einsames Dasein zu einem grandiosen Schaffensprozess. Sein außergewöhnliches Sehen, sein Leben, die Kunstgeschichte wie auch seine geistige Krankheit ließen ihm eine Realität erschaffen, welche die Allgegenwart der Natur so zeigte wie er sie sah.

Paul Cézanne

Der französische Künstler Paul Cezanne wurde am 19. Januar 1839 in Aix-en Provence geboren und starb am 23. Oktober 1906 in seiner Heimatstadt. Er war einerseits ein Maler des Impressionismus, andererseits wandte er sich von dieser Kunstepoche ab.

Die Farbe erhielt zu dieser Zeit ihren Höhepunkt, als eine Art Verselbständigung und Ablösung von der Form, die jedoch nicht gradlinig verlief. Cézanne war einer der Ersten, der eine Einheit von Farbe und Form anhand seiner Überwindung der Zentralperspektive erreichte. Zwischen der Fläche Bild und der räumlichen mit ihren Farb- und Formenreichtum gekennzeichneten Natur sah sich Cezanne gestellt. Innerhalb der Begrenzungslinien des Bildes lebte Cezanne temperamentvoll seinen Gestaltungsvorgang auf der Leinwand von Farbe und Form aus.

Die Realität der Zentralperspektive

Zwischen zwei Realitäten stehend, behandelte Cézanne die Natur und das Bild stets gleichwertig. Ein Gegenstand erschloss sich erst in der Realität, wenn er unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde. Dementsprechend zeichneten sich die Gegenstände auf seinen Bildern immer in vielfältiger Weise aus. Aus der Vollperspektive des Bildes entstand eine Mehrdimensionalität der Gegenstände und zwar auf mehreren Ebenen. Der Betrachter hatte beispielsweise von einem Früchtekorb eine An- und Aufsicht, er wechselt stets von einem Punkt zum anderen. Cézanne thematisierte aus diesem Grund die Aug- und Fluchtpunkte. Diese bestimmten die Gegenstands- und Naturdimensionen der Entfernungen zwischen beiden. Der Apfelkorb rückt im Bild viel näher zusammen, als die reale Entfernung in der Natur aufzeigt. Der Künstler stimmt die Formen so aufeinander ab, dass Form und Farbe in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander stehen. Warme Farben wie Ocker- oder Grüntöne erzeugen eine Verbindung zwischen der Perspektive auf dem Bild und der natürlichen Welt. Es sollte eine Gesamtheit aus Beiden gebildet werden: Eine Zentralperspektive.

Der Zusammenhang von Zeichnung und Farbe

Um die Welt in ihrer Dichte wiederzugeben, muss die Zeichnung aus der Farbe erfolgen. Die Welt ist ein Organismus von Farben, eine lückenlose Masse von Fluchtpunkten, Konturen, Kurven und Geraden. Die Zeichnung kann nicht mehr mit der Farbe voneinander getrennt werden. Sie sind eins; wie gemalt wird, wird gezeichnet und je mehr die Farbe Harmonie ausstrahlt, desto präziser wird die Zeichnung. Die Anordnung der Farben muss das Samtene, die Tiefe, die Weichheit und sogar den Duft in sich bergen, wenn der Künstler die von ihm gesehene Welt ausdrücken will. Wenn dieses Ganze nicht ausgedrückt wird, bleibt die Malerei eine Anspielung. Sie wird uns nie als eine unüberbietbare Fülle, als eine Einheit erscheinen, die wir als das Reale definieren. Cézanne brauchte für einen Pinselstrich stundenlang, denn jeder einzelne Strich erhielt unendlich viele Bedingungen, die erfüllt werden mussten. Das Licht, die Luft und weitere waren einige Bedingungen. Der französische Künstler wollte die Physiognomie in dem Augenblick erleben, wo der Körper aus der Farbe aufstieg.

Die Wirkung der Perspektive in den Werken Cézannes

Entstandene Linienversetzungen geben dem Gesamtaufbau der Bilder eine Transparenz der perspektivischen Deformationen. Die Umrisse der Gegenstände sind im Ganzen betrachtet nicht mehr sichtbar. Die Konturen eines Apfels gehören demnach zur Geometrie, wenn man ihn als eine Linie auffasst. Der Apfel wird zum Ding, obwohl sich dessen Seiten in die Tiefe bewegen sollten. Wird die Kontur ganz weggelassen, würde der Gegenstand seine Identität verlieren. Wird allerdings nur eine Einzige markiert, geht die Tiefe verloren. Die Gegenstandsdimension gibt sich nie völlig preis, weil sie nie ganz vor unseren Augen dargestellt wird. Was bleibt ist eine nie vollendete Realität. Cézanne nutzt, um der unerschöpflichen Realität entgegen zu wirken, einen wölbenden Rand eines Gegenstandes. Farbmodulationen wie die Verwendung von warmen Farbtönen im Vordergrund und den Kühlen im Hintergrund bewirken eine Anschaulichkeit der Gebilde. Es entsteht eine Kontur im Zustand des Entstehens, durch das Hin- und Her pendeln der Blicke. Die Überleitung von einem Farbton zum anderen verstärkt diese Bewegung. Ab 1890 verzichtet Cézanne auf diese bewusst gewählten Deformationen. In seiner letzten Schaffensperiode weist die Leinwand kein Netz von Farben auf, ebenso verzichtet er auf die überwuchernde Fraktur der Stillleben. Zu dieser Zeit wirken die Werke nicht mehr stumpf und starr, vielmehr strahlen sie zunehmend Harmonie und Beweglichkeit aus.

Literatur

H. von Wederkopp (1922): Paul Cezanne. Leipzig: Verlag von Klinkhardt Biermann.

Kaifenheim, Eva Maria (1980): Aspekte der Kunst. München: Martin Lurz GmbH.

Merleau-Ponty, Maurice (1945): Der Zweifel-Cézannes. In: Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist. Philosophische Essays. Felix Meiner Verlag.

Peccatori Stefano, Zuffi Stefano (1999): Paul Cezanne. Köln: Dumont Buchverlag.

Regel, Günther (1944): Moderne Kunst. Zugänge zu ihrem Verständnis. Stuttgart: Ernst Klett Schulbuchverlag GmbH.

Susan Neukirchner, Susan Neukirchner

Susan Neukirchner - In der grünsten Stadt Sachsens - Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, bin ich im Jahre 1986 geboren. Abschlussreife, ein ...

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