Die medizinische Versorgung wird angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland immer wichtiger. Dass die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in den Gesundheitsberufen gleichzeitig immer schlechter werden, erinnert an bittere Ironie. Natürlich besteht hier auch ein Zusammenhang. Es gibt in der Bundesrepublik immer mehr alte und kranke Menschen. Gleichzeitig fehlt den Krankenhäusern das Geld um mehr Personal einzustellen und mit der wachsenden Patientenzahl fertig zu werden. Doch auch in der ambulanten Versorgung mangelt es an finanziellen Mitteln und in der Folge auch an Zeit, was direkte Auswirkungen auf die Qualität der Leistungen hat.
Überarbeitete Krankenschwestern
Soviel ist klar, Krankenpflege ist ein Berufsfeld, für das man sich berufen fühlen muss. Das Arbeiten mit Schwerstkranken im Schichtdienst wird einem sonst wohl kaum Spaß bereiten. Wenn allerdings Zeitdruck und geringe Bezahlung, sowie tagelanges Durcharbeiten zu den Arbeitsbedingungen hinzukommt, kann auch jemand, der von seinem Beruf vollkommen überzeugt ist, schnell die Freude daran verlieren.
Anna K., Schwester auf einer internistischen Station ist es mittlerweile gewohnt zwölf Tage hintereinander im Schichtdienst zu arbeiten. "Man verliert einfach die Lust.", meint sie. "Ich fühle mich in meinem Beruf nicht mehr anerkannt. Mittlerweile kommt es mir vor, als würde ich an einem Fließband arbeiten. Selbst für ein kurzes Gespräch mit den Patienten bleibt mir oft keine Zeit." Dabei ist es gerade der direkte Kontakt mit den Menschen, der viele Beschäftigte in den Heilberufen zu ihrer Berufswahl bewogen hat. "Es fehlt einfach an zusätzlichem Personal.", meint eine Kollegin von Anna. "Wir sind ständig auf Achse, meistens bleibt mir gar keine Zeit mehr, um mich zum Mittagessen hinzusetzen. Wenn in einem solchen Stress Fehler passieren, ist das doch kein Wunder." Ein Wunder ist das tatsächlich nicht, dafür aber umso gravierender. Gerade Flüchtigkeitsfehler bei der Tablettengabe haben häufig schwere Konsequenzen - für den Patienten, wie auch für denjenigen, dem unter großem Stress, ein solcher Fehler unterlaufen ist.
Nicht nur die Pflege im Krankenhaus steht unter Stress
In der ambulanten Pflege gibt es Missstände ähnlicher Art. Wenig Zeit und Geld sind auch hier an der Tagesordnung. Die Arbeit, die die Beschäftigten leisten ist nicht weniger anstrengend und schwierig als die ihrer Kollegen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen. Zeit auf die Menschen im Gespräch einzugehen haben auch sie nicht. Der Leistungskatalog ist sehr streng. Waschen, Anziehen, Essen anrichten und dergleichen werden einzeln abgerechnet. Für jede Leistung bleibt nur wenig Zeit, so dass die Tätigkeit in der ambulanten Pflege oft einem Kampf gegen die Uhr gleichkommt, den man nur gewinnen kann, wenn wirklich jeder Handgriff sitzt. In der Ambulanten Diakonie Wuppertal kennt man die Probleme. "Es bleibt nicht genug Zeit um mit den Leuten wirklich zu reden. Viele von ihnen sind sehr einsam und versuchen uns aufzuhalten, wenn wir eigentlich gehen müssten, da sie sich nach Zuneigung sehnen.", berichtet ein Mitarbeiter.
Auch die Beschäftigten in den Pflegeberufen wünschen sich Anerkennung
Hierzulande sind die in den Pflegeberufen tätigen Menschen häufig überfordert. In den Krankenhäusern ist es das fehlende Personal, das den Beschäftigten zu schaffen macht. Im ambulanten Bereich zwingt der strenge Leistungskatalog zu wirtschaftlichem Arbeiten auf Kosten der Nähe zum Patienten. Leute, die in der Pflege tätig sind, haben diesen Beruf in der Regel ergriffen, da sie gerne mit Menschen arbeiten. Das heisst für die meisten jedoch nicht nur Waschen und Windeln wechseln in Rekordzeit, sondern auch ein Gespräch mit den Patienten einzugehen um ihnen bei ihren Problemen besser helfen zu können. Außerdem macht der Dank des Patienten für Viele einen Teil ihrer Entlohnung aus. Wenn es allerdings erforderlich ist, schnell und stumm zu arbeiten, um die grundlegende Versorgung überhaupt zu gewährleisten, ohne Zeit um auf die Menschen einzugehen, kommt der Dank von deren Seite nicht immer im Übermaß. Das Gefühl, dass ihre Arbeit wirklich anerkannt wird, haben viele Beschäftigte angesichts der schlechten Arbeitsbedingungen nicht.
Gute Pflege ist die Basis der medizinischen Versorgung
Die Zahl der Menschen, die auf Pflegeleistungen angewiesen sind, wird in Zukunft weiter ansteigen. Schon jetzt leidet die Qualität der Pflege in Deutschland spürbar unter Zeit- und Geldmittelknappheit. Eine der großen Aufgaben unserer Gesundheitspolitiker wird es sein, auch in den kommenden Jahren den Bedarf an Krankenpflegeleistungen zu decken. Es wäre wünschensweit, dass dabei auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verbessert würden.
