Philipp Stauff und die völkischen Bewegung

Cover Hufenreuter, Philipp Stauff - Peter Lang
Cover Hufenreuter, Philipp Stauff - Peter Lang
Gregor Hufenreuter: Philipp Stauff. Ideologe, Agitator und Organisator im völkischen Netzwerk des Wilhelminischen Kaiserreichs, Frankfurt a.M. 2011.

In den 1890er Jahren sprossen in Deutschland zahlreiche Vereine, Verbände, Bünde und Orden aus dem Boden, die sich selbst als Teil einer völkischen Bewegung verstanden. Bei dieser handelte es sich um eine heterogene Such- und Sammlungsbewegung, die sich um eine „arteigene“ Erneuerung oder Purifizierung verschiedenster Lebensbereiche unter den Vorzeichen eines radikalen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus bemühte. Die historische Forschung hat die völkische Bewegung lange Zeit entweder als marginale kulturgeschichtliche Randerscheinung ignoriert, oder sie als Vorläuferin des Nationalsozialismus aus ihrem ursprünglichen historischen Kontext gerissen. Das hat sich in den letzten 15 Jahren dank einer Fülle von biographischen, organisations- und ideengeschichtlichen Studien zu diesem Thema grundlegend geändert. Gregor Hufenreuter ist es nunmehr gelungen, mit einer detaillierten Arbeit über den völkischen Multifunktionär Philipp Stauff eine weitere Forschungslücke zu schließen.

Der Deutschvölkische Schriftstellerverband

Philipp Stauff (1876- 1923) hängte seinen Beruf als Volksschullehrer an den Nagel, um sich in Berlin als politischer Journalist und Schriftsteller zu betätigen. Er gab eine Zeitungskorrespondenz („Wegweiser und Wegwarte“ 1907ff.) heraus, schrieb selbst für konservative und völkische Blätter und veröffentlichte zahlreiche Monographien zu verschiedenen Themen. Darüber hinaus entwickelte er sich zwischen 1911 und 1914 zu einer organisatorischen Schlüsselfigur in mehreren völkischen Verbänden. Gemeinsam mit Adolf Bartels (1862- 1945) gründete Stauff 1910 den Deutschvölkischen Schriftstellerverband, für dessen Bestand sich Stauffs organisatorische Talente als unentbehrlich erwiesen. Dennoch blieb die Breitenwirkung des Deutschvölkischen Schriftstellerverbandes eng begrenzt, denn er betätigte sich unter der Ägide von Bartels, Stauff und Heinrich Kraeger als reiner Gesinnungsverband, der für seine Mitglieder (1914 waren es erst 250) keine berufsständischen Aufgaben wahrnahm. Einiges Aufsehen erregte die Herausgabe der Lexika „Semi Gotha“ (1912) und „Semi Kürschner“ (1913), für die aber nicht der Verband, sondern allein Stauff als Herausgeber verantwortlich zeichnete. Die Personenlexika untersuchten den Adel und die Gelehrtenwelt auf ihre „Verjudung“, indem sie die angebliche jüdische Herkunft oder Versippung prominenter Persönlichkeiten aufdeckten. Die antisemitische „Rassenschnüffelei“ machte nicht einmal vor den eigenen Reihen halt, wie der Fall des völkischen Schriftstellers Ernst Wachler (1871- 1945) zeigt.

Antisemitismus

Wie die beiden Lexika, so ist Stauffs gesamtes Werk von einem in brachialer Sprache und hysterischem Ton vorgetragenen Antisemitismus gekennzeichnet. Er bildete das Zentrum von Stauffs Weltanschauung und stiftete Kohärenz zwischen den vielen verschiedenen Themen, denen sich der Schriftsteller zuwandte. Wegen seiner judenfeindlichen Hasstiraden musste sich Stauff immer wieder vor Gericht verantworten und wurde zu Geldstrafen oder Richtigstellungen verurteilt. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Antisemiten versuchte Stauff, die „Judenfrage“ relativ konsequent als Rassenfrage zu behandeln. Ihm ging es nicht um die Gesinnung, sondern primär um die biologische Herkunft. Daher nahm er auch konservative und rechtsgerichtete Kreise (wie z.B. den Adel im „Semi Kürschner“) ins Visier. Allerdings war es nicht sein radikaler Antisemitismus, der dazu führte, dass Stauff innerhalb der völkischen Bewegung immer mehr ins Abseits geriet.

Die Wende zur Ariosophie Guido von Lists

Seit 1911 begann sich Stauff verstärkt für esoterische Themengebiete, wie Germanenkunde, neuheidnische Religiosität und Ariosophie, zu interessieren. Er trat der Guido-von-List-Gesellschaft bei, die das pseudowissenschaftliche Werk des gleichnamigen österreichischen Germanenforschers popularisierte. Mit seinen Veröffentlichungen über „Runenhäuser“ (1913) und „Märchendeutungen“ (1914) konnte Stauff an ein breites zeitgenössisches Interesse für eine germanophile Altertumsforschung andocken. Mit seinen fanatischen Versuchen, die Lehren Guido von Lists in der völkischen Bewegung durchzusetzen, manövrierte sich Stauff allerdings innerhalb der Bewegung immer mehr ins Abseits. Mittlerweile hatten bei den Völkischen deutschchristliche Tendenzen die Oberhand gewonnen, während die germanisch- neuheidnische Esoterik eher als sektiererisch und peinlich empfunden wurde. Nach 1918 spielte Stauff nur noch in der Guido-von-List-Gesellschaft eine wichtige Rolle, während alle anderen Verbände ihn mieden.

Historischer Kontext

Gregor Hufenreuters biographische Studie zu Philipp Stauff ermöglicht wertvolle Einblicke in die Gedankenwelt und die organisatorischen Strukturen der völkischen Bewegung zur spätwilhelminischen Zeit. Verdienstvoll sind vor allem die Einbeziehung auch entlegener Publikationen sowie die Auswertung von Stuaffs Briefwechseln mit anderen Führungspersönlichkeiten der völkischen Bewegung. Gegenüber der Auswertung des reichhaltigen Quellenmaterials ist allerdings die Interpretation der dargelegten Fakten häufig ins Hintertreffen geraten. Vor allem vermisst man die Verortung der Forschungsergebnisse in einem historischen Kontext jenseits der völkischen Subkultur.

Rezeptions- und Wirkungsgeschichte

Diese Einseitigkeit fällt vor allem im Bereich der Rezeptionsgeschichte auf. Während das Wirken Stauffs und seines Gedankenguts innerhalb der völkischen Medien und Organisationen detailliert dargestellt wird, erfährt man nur wenig über die Außenwirkung. An manchen Stellen gewinnt der Leser den Eindruck, als habe es sich bei Stauff und seinen Gesinnungsgenossen um eine kleine Clique weltfremder Ideologen gehandelt, die kaum Resonanz in einer breiteren Öffentlichkeit fanden. Betrachtet man allein die Organisationsgeschichte, ist dieses Bild durchaus zutreffend. Doch vor allem in Form der Jugendbewegung und der Studentenverbindungen besaßen die Völkischen durchaus ein Publikum außerhalb der eignen Reihen. Als diese Generation in der Weimarer Republik politikfähig wurde und als Multiplikator in gesellschaftlichen Schlüsselstellungen in Erscheinung treten konnte, breitete sich völkisches Gedankengut in einem Maße aus, von dem Stauff, Bartels und Genossen zur Wilhelminischen Zeit nur träumen konnten. Die Ernte dieser Saat fuhren dann die Nationalsozialisten ein, die allerdings nach ihrem Aufstieg zur Massenpartei von ihren völkischen Wegbereitern nichts mehr wissen wollten. Mit mehr als einem symbolischen „Ehrensold des Führers“, den auch Stauffs Ehefrau Bertha erhielt, konnten die Völkischen der alten Schule nicht rechnen.

Gregor Hufenreuter, Philipp Stauff. Ideologe, Agitator und Organisator im völkischen Netzwerk des Wilhelminischen Kaiserreichs. Zur Geschichte des Deutschvölkischen Schriftstellerverbandes, des Germanen-Ordens und der Guido-von-List-Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2011. ISBN 9783631591918

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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