
- Martin Moritz, Hamburger Angehörigenschule - Martin Moritz
Pflegende Angehörige sind meist überlastet, erschöpft und ausgelaugt. Ihre Gesundheit ist durch Schlafmangel und das tägliche Heben und Stützen angegriffen und gefährdet, ihr seelisches Gleichgewicht bedroht. Erschöpfung ist übrigens der am häufigsten genannte Grund dafür, dass sie die zahlreichen Angebote für Pflegekurse gar nicht in Anspruch nehmen und auch nur schwer dazu zu bewegen sind, daran teilzunehmen. Zudem glauben sie, über Pflege inzwischen alles Notwendige zu wissen, oder sie möchten ihren pflegebedürftigen Angehörigen nicht alleine lassen (siehe dazu Tipp unten).
Dabei bestätigen Absolventen solcher Kurse nicht nur, wie sehr sie von den dort vermittelten Inhalten profitiert haben. Vor allem der Austausch mit den anderen Betroffenen hilft ihnen, mit ihrer schweren Aufgabe besser zurechtzukommen. Nicht selten werden aus den dort geknüpften Kontakten auch Freundschaften, oder es entstehen aus solchen Kursen regelmäßige Gesprächsrunden und Stammtische.
In den Pflegekursen wird informiert über Mobilisierungs- und Lagerungsmethoden, über Rücken schonende Transfer-Methoden (z.B. vom Pflegebett in den Rollstuhl), über Ernährung und Prophylaxen (z.B. Dekubitus), über Hilfsmittel und Rehabilitationsmaßnahmen, Pflegeversicherung und Recht. Sie geben den Teilnehmern außerdem die Möglichkeit, sich Anregungen und Tipps für ihre spezielle häusliche Situation zu holen, über ihre persönlichen Probleme innerhalb der Pflegesituation zu sprechen, Versagensängste abzubauen und Entlastungsangebote kennenzulernen.
Unentgeltliche Pflegekurse sind gesetzlich verankert
Um „soziales Engagement im Bereich der Pflege zu fördern und zu stärken“, wurde in Paragraph 45 des Elften Sozialgesetzbuches (§ 45, SGB XI) festgelegt, dass die Pflegekassen Schulungskurse unentgeltlich anbieten sollen für Angehörige und ehrenamtliche Pflegepersonen. Zwar gibt es dieses Gesetz schon seit 2002 mit der Einführung des Pflegeleistungsergänzungsgesetzes, ambulante Pflegedienste haben entsprechende Angebote aber seitdem nur allmählich entwickelt. Mittlerweile gibt es jedoch in jeder Region verschiedene Kursprogramme und Anbieter:
Ambulante Pflegedienste:
In den Regionalbüros der Krankenkassen (zum Beispiel AOK, BEK) erhalten pflegende Angehörige ein Verzeichnis mit ambulanten Pflegediensten, die Pflegekurse anbieten. Die Schulungen finden jeweils im Pflegedienst statt und umfassen mindestens 12 Einheiten von je zwei Stunden. Die Kranken- bzw. Pflegekassen haben mit den aufgeführten Pflegediensten Kooperationsverträge und Rahmenverträge abgeschlossen. Damit gewährleisten sie die einheitliche inhaltliche Gestaltung und Qualität der Kurse.
Pflegedienste sind gerne bereit, während des Kursbesuchs für die Teilnehmer, deren Angehörige pflegebedürftig sind, die Versorgung des Pflegebedürftigen zu übernehmen. Hat der Pflegebedürftige eine der drei Pflegestufen, dann kann der Dienst im Rahmen der so genannten Verhinderungspflege diese Leistung direkt mit den Pflegekassen abrechnen. Wer nämlich einen „eingestuften“ Angehörigen pflegt, hat Anspruch auf Ersatzpflege (= Verhinderungspflege) und kann sich bis zu 28 Tage pro Jahr vertreten lassen, auch stundenweise.
Vereine und Interessengruppen:
Die Alzheimergesellschaft beispielsweise bietet Angehörigen eine siebenteilige Schulungsreihe á zwei Stunden, in der sie alles erfahren über den Verlauf der Alzheimer-Krankheit, über Pflegeversicherung und Entlastungsangebote und über rechtliche Themen. Die Gesellschaft sucht außerdem so genannte Multiplikatoren, also Interessierte, die das 2003 mit dem Oskar-Kuhn-Preis ausgezeichnete Schulungsprogramm durchführen. Dafür stellt sie umfangreiches Material bereit - Plakate, DVDs und Handouts. Über aktuelle Veranstaltungstermine informieren jeweils die regionalen Mitgliedsgesellschaften vor Ort.
Kooperationen und Netzwerke:
Ein gutes Beispiel, Hilfsangebote für die Betroffenen zu bündeln, ist die 2008 gegründete Angehörigenschule in Hamburg. Der Pflegeberater Martin Moritz bietet in einem Kooperationsprojekt mit Kliniken, Krankenkassen, Diakonie und dem Hamburger Beratungszentrum für Wohnraumanpassunganderen ein weitgehend kostenfreies Kursprogramm zu allen Themen rund um die Versorgung und Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger. Neben den Kursen gibt es außerdem Beratung in den beiden Niederlassungen, Schulungen zu Hause und im Krankenhaus – immer vorausgesetzt der zu Pflegende hat bereits eine Pflegestufe oder hat sie beantragt.
Neben den Krankenkassen geben auch Pflegestützpunkte, Seniorenzentren und Seniorenbüros Auskunft über Veranstaltungstermine für Pflegekurse in jeder Region.
