
- James: Nicht tot genug - Fischer-Verlag
Kaum hat man die 442 Seiten in der Taschenbuchausgabe des dritten Falls von Roy Grace, dem Kommissar mit dem komischen Namen in Brighton an der englischen Südküste, aus der Hand gelegt, giert man schon nach dem vierten Buch. Peter James – eine Droge für Fans von richtig dicken Kriminalromanen? Zart besaitet sollte man nicht sein, denn James spart nicht an grässlichen Morddetails und kann es leicht mit Simon Beckett aufnehmen, dem anderen Engländer, dessen Bücher die aktuelle Krimiszene aufmischen und auch in Deutschland genau wie die James-Bände schnell die „Spiegel“-Bestsellerliste erklimmen.
Toter geht's nicht
Das Markenzeichen der Krimis von Peter James ist das Wort „tot“. Vor James war einem gar nicht bewusst, dass sich ein Zustand der Absolutheit wie Totsein und eine Situation des Übergangs wie Sterben steigern, verkleinern oder adjektivisch ins Absurde führen lässt: „Stirb ewig“, „Stirb schön“, jetzt also „Nicht tot genug“ und „So gut wie tot“ (viertes Hardcover-Buch, verlagstaktisch brillant zugleich mit dem dritten Taschenbuch erschienen).
Thriller aus dem wahren Leben
Im Thriller „Nicht tot genug“ erfindet James wieder eine skurrile Konstellation der Figuren, diesmal ein Vexierspiel um Identitäten. Wer ist wer, wie viele tötende Täter und Mord-Profiteure gibt es eigentlich? Das erfährt man erst nach Hunderten von Lektüreseiten, wenn man die Anspannung kaum noch ertragen kann und bereits zwei Nächte durchwacht hat. Eins ist wie meist bei James gewiss: Die Auflösung liegt hart an der Realität des modernen Alltags, nicht nur in England. Wieder verarbeitet James, im „bürgerlichen“ Leben Drehbuchautor und Filmproduzent erfolgreicher amerikanischer Filme, die bedrohlichen Gespenster unserer Zeit. Er muss keine Ängste schüren, denn er spielt mit den gesellschaftlich schon existierenden Halloween-Gruselpuppen des frühen 21. Jahrhunderts.
Big Brother, DNA und Wahrheit
Seine Gaukeleien muss er gar nicht erfinden, nur übersteigern und in eine logische Handlung packen. Grotesk oder wahr? Zum Beispiel: Big brother is watching you – der Computer ist ein Spiegel, durch den böse Hacker von außen in dein Leben schauen können. Oder: Deine besten Freunde sind deine größten Feinde – die meisten Morde passieren im familiären Umfeld. Oder: Deine DNA-Spuren sind unverwechselbar, machen dich zum einmaligen Individuum – tja, außer ein böser, neidischer Mitmensch hängt sich da mittenrein und zerstört mal eben dein Leben.
George Orwell lässt grüßen
Die Moral von James‘ Geschichten lautet: Die Wirklichkeit ist schlimmer als die Ängste des modernen Menschen. George Orwell lässt grüßen, sein Roman „1984“ entstand Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, und heute wissen wir, dass die Realität die Fantasien dieses utopischen Romans längst überholt hat. Insofern sind auch die Romane von Peter James, so harmlos unterhaltend und fiktional sie auch daherkommen, gesellschaftspolitisch hochbrisant.
Unbedingt lesenswert, aber aus Selbstschutz nicht in Zeiten verschlingen, in denen Sie Ihren Nachtschlaf dringend brauchen, um am nächsten Tag fit zu sein.
Peter James: Nicht tot genug. Thriller. Fischer Taschenbuch 2009. 442 Seiten. Euro 9,95.
