
- Peter Høeg: Die Kinder der Elefantenhüter - Hanser Verlag
Der Däne Peter Høeg ist kein Vielschreiber, jedenfalls gehört er nicht zu den Schriftstellern, die jedes Jahr oder wenigstens alle zwei Jahre zuverlässig einen neuen Roman abliefern. Er ist publikumsscheu, ja, er flieht die Öffentlichkeit geradezu, und arbeitet sehr gründlich, betreibt "Herzforschung", so benennt er selbst seine Vorgehensweise.
Peter Høeg und "Das stille Mädchen"
Für die Leser und die Literaturkritik ist Peter Høeg ein schwieriger Fall, gerade weil er immer viel zu sagen hat. Deshalb kommt es vor, dass er sich in seinen politischen und weltanschaulichen Botschaften selbst total verrennt und der arme Leser verwirrt und überfordert ist – so geschehen in seinem 2007 erschienenen Roman "Das stille Mädchen". Die meisten Høeg-Fans waren wirklich enttäuscht, man hatte kaum Lust, das Buch zu Ende zu lesen. Wer allerdings einmal einen von Hoegs gelungenen literarischen Würfen konsumiert hat, bleibt geduldig am Ball und gibt dem Autor gern eine neue Chance. Und bingo! Das neue Werk von Peter Høeg, "Die Kinder der Elefantenhüter" ist ein solcher Diamant der europäischen Gegenwartsliteratur.
Peter Høegs bestes Buch war "Die Frau und der Affe"
Seit dem Erscheinen seines zweiten Romans, dem Krimi und Welt-Bestseller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" aus dem Jahr 1992, sind erst fünf neue Bücher von Peter Høeg erschienen, vier Romane und eine Sammlung von Liebesgeschichten. Alle seine Literaturpreise stammen aus den Jahren 1988 bis 1994. Uneingeschränkt empfehlenswert zur Lektüre ist vor allem der sowohl tierschützerisch informative als auch herzzerreißende Roman "Die Frau und der Affe" über eine Liebesbeziehung zwischen einem für Forschungszwecke gefangen gehaltenen Affen und einer jungen Frau.
Welt-Bestseller "Fräulein Smillas Gespür für Schnee"
Das Problem bei der Lektüre der Høegschen Werke besteht darin, dass er mit missionarischem Eifer schreibt und dabei leicht über die Erfordernis des Buchmarktes, unterhaltsame und eingängige, und, sofern diese Krieterien erfüllt sind, durchaus auch bildende und anspruchsvolle fiktionale Literatur zu verkaufen. Einem in Sachen Fantasie, Stil und Rhetorik hochbegabten Schriftsteller wie Peter Høeg fällt diese Gratwanderung manchmal schwer, weil er seine Helden viel nachdenken lässt und seine Leser mit verwirrenden Fantasmen überschüttet.
Lustiger Roman "Die Kinder der Elefantenhüter"
Die gute Nachricht: Der Roman "Die Kinder der Elefantenhüter" reicht an das Unterhaltungsniveau des Kriminalromans "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" heran, ja übertrifft es sogar, weil er humorvoll, geradezu lustig ist. Und das, obwohl Peter, der 14jährige fußballbegeisterte und intellektuell weit über seinem Alter entwickelte Ich-Erzähler (ein wahrer Lausbub) sein Entrée in die Geschichte gleich mit altklugen philosophischen Sentenzen beginnt: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit." Oder: "Was die Menschen bewegt, ist das Großartige, und das Großartige ist immer schwer zu erklären." Zwar weist der Erzähler von Zeit zu Zeit darauf hin, welche Wörter man "mit Samthandschuhen anfassen sollte", zum Beispiel 'Gnade' oder 'Liebe', was ihn aber nicht daran hindert, reichlich davon Gebrauch zu machen. Erstaunlicherweise gerät Høeg dabei nie ins seichte Wasser der Banalität und strandet nicht an den Ufern Kitsches.
Leben auf der paradiesischen dänischen Kattegatt-Insel
Die Story: Der Junge Peter lebt mit seiner großen Schwester Tilte und seinem Hund Basker in einem riesigen Pfarrhaus auf der Fantasie-Insel Finø, dem "Gran Canaria Dänemarks" mitten im "Meer der Möglichkeiten". Sein erwachsener Bruder Hans studiert in Kopenhagen. Die Geschwister lieben sich innig und können gegenseitig ihre Gedanken lesen. Der Vater ist Pastor, predigt gern in einem Kaschmirtalar und bastelt mit der Mutter, einer Organistin und Spezialistin in Datenverarbeitung und kniffligen technischen Erfindungen, gern an religiösen "Wundern" – er realisiert diese auf der spirituellen Ebene, sie übernimmt den praktischen Teil.
Glückliche Kindheit auf dänischer Insel
Peter verlebt im Prinzip zwar eine glückliche Kindheit, kann sich aber nie sicher sein, dass seine verrückten Eltern mit ihren wahnwitzigen Erfindungen nicht auf eine kriminelle Bahn abrutschen. Zunächst einmal profitiert aber das Fremdenverkehrswesen auf Finø, denn vom Festland strömen die Menschen in die Kirche, in der der Heilige Geist wohnen soll. Plötzlich aber wird es gefährlich, die Eltern verschwinden spurlos, die Kinder und der Hund sollen getrennt in Internate und ins Tierheim gesteckt werden, nach Vater und Mutter fahndet die Polizei des ganzen Landes.
Abenteuerreise nach Kopenhagen
Es beginnt eine Abenteuerreise mit unglaublich absurden Erlebnissen, mit filmreifen Szenen, in denen Leichen wieder auferstehen, die Obrigkeit gehörig auf die Schippe genommen und malträtiert wird, mit Schelmerei, clownesken Zaubertricks, gargantuesken Ausschweifungen und rasanten Verfolgungsjagden per Kutsche, Mercedes und Maserati. Kurz: Es geht hoch her und lustig zu. Bei all dem vergisst der Autor die philosophischen Reflexionen und die kleinen Ausflüge ins Fantastische, die er so liebt, keineswegs.
Peter Høeg – ein neuer James Krüss, Michael Ende oder Jack London?
Ein herrlicher Roman, zum Schwelgen und Lachen und Nachdenken. Denn: "Ist die Frage, was einen Menschen frei machen kann, nicht doch erlaubt?" Peter Høeg ist ein würdiger geistiger Nachfahre so bedeutender Fabulierer wie dem Friesen James Krüss ("Mein Urgroßvater und ich"), dem Münchener Michael Ende ("Jim Knopf", "Momo"), dem Schweden Runer Jonsson ("Wickie und die starken Männer") und dem Amerikaner Jack London ("Der Seewolf"). Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der aktuelle Roman wurde für Erwachsene geschrieben, was nicht ausschließt, dass heranwachsende Kinder ab 13 Jahren aufwärts auch schon Spaß und Gefallen daran finden könnten.
Peter Høeg: Die Kinder der Elefantenhüter. Roman. Übersetzt von Peter Urban-Halle. Hanser Verlag 2010. Gebunden. 488 Seiten. 21,90 Euro
