Pierre Bayle versucht mit seiner "ironisch-kritischen-Methode", die Unterschiede und auch Widersprüche in den Überlieferungen, den Schriften, aufzuzeigen und damit die daraus resultierende Unsicherheit darüber, was wirklich gewesen ist, was nur übertrieben wurde oder sogar niemals stattgefunden hat. Er rät die Urteilsenthaltung bei sich vollkommen widerstreitenden, aber auch unentscheidbaren Ansprüchen auf Geltung.
Sicher ist nur der Irrtum
"Unser Geist ist so ausgelegt, dass er leichter das in einer Lehre entdeckt, was unsicher ist, als den Ort, wo der Sitz der Wahrheit sich befindet", schreibt Bayle und deutet damit an, dass im Grunde nur der Irrtum sicher ist. Weil die menschliche Vernunft leichter das Absurde erkennen kann, muss der Mensch eben auch in der Lage sein, eher das aus den Schriften herauszufiltern, das in sich widersprüchlich ist, was sich allgemein widerspricht oder, was keinen Sinn ergibt. So ist es leichter, das zu erkennen, was absurd ist, als das, was wahr ist. Anders als Herbert von Cherbury also, der die Eckpunkte einer Mindestreligion mithilfe eines Wahrheitskriteriums versuchte herauszuarbeiten, geht Bayle davon aus, dass die Stärke der menschlichen Vernunft nur in der Kritik liegt. So ist das Ziel von Bayle zu zeigen, dass der Gegenpart unrecht hat. Es ist nicht nötig, die Richtigkeit der eigenen Position darzustellen und zu beweisen. Es reicht, wenn man den Gegner widerlegt oder zumindest versucht, die Unbegründetheit seiner Meinung aufzuzeigen.
Glaubenswahrheiten sind wider der Vernunft
Für Bayle gibt es eine Kluft zwischen der Vernunft als dem menschlichen Wissen und dem Glauben im Sinne der Religion. Für ihn sind die Glaubenswahrheiten wider der Vernunft. Sie liegen jenseits des Wissens. Deshalb müsste immer nach der antiken Pyrrhonischen Skepsis gehandelt werden, die besagt, dass man ein Urteil in der Schwebe halten müsse, weil Wahrheit unerreichbar sei. Das heißt, These und Antithese, Beweis und Gegenbeweis, halten sich grundsätzlich die Waage, weil die Wahrheit nicht sicher genug bestätigt werden könnte. Man könne sich nie sicher sein. So kann man natürlich weder beweisen noch widerlegen, aber man kann zumindest beides in der Schwebe halten. Für den Glauben bedeutet das, dass die Religion Ausdruck eines Überredungsversuches ist, den Menschen davon zu überzeugen, dass die Gegner falsch liegen mit ihren Behauptungen, dass deshalb nur den Glaubenswahrheiten zuzustimmen ist. Und dies funktioniert nach Bayle nur, weil den Menschen aufgrund ihrer Unwissenheit nichts anders übrig bleibt, als sich Gottes Wort zu unterwerfen.
"Anything goes" - alles ist möglich, alles ist erlaubt
Weil der Mensch im Grunde weit davon entfernt ist, sicher zu wissen, was als Wahrheit gelten kann, da er nicht nicht einmal die Eigenschaften oder Kennzeichen kennt, ist es auch nicht möglich, sicheres Wissen zu erreichen. Das Problem von Bayles Trennung der Vernunft von der Religion beziehungsweise seiner Methode ist, dass sich eine Situation ergeben hat, die man nur als "anything goes" bezeichnen kann. Das heißt, es läuft am Ende auf eine Koexistenz von Vernunft und Religion hinaus. Auch wenn also die Glaubenswahrheiten wider der Vernunft sind, für Bayle, "geht" dennoch auch Religion. Wenn Wahrheit nicht erreichbar ist, kann auch die Religion als eventuell falsch nicht ausgeschlossen werden. So ist am Ende wirklich alles möglich und auch alles erlaubt, weil es nicht gelingt, wahre von falschen Gehalten zu unterscheiden. Am Ende hat Bayle deshalb mit seiner Trennung und seiner ironisch-kritischen Methode nur erreicht, dass seine Trennung nicht ernst genommen werden kann, weil dennoch eben beides "geht".
Quelle:
Pierre Bayle: Historisches und kritisches Wörterbuch I und II, Meiner Verlag, Hamburg 2011, 720 und 802 Seiten, jeweils 22,90 Euro
