
- Muscheln - Dörthe Huth
Menschen, die unter einer Persönlichkeitsstörung leiden, erleben die Welt deutlich anders als die Mehrheit der Bevölkerung. Durch dieses andere Erleben legen sie Verhaltensweisen an den Tag, die auf die Mitmenschen manchmal befremdlich wirken und daher auf Ablehnung stoßen. Persönlichkeitsstörungen sind weit verbreitet, etwa 10 Prozent der Allgemeinbevölkerung sollen die diagnostischen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllen. Beginnend in der Kindheit und Jugend, durchziehen sie das ganze Erwachsenenalter und umfassen tief verwurzelte Auffälligkeiten im Wahrnehmen, Denken und Fühlen des Betroffenen sowie in der Beziehungsgestaltung zu anderen Menschen. Die Muster sind überdauernd und zeigen sich in verschiedenen Situationen. In der Regel ist die psychosoziale Anpassung erschwert und führt zu Leiden. Betroffene werden oft als schwierige Menschen erlebt.
Übersteigerte Ausprägungen von Eigenschaften
Zu jeder der Persönlichkeitsstörungen gehört die übersteigerte Ausprägung einer üblichen menschlichen Eigenschaft. Beispielsweise werden Äußerungen anderer sehr einseitig nach dem typischen Schema der Persönlichkeitsstörung fehlinterpretiert. Als Kränkungen beispielsweise oder als Abwertungen der eigenen Person gegenüber, so dass der Betroffene immer wieder durch seine Umwelt bestätigt bekommt, dass er nichts wert ist, nicht liebenswert oder nicht akzeptiert wird. Die Bandbreite ist groß, sie reicht von einem Persönlichkeitsstil, der sehr selbstbewusst und ehrgeizig ist, bis zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Oder auch von misstrauisch und wachsam anderen Menschen gegenüber bis zur paranoiden Persönlichkeitsstörung. Von emotional und extrovertiert bis zur histrionischen Persönlichkeitsstörung. Dazu können beispielsweise die exzentrischen, kontaktfreudigen Paradiesvögel mit einem Hang zu situationsunangemessenen Provokationen und Aggressionen gehören. Oder auch die Erbsenzähler mit ihrem Perfektionsdrang, die gar nicht anders können, als ständig alles zu kontrollieren und dabei von starken Selbstzweifeln geplagt sind.
Wann darf überhaupt von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen werden
Von einer Persönlichkeitsstörung sollte man keinesfalls leichtfertig sprechen, sondern die Diagnose dem Fachmann überlassen. In der Diagnostik psychischer Störungen richtet man sich weltweit vorrangig nach zwei Kassifikationssystemen. In Deutschland wird hauptsächlich die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene International Classification of Diseases (ICD-10) genutzt, es gibt aber auch noch das sehr viel feinere Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV), das von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA) herausgegeben wird. Eine Persönlichkeitsstörung sollte nach Fiedler 2007 nur dann diagnostiziert werden, wenn
- der Betroffene auch tatsächlich unter der eigenen Persönlichkeit leidet
- das Risiko einer Verschlimmerung zu erwarten ist
- sich daraus weitere psychische Beeinträchtigungen ergeben könnten oder
- Konflikte mit Recht und Gesetz entstehen.
Ist dies nicht der Fall, sind auffällige Persönlichkeitsmerkmale nicht als "Störungen" zu bewerten.
Persönlichkeitsstörung als Schutz
Die Wissenschaft ist sich über die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen noch nicht einig. Ebensowenig, wie man sich darüber einig ist, ab wann genau Persönlichkeitseigenschaften als Störungen zu werten sind. Einig ist man sich nur darüber, dass die Entstehung einer Persönlichkeitsstörung auf komplexe Wechselwirkungen von Anlage- und Umweltfaktoren zurückzuführen ist. Die sozialen Bedingungen, unter denen man aufwächst, traumatische Ereignisse in Kindheit und Jugend, all dies können Faktoren sein, die eine Persönlichkeitsstörung begünstigen. Gleichzeitig gibt es aber auch sogenannte Schutzfaktoren, wie ein liebevoller und konsequenter Erziehungsstil, gute Beziehungen sowie ein unterstützendes soziales Netzwerk, welche die Problematik einer Persönlichkeitsstörung mildern können. Professor Rainer Sachse geht von der Annahme aus, dass sich bei einem Menschen, der eine Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, über die Zeit bestimmte Schemata ausgebildet haben, welche den Betroffenen vor zwischenmenschlichen Belastungssituationen schützen.
Den Leidensdruck hat meist das Umfeld
Viele Menschen, deren Diagnose eine Persönlichkeitsstörung ist, empfinden ihre Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich vordergründig als angemessen. Mehr Leidensdruck hat meist das Umfeld, das unter dem extremen Geiz, dem extremen Misstrauen, den extremen Stimmungsschwankungen oder dem extremen Gekränktsein leidet. Der Leidensdruck der Betroffenen ist eher diffus und für sie selbst nicht konkret festzumachen. Im Vordergrund steht meist das Leiden unter den Reaktionsweisen anderer Menschen. Oder auch das Leiden an den eigenen Ängsten, depressiven Symptomen oder Suchtverhalten, die eine Persönlichkeitsstörung meist begleiten. Insgesamt ist bei den Betroffenen daher wenig Veränderungsmotivation vorhanden. Was dabei als störend an einem Menschen empfunden wird, ist einerseits abhängig von der Bewertung anderer sowie von der Kultur, in der man lebt. Die Übergänge zwischen dem, was noch toleriert und akzeptiert ist und was nicht, sind fließend. Bei einer Therapie steht für die Betroffenen selbst daher meist die Behandlung der Begleitsymptome im Vordergrund.
Therapie der Persönlichkeitsstörung
Der Druck, eine Psychotherapie zu durchlaufen, geht meist eher von den Angehörigen aus als von den Betroffenen selbst. Folgt man dem Gedanken, dass die Persönlichkeitsstörung sich als eine Art Schutzsystem entwickelt hat, wird verständlich, dass viele Betroffene eine Veränderung als Bedrohung empfinden. So kann auch die Psychotherapie als Angriff bewertet werden, gegen den man sich abschotten und verteidigen muss. Doch gerade mit dem richtigen Therapeuten kann die therapeutische Beziehung als ein geschützter Übungsraum für neue Erfahrungen dienen. Bisherige Schemata können in diesem Schutzraum überprüft und langsam angepasst werden. Der Therapeut wirkt motivierend, unterstützend und stärkend, sodass der Klient den Mut zur Veränderungsbestrebungen aufbringen kann. Ziel ist es, die starren Erlebens- und Verhaltensstereotypien des Betroffenen zu erweitern, um flexibler reagieren zu können.Meist wird wegen der Begleitsymptome eine unterstützende medikamentöse Therapie eingesetzt.
Literaturhinweise
Sachse, R.: Persönlichkeitsstörungen. Hogrefe, Göttingen 2004
Fiedler, P.: Persönlichkeitsstörungen. Beltz, Weinheim 2007
Bitte beachten Sie, dass Suite101-Artikel niemals fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt – ersetzen können.
