Nach dem furiosen Debüt "Teaches of the Peaches" der Wahlberliner Electro-Multiinstrumentalistin, Sängerin und Performance-Künstlerin Peaches zauberten 2003 die "Father****ers" den Gemütern die Schamesröte ins Gesicht. Zwar wird der erfahrene Club- und Konzertgänger nur ein müdes Lächeln als Kommentar bereithalten, dennoch: auch eine unberechenbare "Chartpussy" à la Lady Gaga oder Gossip-Frontfrau Beth Ditto haben eine gemeinsame Lernmeisterin.
Das neue Gesicht des Rock'n'Roll – Peaches, eine zierliche Kanadierin
Was an "Peaches" nun wirklich wild und ungehemmt ist, weiß man spätestens nach einem Konzertbesuch zu berichten. Merke: wahrer Rock'n'Roll wird heutzutage nicht mehr mit klassischem Alkoholexzess samt Groupies in einem frisch auseinander genommenen Hotelzimmer gelebt, sondern direkt auf der Bühne oder beim Song-Enstehungsprozess: "Ich mache einen Beat, geh aufs Klo, rauch einen Joint, geh unter die Dusche – habe Sex, mache den nächsten Beat, mach den Text."
Die Elektro-Madonna sorgt für eine Konzertorgie im Femme'n'Roll Stil
Das wohl befremdlichste für den betagten Rockfan ist die Einsicht, dass diese Worte von einer zierlichen Kanadierin stammen. "Peaches", oder die Elektro-Madonna des Berliner Undergrounds, wie sie liebevoll in ihrer Wahlheimat genannt wird, lebt ihre Rock'n'Roll-Attitüde ganz eigenwillig aus. Ein jedes Konzert endet nicht nur als Orgie, es beginnt auch als solche. "Peaches" zeigt voller Inbrunst, dass sie nicht nur große Liebe zum Rock'n'Roll verspürt, sondern auch zu ihrem eigenen Körper. Entsprechend räkelt sie sich, nur mit schweißnassem BH und Schlüpfer bekleidet, auf den Holzpanelen einer zwei Quadratmeter Clubbühne. Wahlweise mit oder ohne vorgeschnalltem Dildo wird dann entweder die Liebe zum anderen oder ganz offen, die Liebe zum eigenen Geschlecht propagiert. Für Fans der bereits aufgelösten Ü18-Rock-Formation "Rock Bitch" sicher nur ein kleiner Trost, für das schwächelnde Musikbusiness zwischen Pop(p)-Stars und -Sternchen eine Offenbarung.
Protest-F**ck: Peaches als feministisches Sprachrohr
Doch im Vergleich zu den "Gaga-rösen" Chartsündern liegt bei ihrem bereits 2003 erschienenen Album "Father****ers" eine politische Botschaft nahe: der heutzutage noch so gern in HipHop-Videos propagierte Machismo stellt sich dem neu gefühlten Feminismus, der weit weniger vor kontroversen Themen "Frau sein" ist gut, "Frau lieben" ist besser, "Frau erleben" ein Muss, dass selbst gestandene Rockerhaudegen sich am liebsten eine Federboa schnappen würden, nur um dieser neuen, aufregenden Welt ein kleines Stückchen "Wir-Gefühl" zu entlocken.
Wege aus dem Machismo
Und warum eigentlich nicht?! Eine wahre Emanzipation der Fraulichkeit gerade in der Popularmusik scheint bei all den angeblichen "Bitches" und "Hoes", die mittlerweile Kinderzimmerwände pflastern oder aus rosafarbenen iPods schallen, nun einmal mehr als überfällig. Wer diese Einsicht noch mit den entsprechenden Tanzschritten zu den minimalistisch arrangierten Elektropunkklängen kombiniert, dürfte eine wesentliche Lektion im Rock'n'Roll gelernt haben: live fast – live extreme – have fun!
