PEG-Magensonde bei demenzkranken Menschen

Grundinformationen für Angehörige über Sondenernährung

Die Zufuhr von Nährstoffen über eine Magensonde kann vor dem Verhungern retten. Oft aber wird dazu geraten, noch bevor alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Rund 140.000 Menschen wird jährlich in Deutschland eine Magensonde eingesetzt. Nie soll eine Magensonde ohne dringende medizinische Indikation, also nur aus Gründen der Zeit-, Personal- und Kostenersparnis gelegt werden. Doch offenbar sieht die Realität ganz anders aus, denn Experten schätzen, dass sich nur ein Drittel dieser folgenreichen Eingriffe tatsächlich medizinisch begründen lässt (Quelle: MDK Niedersachen, Newsletter 02/09).

Wenn die Fähigkeit verloren geht, selbständig zu essen

Ausreichend zu essen kann besonders für demenzkranke Menschen aus verschiedenen Gründen sehr schwierig sein: Weil sie in einem fortgeschrittenen Stadium immer mehr Fähigkeiten verlieren,

  • können sie schlecht oder gar nicht mehr mit Besteck umgehen
  • verlangsamt sich der Schluckvorgang, treten mit dem Abbau des Nervengewebes im Hirn starke Schluckstörungen auf
  • vergessen sie während einer Mahlzeit, dass sie essen und atmen mit vollem Mund ein, statt zu schlucken (Aspirationpneumonie)
  • können sie sich ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen (z.B. Essen schmeckt nicht)

Wenn Essen zur Qual wird

Zudem können Essstörungen oder das Verweigern von Mahlzeiten Ursachen haben, die zunächst nichts mit der Demenzerkrankung zu tun haben:

  • Die Geschmacksempfindlichkeit nimmt im Alter stark ab: Mit 75 Jahren haben wir nur noch knapp die Hälfte unserer Geschmacksknospen. Ein triftiger Grund dafür, dass einem die Lust am Essen vergeht, Zahnprothesen verstärken diesen Effekt
  • Krankhafte Störungen im Mund- und Rachenraum können durch schlecht angepasste Prothesen entstehen oder durch Entzündungen
  • Nebenwirkungen von Medikamenten können Kau- und Schluckvorgänge beeinträchtigen, Übelkeit, Unwohlsein, Appetitlosigkeit, Mundtrockenheit und Schläfrigkeit hervorrufen
  • Seelische Ursachen sind z.B. Depressionen, der Wunsch zu sterben, Heimweh, Angst und Unsicherheit in einer ungewohnten Umgebung, das Gefühl der Verlassenheit oder Wahnvorstellungen (z.B. Vergiftungswahn).

Nahrungsverweigerung hat viele Ursachen

Verweigerungshaltungen in passiver Form oder durch Aggressivität sind oft die einzige Möglichkeit für die Betroffenen, ihren Willen oder Protest auszudrücken. Sie können auch der Hilferuf eines demenzkranken Menschen sein oder ein Betteln um Aufmerksamkeit und verstärkte Zuwendung.

Für diejenigen, die einen Menschen betreuen, der nicht mehr selbständig essen kann oder das Essen verweigert, können Mahlzeiten deshalb besonders zeitaufwendig und extrem nervenaufreibend sein.

Außerdem besteht die Gefahr, dass die betroffenen Menschen während der Mahlzeiten nicht genug zu sich nehmen. So entsteht ein dauerhafter Nährstoffmangel, sie verlieren Gewicht und Vitalität, ihre Widerstandskräfte gegen Krankheiten sinken, die Dekubitusgefahr steigt.

Es gibt also eine ganze Menge Ursachen und Gründe, die dafür sprechen, bei entsprechend gefährdeten Demenzkranken die künstliche Ernährung über eine Magensonde ärztlich anzuordnen. Allerdings muss zuvor ausgeschlossen werden, dass die Nahrung aus Gründen verweigert wird, deren Ursachen sich ergründen und beseitigen lassen: sei es durch eine Korrektur falsch sitzender Prothesen, eine Behandlung von Entzündungen in Mund und Rachen, Gebisssanierung, sich durch eine besondere Zuwendung, eine andere Darbietung der Speisen (z.B. als Fingerfood) oder besondere Speisen (Lieblingsessen). Ebenso muss ausgeschlossen sein, dass die Nebenwirkungen von Medikamenten Auslöser sind für die Unfähigkeit zu essen.

Besondere, auf demenzerkrankte Menschen abgestimmte Formen der Betreuung und Beschäftigung wie aktivierende Pflege, biographieorientierte Pflege, Validation (eine gefühlsorientierte Methode, mit desorientierten Menschen zu kommunizieren) oder sensorische Förderung z.B. durch Basale Stimulation können „Nahrungsverweigerer“ wieder dazu motivieren zu essen.

Künstliche Ernährung: Enterale und parenterale Ernährung

Bei der künstlichen Ernährung unterscheidet man zwei Methoden: Die Zufuhr von Nährstoffen über eine Magensonde nennen die Mediziner enterale Ernährung. Dabei findet die Flüssignahrung ihren Weg in den Körper über einen Schlauch durch die Nase oder die durch die Bauchdecke (PEG) in den Magen-Darmtrakt. Ein andere Form der Nährstoffzufuhr ist die parenterale Ernährung: Sie umgeht den Verdauungstrakt und nimmt den direkten Weg ins Blut über einen Venenzugang.

PEG – percutante endoskopische Gastrostomie

Den Zugang für eine Magensonde nennen Mediziner percutante endoskopische Gastrostomie, abgekürzt PEG. In einem operativen Eingriff wird ein Schlauch durch die Bauchwand in den Magen gelegt. Über diesen wird später mehrmals am Tag eine mit allen notwendigen Nährstoffen angereicherte flüssige Kost zugeführt. Ein solcher Zugang wird dann gelegt, wenn zu erwarten ist, dass der Patient länger als vier Wochen künstlich ernährt werden soll.

Vor der Entscheidung, eine PEG-Magensonde legen zu lassen, sollten sich Betroffene und Angehörige jedoch immer klar machen, dass Essen ein soziales Ereignis ist ebenso wie ein sensorisches Erlebnis, dass Mahlzeiten außerdem den Tag strukturieren. Alle therapeutischen Möglichkeiten, einen dementen Menschen auf diese Weise noch zu erreichen, werden durch den Einsatz einer Magensonde stark eingeschränkt. Soziale Kontakte und mitmenschliche Zuwendung dürfen deshalb nicht vernachlässigt werden.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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