BONN. Die Familie steht unter dem besonderen Schutz des Staates. Das steht im Grundgesetz. Aber wenn der Neoliberalismus Stellen abbauen und ältere Arbeitnehmer aus dem Markt drängen möchte, dann hat das natürlich Vorrang. Das steht in Philipp Löhles neuem Stück: „Der Wind macht das Fähnchen“.
Philipp Löhle, ein junger Dramatiker, der gerade dabei ist, sich mit gesellschaftskritischen Texten einen Namen zu machen, hat (s)ein neues Stück für das Bonner Schauspiel geschrieben. Am Freitagabend wurde das „Einfamilienstück“, so der Untertitel, in der Werkstatt, Bonns Studiobühne, uraufgeführt.
Familienstück?
„Der Wind macht das Fähnchen“ beschreibt den Zerfall einer Familie. Doch anders als Thomas Manns „Buddenbrooks“ geht es nicht um Patrizier im 19. Jahrhundert, sondern um eine Mittelstandsfamilie unserer Zeit. Vor der Jahrtausendwende, als die Kinder noch klein waren, war der Vater stolz auf seine Familie. Als er seine Arbeit verliert, brechen Spannungen zu seiner Frau auf. Die Trennung ist nicht von Dauer, aber nachdem der Vater ein zweites Mal den Job verliert, geht’s steil bergab. Philipp Löhle zielt nicht auf Wahrscheinlichkeit, ihm geht es vielmehr um die Schilderung eines tiefen Absturzes. Erst treffen sich Vater und Mutter in einem eindeutig zweideutigen Etablissement wieder, wo die Mutter bedient, dann tun sich die beiden zusammen, um ihre Tochter zu berauben. Die verdient viel Geld als Modedesignerin. Die Eltern werden auf frischer Tat vom Sohn, der Polizist geworden ist, erwischt.
Tragisch und komisch zugleich
Ungereimtheiten und Übertreibungen im Text sind beabsichtigt, sie wirken komisch, Dominic Friedel hebt sie in seiner Uraufführungsinszenierung bewusst hervor – es wird viel gelacht und noch mehr geschmunzelt in der Werkstatt. Der junge Regisseur arbeitet sorgfältig heraus, dass es Löhle nicht um einen Oberflächenrealismus geht, sondern um soziale Wahrheit – die Aufführung erinnert an Thornton Wilders „Kleine Stadt“, in der Stuhl und Podest reichen, weil die Phantasie der Zuschauer mobilisiert wird und den Rest, von den Schauspielern angeregt, erledigt. Aber Wilder schilderte eine Kleinstadtidylle, die ist bei Löhle längst vergangen. Die Entwicklung in der Epoche des Neoliberalismus zerstört die Familie. Ist die wirtschaftliche Lage Schuld? Oder sind es die Eltern und die Kinder, die sich zu abhängig machen von Arbeit und Wohlstand?
Das Ensemble legt nahe, dass beides zusammenwirkt. Tatjana Pasztor spielt die Mutter als angepasste Frau, die im Moment, wo es aufs Zusammenhalten ankäme, versagt, weil sie ängstlich Anpassung um jeden Preis verlangt. Rolf Mautz porträtiert den Vater als Mann, der zu wenig Zivilcourage hat, um offensiv zu seiner Arbeitslosigkeit zu stehen. Er traut seiner Familie, auf die er angeblich so stolz ist, nicht zu, sein Problem solidarisch mit zu tragen. Mautz gelingt eine anrührende Studie eines überforderten Mannes. Die Inszenierung lässt nie vergessen, dass Arbeit und Sicherheit nicht zu viel verlangt sind. Die Forderungen dieser Familie an die Politik sind bescheiden – wieso sie nicht erfüllt werden, bleibt offen.
Philipp Löhle hat wieder ein gesellschaftskritisches Stück geschrieben, es besticht durch seine Lakonie und - trotz der Schwere des Themas - durch seinen Humor. Anfangs wirkte die Uraufführung mitunter zäh und spannungslos, doch in den letzten Bildern entfaltete die Tragödie eine unerwartet starke dramatische Dynamik: Eine Bö blies kräftig ins fröhlich knatternde Fähnchen.
Aufführungen am 27. Januar; 1., 4. und 24. Februar.
Kartentelefon: 0228 77 80 22 - Internet: www.theater-bonn.de
