Pflegeroboter und Assistenzsysteme

Einen Blick wagen in die Zukunft von Senioren

Mitdenkende Sicherheitssysteme - Sensfloor
Mitdenkende Sicherheitssysteme - Sensfloor
Intelligente Technologie ergänzt und ersetzt künftig nicht nur Pflegepersonal, sondern soll alten Menschen auch ein unabhängiges Leben zu Hause ermöglichen.

Wem es angesichts japanischer Entwicklungsfreude auf dem Gebiet der Robotik manchmal etwas mulmig wird, der ist damit sicher nicht allein und fragt auch zu Recht: Wie viel ist noch Vision und was davon bereits heute oder schon bald auch tatsächlich alltagstauglich?

Computertechnologie ist ganz selbstverständlich Teil unseres Alltags, und der Umgang mit Handy, PC, Online-Banking, -einkauf oder -buchungen bereitet heutigen Senioren immer weniger Kopfzerbrechen. Jedem ist dabei klar, dass Entwicklungen, die einem so viele Dinge erleichtern, durchaus ihre positiven Seiten und unbestreitbaren Vorteile haben. Aber zuckt man nicht trotzdem unwillkürlich zusammen, wenn man von Pflegerobotern hört?

Es sind zwei Seiten einer Medaille und deshalb polarisiert natürlich die Frage, ob überhaupt und wie viel Technik nötig ist, um pflegebedürftige Menschen zu versorgen und/oder Menschen ein Altern in Würde, Selbständigkeit und bei guter Gesundheit zu ermöglichen.

Die Demographie zwingt zu technischen Lösungen

Die Zahl der Menschen, die Pflege und Unterstützung brauchen, steigt derzeit rasant. Dabei suchen schon jetzt Pflegeheime und ambulante Pflegedienste Hände ringend nach Personal. Und es fehlen zum Beispiel die Nachkommen, die die geburtenstarken Sechzigerjahrgänge im Jahr 2050 versorgen sollen, wenn diese dann zwischen 85 und 90 Jahre alt sind. Es handelt also doch vorausschauend, wer sich schon heute damit befasst, wie wir dieses Problem lösen wollen.

Und so verliert möglicherweise der schon erwähnte Pflegeroboter seinen Schrecken, wenn man sich folgendes vorstellt: Er hebt einen pflegebedürftigen Menschen aus dem Bett und bringt ihn zur Toilette. Schon heute gibt es ein japanisches Robotermodell, das in der Lage ist, dies mit einer 20 kg schweren menschengroßen Puppe durchzuführen. Die Angehörigen zu Hause oder Pflegepersonal in einem Heim wären dadurch körperlich entlastet und könnten sich diesem Menschen auf ganz andere Weise widmen, als durch gesundheitsschädliches Gewichtheben. Ein weiterer positiver Effekt: Professionelles Pflegepersonal könnte länger, möglicherweise bis zur Rente im erlernten Beruf arbeiten.

Nach einer GFK-Studie wollen 66 Prozent der Deutschen bis zum Lebensende in ihrer vertrauten Umgebung leben. Gleichzeitig steigt die Zahl der Single-Haushalte stetig, was zur Folge hat, dass es immer mehr allein stehende ältere Menschen geben wird. Da ist es kein Fehler, wenn Technologieforschung und Unternehmen an gemeinsamen Entwicklungsprojekten arbeiten, um dafür Lösungen zu finden.

Die mögliche Antwort: Altersgerechte Assistenzsysteme (ambient assisted living)

AAL, also „ambient assisted living“ oder auch „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben im Alter“ tun genau dies. Die Initiative, deren visionäre Mitglieder sich 2009 zum dritten Mal auf ihrem Kongress in Berlin ausgetauscht haben, arbeitet an 17 Projekten. Unterstützt wird AAL vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, das gemeinsam mit 21 anderen europäischen Ländern schon bald Mittel für ein vernetztes europäisches Förderprogramm bereitstellen will.

Entwickelt werden Produkte für die medizinische Prävention im häuslichen Bereich, für die Sicherheit (Alarm-, Warn- und Notrufsystem), für die persönliche Versorgung, hauswirtschaftliche Tätigkeiten und Pflege. Aber auch Konzepte, die die soziale Teilnahme an der Gesellschaft ermöglichen und Unterstützungssysteme, die mitdenkend strukturiert sein sollen.

Ein Blick in die Zukunft der Altenpflege

Tatsächlich hat sich im Praxistest schon der japanische Therapie-Roboter Paro bewährt. Die weiße Robbe mit Kuschelfell und schwarzen Kulleraugen wiegt fast drei Kilogramm und reagiert auf Berührung, Helligkeit, Geräusche/Sprache, Temperatur und Position. Ihr therapeutisches Einsatzgebiet: In deutschen Pflegeheimen wird sie von demenzkranken Menschen liebevoll gestreichelt und geknuddelt – mit großem Erfolg. Sie erzeugt eine entspannende Stimmung, regt die Kommunikation an, sorgt für Abwechslung und überzeugt in ihrer Wirkung das Pflegepersonal.

Menschen mit einer Demenz im Anfangsstadium sind noch in der Lage, viele Dinge alleine zu bewältigen. Und trotzdem kann es passieren, dass sie durch Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit und Wortfindungsstörungen manchmal „verloren gehen". Mit einem Ortungssystem fürs Handy und einer Demenz-App können sie ihre Unabhängigkeit bewahren und weiter ihre sozialen Kontakte aufrecht erhalten.

Das Arbeitsgebiet der Telemedizin gibt es bereits seit den 80er Jahren. Künftig dürfen sich Risikopatienten zu Hause so sicher und gut überwacht fühlen wie im Krankenhaus. Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz oder Asthma können schon heute an entsprechenden Programmen zur integrierten Versorgung teilnehmen.

Je älter allein stehende Menschen werden, desto größer ist die Gefahr, dass sie sich nicht mehr ausreichend selbst versorgen können. Je schlechter aber ihr Ernährungszustand und ihre Versorgung mit ausreichend Flüssigkeit ist, desto mehr nehmen Verwirrtheit, Schwindelgefühle und Unfälle zu. In diesen gesundheitsgefährdenden Zustand zu geraten, davor soll einmal „Nutriwear“ bewahren, ein textil-integriertes, intelligentes System, das über Ernährungs- und Wasserhaushaltsmanagement wacht.

Klappt es nicht mehr so recht mit dem Anziehen, Essen oder Rasieren, dann werden in Zukunft tragbare Soft-Roboterarme mit sanften Greifern auf Basis von elastischen „fluidischen“ Gelenken dabei assistieren und auch andere Serviceaufgaben übernehmen.

Intelligente Gebäudetechnik-Systeme werden in der Lage sein, unterschiedlichste Signale zu verarbeiten, abzugleichen und entsprechend notwendige Maßnahmen zu veranlassen: Ein Bodenbelag wie „Sensfloor“ von Hersteller Future-Shape registriert zum Beispiel einen Sturz, woraufhin ein mitdenkendes Systems eigenständig schnelle Hilfe organisieren soll.

Geht es also bereits jetzt schon nicht mehr darum, ob Technik in diesem Bereich zum Einsatz kommt, sondern nur noch wie? Wer in ein Alter kommt, in dem er Alltagsunterstützung braucht, um seine Eigenständigkeit zu erhalten, könnte jedenfalls in Zukunft die Möglichkeit haben, unter mehr sinnvollen Hilfsmitteln und Unterstützungsstrukturen auszuwählen als heute.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

rss