Piet Mondrian im Lenbachhaus

Mondrian, Tableau I, 1921 - google-bilder
Mondrian, Tableau I, 1921 - google-bilder
Piet Mondrians künstlerische Entwicklung anhand der Ausstellung "Piet Mondrian und der Stijl" im Kunstbau des Lenbachhauses München.

Im Kunstbau des Lenbachhauses in München ist bis zum 15.8.11 eine Ausstellung wichtiger Werke Mondrians und der mit ihm verbundenen Künstlergruppe De Stijl zu sehen. Alle Arbeiten verbindet, daß ihre Schöpfer in der gleichnamigen Zeitschrift De Stijl publizierten.

Mondrians Weg in die Abstraktion

Die Ausstellung zeigt anhand bedeutender Werke aus allen Schaffensperioden Mondrians dessen Weg in die Abstraktion und seine spezielle Auffassung abstrakter Malerei. Dieser besteht in der Auflösung des Individuellen und des Konkreten ins Allgemeine und Geistige. Bereits sein frühes Meisterwerk Große Landschaft von 1907/08 zeigt eine Auflösung der Gegenstände in Ebenen, die die Komposition des Bildes bestimmen (Vordergrund, See, Baumbereich, Himmel). Das Bild erinnert in seiner Farbflächendominanz an Gauguin und wegen seiner Tendenz zur Auflösung des Konkreten in Farbe an Turners Aquarelle, bleibt aber von einer düster romantischen Stimmung bestimmt. Auch die wogenden und wirbelnden Bewegungen Turners fehlen völlig. Alles ist zur Ruhe gekommen und von einer düsteren und mysteriösen Atmosphäre eingehüllt. Ebendiese Stimmung kommt im Bild besonders eindrucksvoll zur Geltung, weil auf eine individuelle Ausgestaltung der Gegenstände verzichtet wird, diese sich gleichsam in ihren Hintergrund auflösen, mit der Hintergrundfarbe im Verschmelzen begriffen sind. Das Individuelle wird in seinem Moment der Auflösung erfaßt, wobei es aber wichtig ist, daß es in diesem Moment noch im Bild sichtbar ist.

Daher vermeidet Mondrian auch später eine allzu schematische abstrakte Formensprache. Es geht ihn nicht um die Kombinatorik allgemeiner geometrischer Formen, sondern um die Auflösung des Individuellen von Pinselstrich, Gestalt und Komposition in das Allgemeine der Farbe und in die Fläche (und über die Fläche oft auch den Raum) gestaltende Grundformen (Neoplastizismus). Die Bildform selbst wird bestimmend für die Gestaltung des Gemäldes. Diese wird in Flächen eingeteilt, die von meist schwarzen Linien und dem Bildende selbst umrahmt werden. Das Bild wird so als das gezeigt, was es eigentlich ist, ein Tableau, das mittels Pinselstrichen bemalt und gestaltet (eingeteilt) wird. Dieses Gestaltungsprinzip weist als allgemeines über das jeweilige Bild hinaus, ist potentiell grenzenlos erweiterbar, kann alle Flächen gestalten und auch als Prinzip der Architektur, speziell der Innenarchitektur, dienen. Tatsächlich zeigt die Ausstellung eine so von Mondrain vollständig gestaltete Wohnung in der Videoinstallation von Mondrians Entwurf für einen Salon von Ida Bienart.

Wird das Tableau zur Raute gekippt, erreicht man mit horizontalen Linien eine Betonung der Eckdreiecke, wie in der Rautenkomposition mit vier gelben Linien (1933), was als Kontrast zur dominanten Viereckigkeit des Tableaus eine Dynamisierung bewirkt und deshalb ein von Mondrian zur Abwechslung beliebtes Stilmittel ist. Durch den Wechsel von Rautenkompostion und gerade aufgehängten Bildern verdeutlicht sich zudem die Abhängigkeit der Wirkung des Kunstwerkes von seiner eigenen Grund- und Erscheinungsform. Dabei legt Mondrian Wert darauf, daß der individuelle Pinselstrich und eine individuelle Komposition des Gemäldes soweit erhalten bleiben, daß der Eindruck einer Auflösung des Individuellen in den allgemeinen Ausdruck von lebhaften Farben, die klar kontrastieren, und allgemeinen abstrakten Grundformen entsteht.

Mondrian und der Kubismus

Bereits der Kubismus versuchte, das Konkrete in abstrakte Formen aufzulösen, indem er dieses in abstrakte geometrische Formen zerlegte, und veranlaßte Mondrian zu seinem eigenen Weg in die Abstraktion. Der Kubismus tut dies allerdings in einer Weise, die als Zerlegung des Konkreten und neue Zusammensetzung in eine an den geometrischen Motiven orientierte Komposition erscheint. Geometrische Formen und ihre Kombinatorik bleiben in ihm das beherrschende Thema. Mondrians Auflösung des Konkreten ins Allgemeine und Geistige wird nicht erreicht. Die konkrete Herkunft der Formen bleibt erkennbar. Mondrians mittlere Phase zeigt hingegen eine Auflösung in Teile, die nicht als Zerlegung und Neuarrangement erscheint, sondern in der sie ihren konkreten Charakter verlieren. Sie werden zu bloßen Motiven, die die Komposition des Bildes selber bestimmen, ihre konkrete Herkunft ist ohne Kenntnis des Titels des Werkes nicht mehr erkennbar, z.B. im Blühenden Apfelbaum (1912).

Diese Motive, i.d.R. Striche und Bögen, gestalten nicht mehr nur das Dargestellte oder arrangieren seine Teile neu, sondern bestimmen den gesamten Bildaufbau, in dem sie aus dem Hintergrund nur flüchtig aufzutauchen scheinen, allgemeine Schemen der Prinzipien des Konkreten sind, nicht mehr dieses selbst. Sie werden in zahlreichen kompositorischen Variationen in ein Geflecht verwoben, das obwohl in seiner Komposition einzigartig, vor allem Ausdruck ihres Prinzipiellen gestalterischen Potentials ist. Geschlossene Formen, die den Eindruck einer Darstellung einer Form, wie bei Kadinsky und den Kubisten, vermitteln, werden vermieden, um eine Verschmelzung der Komposition als offene Komposition mit der Bildfläche selbst zu erreichen, die so in ihrer Potenz zur Gestaltung selbst mit zum Bildthema wird. Das Tableau No.4/Composition No.VIII (1913) bezieht sich dann auch im Titel micht mehr auf einen konkreten Gegenstand. Das Bild wird jetzt schon durch den Titel als reines Tableau und reine Komposition ohne Gegenstandsbezug ausgewiesen.

Das Spätwerk

Zum Bild als abstrakter Gestaltung der Bildfläche selber, ist es dann nur noch ein kleiner, aber trotzdem einschneidender Schritt. Im Spätwerk, der eigentlich abstrakten Phase, wird die Fläche auch nicht mehr als Potenz zu kompositorischen Gestaltungsprinzipien der Gegenstände präsentiert, sondern nur noch als selbst in einer bestimmten Weise gestaltete, ohne Bezug zu Motiven, die als elementare Grundformen von dargestellten Gegenständen angesehen werden können. Hier liegt auch der entscheidende Unterschied zu Kadinskys abstrakter Kunst. Dieser zeigt in seinem Spätwerk abstrakte Formen, die im Bild dargestellt und kombiniert werden. Dabei zeigt er einen schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum, ist so aber immer noch ein darstellender Künstler, kein Neoplastischer, der wie Mondrian das Kunstwerk selber gestaltet, ohne noch irgendetwas darzustellen, auch keine abstrakten Formen.

Das Kunstwerk wird von Mondrian nur noch gestaltet, ohne etwas darzustellen, ist reiner Ausdruck eines abstrakten Gestaltungsprinzips, das prinzipiell ist und daher allgemein anwendbar. Kunst wird Perfomance allgemeiner Prinzipien ohne Darstellung von Gegenständen, wie in dem abstrakten Spätwerk Tableau I mit Rot, Schwarz, Blau und Gelb (1921), das von seiner beeindruckenden Dominanz der Blautöne lebt. Gestaltung (Neoplastizismus) statt Darstellung ist denn auch Mondrians eigene Charakterisierung seines Spätwerkes und sein ausdrücklich erstrebtes Ideal (s. Piet Mondrian: Plastic Art and Pure Plastic Art, London 1937).

Literatur zur Austellung:

Piet Mondrian. De Stijl. München 2011

www.lenbachhaus.de

M.A. Boris Ehret, Boris Ehret

Boris Ehret - Philosoph, Kritiker und Lehrer. Kritik: Musik, Kunst, Bücher, Restaurants

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