Perfektion des Ichs – Privatschulen und Internate boomen

Internate boomen in Deutschland. Stolze Eltern. - Jan Thomas Otte
Internate boomen in Deutschland. Stolze Eltern. - Jan Thomas Otte
Um alle Türen der Wirtschaftswelt offenzuhalten, schicken immer mehr Eltern ihre Kinder auf Privatschulen - damit alles rund läuft.

Bereits als Kinder werden sie für ihre Karriere in Konzernen gecoacht. Bei durchschnittlich 35.000 Euro pro Jahr ist ihr Scheitern kaum möglich. Lange braune Haare, pinkes Polo-Shirt, eine Milchzahn-Lücke. Den Hockey-Schläger hat sie fest im Griff, das Tor des Gegners fokussiert. Erst kürzlich hat die 10-Jährige die Grundschule verlassen. Jetzt ist bald ein Middle-Year-Student an der Privatschule am Hannoveraner Maschsee. Sie mag die Schule. Der einzige Haken sei, dass man da so viel arbeiten müsse. „Im Kindergarten konnten wir immer spielen“, sagt sie.

Der Hort steht ebenso auf dem Campus. Denn die Nachfrage an Privatschulen in Deutschland steigt. Nach einer Umfrage von TNS-Forschung Ende 2009 wollen bereits 43 Prozent der Eltern ihre Kinder lieber auf Privatschulen schicken, soweit das finanziell möglich ist. Sie erhoffen sich eine intensivere Betreuung, internationale Ausrichtung – bessere Karriere-Chancen.

Ansprüche und Ansporn für Leistungsträger

Die Erwartungen der Eltern an ihre Tochter sind groß. Doch sie scheinen sich zu erfüllen: Der fröhliche Blick des Vaters spiegelt sich im Lack des Flügels, als sie übt. „In jedem Menschen steckt mehr, wenn er nur will“, sagt die Schulpsychologin. Als Student Counselor bespricht sie mit Eltern Schwerpunkte für die individuelle Entwicklung ihres Kindes. „Das Selbstwertgefühl aufzubauen ist das Wichtigste für die Kinder“, sagt sie. Aus zehn Kompetenzfeldern habe sich die Schülerin die letzten fünf Jahre zum „Inquirer“ entwickelt, die kommenden acht Jahre wird sie sich vermutlich zum „Knowledgeable“ erweitern.

Perfektion und Top-Qualifikation für die Kleinen

Klaus Werle, Autor des Buches „Die Perfektionierer“ (Campus, 2010), kritisiert diese Coachings: „Scheitern ist nicht mehr erlaubt. Wer permanent seine Schwächen ausbügelt, kann irgendwann seine Stärken nicht mehr ausspielen“. Werles Fazit vom Chinesisch im Kindergarten bis zu Elite-Universitäten: „Eine wuchernde Lebenshilfe-Industrie für den Wunsch, ein ganz besonders wertvoller, unersetzlicher und leistungsfähiger Mensch zu sein“. Für ihn stecken hinter diesen Karrieren „intelligente, topqualifizierte Köpfe“. Dennoch erklärt er die meisten für gescheitert, bevor sie begonnen haben: wegen dem Effizienzdruck bereits im Kindergarten.

Der Vater ist Manager und hat daher weniger Zeit für seine Tochter als andere Elternteile. Er arbeitete bereits für die Deutsche Bank im Controlling. Die Ausbildung seines Kindes kostet bis zu 25 Prozent des Nettoeinkommens. Seine Frau verdient als Juristin freiberuflich hinzu. Für die Eltern hat sich dieses Investment schon jetzt gelohnt. Die Tochter breche in Tränen aus, wenn sie krank zu Hause bleiben muss, nicht zur Schule gehen kann. Für den Vater zeigt dies, dass die hochmotivierte Tochter später genau so gerne lernen wird: „Der Erfolg später im Job ist dann doch so gut wie gesichert“, sagt der Vater. Hobbys stehen in der Prioritätenliste der Schulleitung zwar nicht ganz oben, werden aber als Berufswunsch entsprechend gewürdigt: „Also ich mag sehr gerne Schauspielerin sein, aber wenn, dann nur so als Nebenberuf“, sagt sie.

Mischung aus Elite, Adel und Reformern

Ein echter Beruf komme für sie in der Tourismusbranche in Frage, um genügend Geld zu verdienen. Eltern ihrer Freunde sind auch Manager, zum Beispiel beim Reiseveranstalter Tui. Zusammen mit anderen in Hannover ansässigen Konzernen sponsert dieser die Schule. Erst vor 14 Jahren wurde diese auf den Wunsch gestresster Eltern gegründet. Manche gehören zum Jet-Set der globalisierten Arbeitswelt.

Das Internat Schloss Salem gehört zu den ältesten und renommiertesten Schulen Deutschlands. Am 1. Mai feierte die Eliteschmiede ihr 90-jähriges Bestehen, Prominenz war auch dabei. Überschattet von Debatten um Missbrauch unter Reformpädagogen lautet die Frage: Wie können wir Kinder und Jugendliche zu glücklichen Menschen erziehen? Mut für die Zukunft vermitteln, lautet ihre Antwort. Das christliche Gleichnis des Barmherzigen Samariters gehört in Salem zum Leitbild.

Investment Bildung, Ziel Traumberuf

„Da jedes Kind ein Produkt seiner Gene und Umwelt ist, gibt es auch keinen Grund, ihm den bestmöglichen Start ins Leben zu verweigern, sagt Elite-Forscher Detlef Gürtler. Für ihn sind Privatschulen in punkto Ausstattung und Betreuung ein Vorbild für die öffentlichen Schulen. Gürtler fügt ein Aber hinzu: „Die individuelle Förderung eines Schülers sollte nicht vom Kontostand der Eltern, sondern von den Bedürfnissen des Kindes abhängen.“

Nächstes Jahr will die Privatschülerin ihre dritte Fremdsprache lernen, Spanisch. Englisch ist ihre Unterrichtssprache, Italienisch spricht sie schon etwas. Wenn sie das internationale Bakkalaureat in den Händen hält, hat ihr Vater einen sechsstelligen Betrag in ihren Abschluss investiert, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss. Dieses finanzielle Opfer, die Arbeit am Ich, sie komme wirklich von Herzen, sagt der Banker: „Ich wüsste letzten Endes auch nichts Besseres, worin ich meine Zeit und Geld investieren könnte, als in meine Tochter“.

Jan Thomas Otte, Studio Attimo, Heidelberg

Jan Thomas Otte - Nichts ist so schwer wie über sich selbst zu schreiben. Mit Reportagen über Gott und die Welt hinterfragt er Glaubenssätze ...

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