Mit der Vorlage des Buches von Carlo Collodi hat die Verfilmung nicht voll und ganz zu tun. Es gibt spezifische Unterschiede. Was wäre etwa die Zeichentrick-Serie ohne Gina? Das Entenküken, das 51 Folgen lang nicht wachsen wird, ist so etwas wie ein Lehrmeister des Holzpüppchens. In Folge zwei will sich Pinocchio ein Spiegelei machen, und plötzlich ist Gina da.
Im Jahre 1977 wurde Pinocchio erstmals in deutscher Synchronfassung im deutschen Fernsehen (ZDF) gezeigt. Der ORF schloss sich dankenswerterweise der Ausstrahlung an.
Eine Lebensgeschichte, die bis zur Metamorphose reicht
Die Geschichte vom alten Gepetto, der sich aus einem Stück Holz ein Püppchen schnitzt, das zu Leben erwacht, gehört zur Weltliteratur. Umso bewundernswerter ist die Umsetzung als Zeichentrick-Serie gelungen. Von der ersten bis zur letzten Szene wird der Zuschauer mit einem Lebensweg konfrontiert, der mit einer ungewöhnlichen „Geburt“ beginnt, und bis zur Metamorphose in einen Menschen reicht. Die Abenteuer, die Pinocchio durchlebt, sind auch in der Serie als Entwicklung erkennbar. Scheinbar lernt das Holzpüppchen nie etwas dazu, geht immer wieder dem Fuchs und dem Straßenkater auf den Leim, doch nach langer Zeit erfährt und erkennt Pinocchio die Lehre seines Lebens.
Der weitere Lebensweg von Pinocchio bleibt im Dunkeln…
Schon die Titelmelodie der deutschsprachigen Version – gesungen von Mary Roos, getextet von Florian Cusano – leitet die Folgen wunderbar ein. Jede einzelne Figur ist liebevoll dargestellt, und die Filmmusik passt kongenial zu den Szenen. 52 Folgen lang kann der Zuschauer einen Lebensweg begleiten, der mit dem Ende der Serie erst richtig beginnt. Der Reiz besteht darin, nicht zu wissen, wie es mit Pinocchio weitergeht. Christoph Meckel schrieb im Jahr 1971 über die „Rückverwandlung“ vom Menschen in das Holzpüppchen, eine mögliche Variante des weiteren Lebensweges. Robert Coover wiederum ging davon aus, dass Pinocchio seine menschliche Gestalt behält, und schließlich als alter Professor, Schriftsteller und Nobelpreisträger in seine Heimat zurückkehrt, um dort sein Sterben als „Rückverwandlung in schäbiges Holz“ zu erleben.
Liebenswerte Figurenzeichnung und ausgezeichnete Synchronsprecherinnen
Die Zeichentrickfigur Pinocchio gab es schon bei Walt Disney, aber die japanische Variante ist viel liebenswerter gelungen. Einen ungemein wertvollen Beitrag zum Verständnis und den Besonderheiten von Pinocchio hat die Synchronsprecherin des Holzpüppchens geleistet. Helga Anders hat die ganze Fröhlichkeit, Unbekümmertheit und lausbübische Charakteristik in seine Stimme gelegt. Als sehr beeindruckend erweist sich zudem die Synchronisation der Gina in Gestalt von Christa Häussler. Helga Anders sprach übrigens auch den Krümel in „Nils Holgersson“ und Christa Häussler die kleinste Ameise in der „Biene Maja“, beides Zeichentrick-Serien, die Fernsehgeschichte geschrieben haben.
Pinocchio lebt in den Herzen der Kinder weiter
Es gibt viele Ingredienzien, welche die japanische Zeichentrick-Serie „Pinocchio“ auszeichnen. Gerade die kleinen Abweichungen vom Buch (wie beispielsweise Gina) sind von besonderer Bedeutung, und schaffen eine geringfügig andere Welt, die in den Herzen der Kinder weiter leben kann, bis sie selbst – in was auch immer – verwandelt sind, und immer weiter verwandelt werden.
