Pharisäer vor Gericht: welche Rummenge gehört hinein?

Sommer 2011 ist Wetter für Pharisäer - Harald Rossa
Sommer 2011 ist Wetter für Pharisäer - Harald Rossa
Der Pharisäer ist ein rumhaltiges Kaffeegetränk von der nordfriesischen Insel Nordstrand. Um die rechte Menge Rum wurde in Flensburg vor Gericht gestritten.

Ein Pharisäer ist ein Heißgetränk auf der Grundlage eines wirklich starken Kaffees. Dem kann ein wenig Zucker zugefügt werden. Aber es muss eine gute Portion Rum, typischerweise und möglichst angewärmter Flensburger Rumverschnitt, in den Kaffee gegeben werden. Die wachrüttelnde und die Stimmung hebende Mischung wird mit Schlagsahne so abgedeckt, dass kein Alkoholduft in den Raum dringt. Serviert wird das Ganze möglichst in einem Pharisäergedeck. Das ist eine hohe Tasse auf einer Untertasse. Getrunken wird die heiße Mischung durch die Sahnehaube, die möglichst bis zum Schluss in der Tasse bleiben soll. Umrühren ist übrigens streng verboten.

Die Herkunft des Pharisäers

Der Pharisäer wird gern als das Nationalgetränk der Nordfriesen bezeichnet. Über diese Einordnung kann durchaus gestritten werden. Denn einen steifen Grog oder einen Köm verachtet der echte Nordfriese auch nicht. Und der Pharisäer war ja schließlich nur eine Notlösung. Und das kam so:

Um 1872 amtierte auf der nordfriesischen Insel Nordstrand der Pastor Georg Bleyer. Der war ein sittenstrenger Gottesmann und er kämpfte gegen den Alkoholkonsum seiner Schäfchen. So war es auf Nordstrand dann Brauch, dass in Anwesenheit des Pastors nur Kaffee getrunken wurde.

Eines Tages gab es beim Bauern Peter Johannsen im Sophie-Elisabeth-Koog eine Taufe zu feiern. Es ist nicht mehr sicher überliefert, ob sich die folgende Geschichte zur Taufe seines 6. - Johanna Theodora Katharina am 2. April 1872 - oder seines 7. Kindes, Helene Patria am 12. Oktober 1872 zutrug. Das ist aber auch nicht so erheblich. Schließlich kommen beide Daten für durchaus ungemütliches Schmuddelwetter in Frage.

Doch zurück zur Sache. Denn bei der Feier nach der Taufe wollten Peter Johannsen und seine Gäste nicht auf einen Schluck aus der Rumpulle verzichten. So griffen sie zu einer List und tarnten den Rum im Kaffee mit Schlagsahne. Das Sahnehäubchen verhinderte, dass der Alkohol verdunstete. Pastor Bleyer erhielt einfach dasselbe Getränk. Nur pur, also ohne Rum. Und seine Nase konnte nicht wahrnehmen, was die anderen Gäste sich da einflößten. Die Stimmung unter den Gästen stieg. Und dann soll es zu einer verhängnisvollen Panne gekommen sein: Pastor Bleyer erhielt eine Tasse mit der heißen Mischung des Tages und rief dann aus: „Oh ihr Pharisäer!“ Damit war ein Getränk samt Namen geboren.

Pharisäer nach Originalrezept

Ebenfalls nicht präzise überliefert ist die Menge an Rum, die anno 1872 dem Kaffee zugegeben wurde. Und damit gab es also ein Problem, das 109 Jahre nach der Feier auf Nordstrand dann beim Amtsgericht Flensburg anhängig war.

Ein Pärchen bestellte in einem besseren Restaurant im Norden Deutschlands zwei „Pharisäer nach Originalrezept“. Der wurde serviert. Doch der Gast monierte, das in einen „Pharisäer nach Originalrezept“ mehr Rum gehöre. Der Wirt bestand darauf, dass 2 Zentiliter Rum reichen. Worauf der Gast die Zeche von damals 7 DM nicht beglich. Der Wirt verklagte den Gast und vor dem Amtsgericht Flensburg kam es zur Verhandlung über den Fall.

Der Flensburger Richter führte eine sorgfältige Beweisaufnahme durch. Zu der gehörte auch die Verkostung von Pharisäern mit mehr oder weniger Rum. In seinem Urteil stellte der Richter fest, dass es dem Gericht bekannt sei, dass es verschiedene Rezepte für „dieses Getränk mit Ursprung auf der Insel Nordstrand hat“ gebe. Doch im Original sei ein Getränk anzunehmen, das „hochprozentig alkoholhaltig“ ist und deswegen deutlich nach Rum schmeckt. Schließlich soll das Getränk dank des „herzhaften und ordentlichen Schusses Rum“ als „köstliches Getränk Leib und Seele wärmen“. Das, so der Richter, ist nach seiner persönlichen Überprüfung bei einem Zusatz von zwei Zentilitern Rum eben nicht der Fall.

Die Klage des Wirtes wurde daher abgewiesen. So ist es also amtlich, das ein „Pharisäer nach Originalrezept“ mit mehr als 2 Zentiliter Rum zu servieren ist. Aber wie groß die Rumportion wirklich sein muss, darüber ist noch nicht abschließend entschieden.

Konsequenz aus dem Urteil

Die Mehrzahl der publizierten Rezepte für Pharisäer nennt 4 Zentiliter Rum mit 54 Vol.-% Alkohol als Menge für einen Becher. Andere kommen dem Urteil von 1981 dadurch näher, dass sie 1 Teil Rum auf 5 bis 10 Teile Kaffee empfehlen. Dann tut es auch ein 40-prozentiger Rum.

Mehr zum Thema:

Das Urteil des Amtsgerichts Flensburg vom 9.10.1981 mit dem Aktenzeichen 63 C 84/81 wurde in der Deutschen Richterzeitung 1982 auf Seite 151 f. veröffentlicht.

Quellen:

  1. Anwaltseiten24
  2. Rechtsanwalt Ralf Mydlak am 4. Juli 2010
  3. Finanztip
  4. Rumhaus Johannsen Flensburg
  5. Robert Meissner GmbH & Co. KG, Spirituosen- und Likörfabrik, Heide/Holstein
  6. OSTE Trading UG, Ostereistedt (Bremer Becher)