
- Eine Hand aus dem Schatten - CFalk / pixelio.de
In seiner Tanz- und Lichtperformance Shadowland präsentiert das Pilobolos Dance Theatre atemberaubende Wechsel zwischen Ballett und Schattenspiel. Gezeigt wird die Reise des Dog Girl, einer jungen Frau zwischen mehreren Welten. Mal ist sie Mensch, mal Hund, mal Hundemensch, mal tanzt sie in körperlicher Wirklichkeit, häufiger aber als zweidimensionaler Schatten, mal träumt sie, mal ist sie wach.
Es beginnt mit angenehmen Visionen. Muskulöse Männer umringen die fast nackte junge Frau heben sie in die Luft, und bekleiden sie mit einem luftigen weißen Dress. Dann formieren sie sich zu einer Liege. Die Frau (Molly Gawler) räkelt sich auf dem Bett, das zu wogen beginnt, sich erhebt die Schlafende in die Lüfte schweben lassen. Schlangengleich überwindet sie die Schwerkraft, gelupft, gehoben und getragen von den Mittänzern. Die Zuschauer im ausverkauften Kölner Musical Dome atmen tiefer, während synthetisch-rhythmische Musik die Leichtigkeit der sich drehenden und springenden Körper unterstreicht.
Die Wirklichkeit tanzt mit dem Traum
Dann wechselt die Szenerie hinter eine transparente Leinwand ins Shadowland (Schattenland). Proportionen und Dimensionen verändern sich. Dort tanzt die Wirklichkeit mit dem Traum. Helle Punktleuchten verwandeln die Pilobolos-Tänzer in schwarze Scherenschnitt-Figuren. Räume verengen sich, Figuren explodieren ins Überlebensgroße oder schrumpfen auf Zwergenmaß. Aus Menschen werden Kreaturen, Tiere Pflanzen, die sich dem Dog Girl mal zärtlich, mal bedrohlich nähern. Die harten Konturen reduzieren die schwarzen Figuren zeitweise auf Symbole.
Allmählich überwiegt das unheimliche Element, die Zuschauer werden in einen Alptraum hineingezogen. Ein hoher Raum aus Licht verengt sich langsam. Die Tänzerin versucht, die gefährlich näher rückenden Mauern der Dunkelheit aufzuhalten. Vergebens, sie muss sich in einem kleinen Lichtloch zusammenkauern, droht zermalmt zu werden unter einem nächtlichen Nichts. Da wechselt sie mit einem Sprung aus der Schattenwelt zurück ins Körperliche. Sie erwacht. Gott sei dank nur ein Traum, man glaubt die Erleichterung im Publikum zu spüren. Der Tanz der Schatten, jähe Sprünge, die Figuren in schwarze Riesen verwandeln, das aufzuckende Licht, sein Flackern und ebenso schnelles Verlöschen erzeugen atemberaubende Wechsel zwischen Realität und Illusion, eine ständige Transzendenz verschiedener medialer Ebenen.
Das Dog Girl wird geformt
Der Traum nimmt Fahrt auf. Die Tänzer rollen wie welke Herbstblätter über den Boden, zurück hinter die Leinwand. Eine riesige schwarze Hand erscheint, greift nach der jungen Frau, die sich vergeblich zu entziehen versucht, packt sie und formt etwas Neues aus ihr. Sie wird in einen Hund verwandelt. Dann richtet sie sich auf, ihr Körper wird wieder menschlich, sie behält aber den Hundekopf mit den niedlich wippenden Ohren. Hauptdarstellerin Gawler braucht dazu keine Requisiten. Mit ihren Ellenbogen formt sie vor gleißendem Licht den Tierschädel, bewegt sich fortan in dieser Schatten-Figur, gibt ihr Ausdruck und Gefühl, erzeugt Freude, Sehnsucht und Trauer, versetzt die Zuseher in ein emotionales Wechselbad.
Pilobolos ist nur für einige Gastspiele aus den USA nach Deutschland gekommen. Es erweitert die expressiven Möglichkeiten des Tanztheaters durch das Spiel mit Licht und Schatten fast ins Übersinnliche. Die Aufführung versetzt durch den wiederholten Wechsel der Medien des Tanzes und des bewegten Licht-Bildes jeden fühlenden Gast in einen Rausch.
Komplizierte technische Mittel werden dabei nicht gebraucht. Ein transparenter trag- und schwenkbarer bespannter Rahmen, eine sich von der Decke entrollende Riesenleinwand, ein paar rechteckige Holzrahmen, zwei drei Rollwägelchen, ein paar Requisiten wie Telefon und Ananas sowie viele verschiedene Scheinwerfer und Leuchtmittel genügen, um spektakuläre Illusionen auf den Leinwandflächen zu erzeugen. Das alleinige Material der neun Tänzer sind ihre Körper. Mit ihnen stellen sie Menschen, Tiere, Pflanzen und Räume dar, fast als würde man an einem Kaleidoskop drehen und Zeuge werden, wie aus Armen Äste, aus Fingern Ohren oder Krebse und aus ganzen Körpergruppen ein Elefant wird. Weil sich die Schatten-Dimensionen je nach Entfernung zur Lichtquelle blitzschnell ändern, entsteht eine Traumwelt, die die Zuschauer sonst nur aus ihren eigenen Nachtmären kennen und wiedererkennen.
Die Fahrt mit dem Cowboy
Das Hundemädchen, dem die allmächtige Hand noch ein Stöckchen und ein Reisebündel mitgibt, macht sich auf die Suche nach dem Glück wie Hänschen klein. Es begegnet guten, gierigen und gleichgültigen Menschen. Einmal trifft es einen Cowboy, der es in seinem Schwarz-weiß-Auto, geformt aus menschlichen Gliedmaßen, mitnimmt. Er lässt sie an seiner Zigarette ziehen und bietet ihr seinen Cola-Pappbecher an. Als das Mädchen aber zu anhänglich wird, entledigt er sich ihrer mit einem Trick. Diese federnde Fahrt, der Wechsel zwischen Zuneigung und Abstoßung gehören zu den anrührendsten Szenen im Shadowland, untermalt durch das einzige Gitarrenlied des Stücks.
Seine Licht-Odyssee führt das Hundemädchen auch zu einer Jagdgesellschaft. Diese kann mit dem Zwitterwesen zunächst nichts anfangen, dann aber obsiegt die Geldgier, eine Schlinge wird hinterlistig um ihren Hals gelegt. Als Zirkus-Attraktion muss sie durch Reifen springen und Kunststücke machen. Zeitweise wechselt die Aufführung hier zurück in die Welt der realen Körper, das Hundemädchen tanzt mit ihrem menschlichen Kopf, doch das bemerkt niemand, nicht einmal sie selbst. Schließlich entkommt sie den Zirkuswärtern, flieht zurück ins Schattenreich und springt von einer Klippe in ein tiefes blaues Meer. Dort wird sie von einer Qualle gerettet und am Strand tanzt sie dann mit Krebsen. Die Liebe, die das Mädchen sucht, findet sie erst bei einem Schicksalsgenossen, einer Art Pegasus. Bei diesem Pferdemenschen bekommt sie die ersehnte Nähe - und wird erlöst. Sie erhält ihre ursprüngliche Gestalt zurück und die Schlussmelodie gipfelt in dem Refrain „...it gives You joy...“ Es bringt Dir Freude, die Kreaturen, egal ob Mensch, Tier oder Zwischenwesen so zu akzeptieren wie sie sind, soll wohl die Botschaft lauten. Längst sind die Zuschauer dazu übergegangen, Szenenapplaus zu spenden. Am Ende schaut manch einer verblüfft auf die Uhr: Das ganze hat nur eine Stunde zwanzig Minuten gedauert, doch es war, als habe man eine ganze Nacht durchgeträumt.
Das Pilobolos Dance Theatre wurde 1971 gegründet
Das Pilobolos Tanz-Theater formierte sich im Jahr 1971. Aus der experimentierenden Außenseiter-Truppe wurde schnell eine anerkannte Institution in der US-Ballett-Szene, die immer wieder neue Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt. Eines ihrer Mittel ist die Athletik, mit deren Hilfe neue Hebe- und Gruppenbilder möglich werden. Shadowland wurde geschrieben von Steve Banks und Robby Barnett, einem Gründungsmitglied von Pilobolos. Damon Honeycut wird als „Dance Captain“ geführt, und die Hauptdarstellerin Molly Gawler ist auch als Musikerin bekannt.
Quelle: Besuch im Musical Dome Köln
