
- PISA und Migrantenschüler - es geht ausfwärts - Dieter Schütz / pixelio.de
Nach der ersten internationalen Studie, die Kompetenzen von Schülern in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in verschiedenen Ländern miteinander vergleichen sollte, war die Stimmung hierzulande einhellig: Das deutsche Bildungssystem ist ineffizient und ungerecht. PISA 2000 hatte gezeigt, dass Unterschiede in schulischen Leistungen in hohem Maße von der sozialen Herkunft abhängen und diese zwischen Migranten und Nicht-Migranten in Deutschland größer sind als in allen anderen Teilnehmerstaaten. Seitdem hat sich das Bild von der Bildungswüste dramatisch gewandelt – die Bundesrepublik trägt nicht mehr die rote Laterne der Ungerechtigkeit. Die Differenzen sind jedoch nicht von der Bildfläche verschwunden, sondern spiegeln sich auch in der jüngsten PISA-Studie wider. Wo sie liegen, woran sie liegen, wie die Lösungen aussehen.
Das Anliegen von PISA
Die PISA-Studien sollen durch Indikatorenfragen herausfinden, wie gut Schüler einer Alterskohorte (15–16 Jahre) auf die Erfordernisse der Wissenschaft vorbereitet sind, welche Stärken und Neigungen sie besitzen und schließlich auch, ob Kinder aus unterschiedlichen Milieus gleiche Chancen auf Bildungserfolg haben. In zwei Stunden werden Kompetenzen aus den Bereichen Lesen (Textverständnis und -interpretation), Mathematik (Verfahren anwenden) und Naturwissenschaften (Phänomene erklären und Beweise heranziehen) in Form von Multiple-Choice-Fragen getestet – es geht dabei nicht um auswendig Gelerntes, sondern um die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und zu verarbeiten.
Ergebnisse in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund
Unabhängig von den einzelnen Studien der vergangenen Jahre lässt sich feststellen: Jugendliche mit Migrationshintergrund (sie selbst oder mindestens ein Elternteil kommen nicht aus Deutschland) weisen in allen Kompetenzbereichen schwächere Leistungen auf als ihre deutschen Mitschüler – sofern Deutsch nicht ihre Muttersprache oder parallel erlernte Sprache ist. Auffällig dabei scheint, dass Jugendliche mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil die geringsten Unterscheide aufweisen, Schüler der zweiten Generation hingegen die größten.
Gründe für das niedrigere Kompetenzniveau
In Deutschland haben die Differenzen zwischen deutsch(stämmig)en und nicht-deutsch(stämmig)en Jugendlichen vor allem zwei Ursachen: zum einen den signifikant abweichenden Sprachgebrauch in Familie oder Freundeskreis und zum anderen die soziale Herkunft der Schüler mit Migrationshintergrund. Sie sind zumeist überproportional in einkommensschwachen Bevölkerungsschichten vertreten und haben daher weniger Zugang zu finanziellen Ressourcen, um ihr soziales Kapital entscheidend zu vergrößern – sie besitzen schlichtweg nicht die Möglichkeit, kulturelle Güter in gleichem Umfang zu erwerben, wie das ihre deutschen Mitschüler tun.
Darüber hinaus verfügen nur knapp über die Hälfte der nach Deutschland Migrierenden über ausreichende Kenntnisse in der deutschen Sprache. Sprachliche Muster, die in der Familie der jeweiligen Schüler vorherrschen, werden von ihnen übernommen. Da die zu Hause gesprochene Sprache in den meisten Fällen nicht Deutsch ist, wird diese systematisch als Sprache des Alltags und, weitaus bedeutsamer, als Sprache der Schule vernachlässigt. Zeichen dafür ist der Anstieg der Kompetenzunterschiede von der ersten zur zweiten Generation der Migranten.
Neben den Schwächen in der Lesekompetenz, die in einem direkten Zusammenhang zu den sprachlichen Fertigkeiten der Schüler in der deutschen Sprache stehen, offenbaren sich auch Defizite in den beiden anderen Kompetenzen. Sie sind ebenfalls auf sprachliche Kompetenzen zurückzuführen, denn mathematische oder naturwissenschaftliche Aufgaben kann nur durchdringen, wer fachspezifische Begriffe und Konzepte versteht. Je größer die Leistungsdefizite im Deutschen, desto größer sind diese auch in den "sprachfernen" Sachfächern.
Was kann man tun?
Um es vorwegzunehmen: Die staatliche Bildungspolitik ist nicht allein der Schlüssel zur Lösung. Eine Verbesserung kann weiterhin nur gelingen, wenn alle Betroffenen und Verantwortlichen integriert werden, will heißen: Schüler wie Eltern, Lehrer wie Schulamtsmitarbeiter sind gefordert. Seit 2000 hat sich vieles gewandelt – aber Anstrengungen sind weiterhin nötig.
Lösungsansätze liegen zunächst bei Sprachförderungen und den entsprechenden Stiftungen und Schulen. Werden Schüler mit Migrationshintergrund frühzeitig in der deutschen Sprache gefördert, erreichen sie signifikant bessere Leistungen. Hierbei ist jedoch die intensive Zusammenarbeit mit den Eltern gefragt – denn um langfristig das Potenzial der Mehrsprachigkeit von Migrationsschülern zu nutzen, trägt nur eine veränderte Sprach- und Lesekultur auch am Ort der primären sprachlichen Erziehung bei. Förderprojekte kümmern sich bereits gezielt um diese Baustellen und begleiten die Schüler von der Grundschule bis zum Abschluss. Klar ist auch, dass für ein erfolgreiches Gelingen sich das deutsche Schulsystem dem Vorteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund Rechnung tragen muss: Nicht nur Deutsch allein kann förderwürdig sein, sondern bilinguales Lernen. Denn bessere Leistungen in der Muttersprache führen auch zu besseren Leistungen in der Zweitsprache.
Darüber hinaus ist eine stärkere Vernetzung der Schulen zum Austausch von unterschiedlichen Lernkonzepten notwendig, um erfolgreiche Verfahrensweisen allen Bildungseinrichtungen zugänglich zu machen – ebenso wie eine breitere Basis in der bildungspolitischen Öffentlichkeit, damit das Problem nicht länger nur im Nachgang der PISA-Studien auf den Tisch kommt. Das ist bereits geschehen, ein weiterer Ausbau aber unerlässlich.
Quellen:
- Allemann-Ghionda, Christina (Hrsg.): Migration, Identität, Sprache und Bildungserfolg. Weinheim und Basel 2010.
- Auernheimer, Georg: Schieflagen im Bildungssystem. Die Benachteiligung der Migrantenkinder. Wiesbaden 2006.
- Bouras, Khatima: Mehrsprachigkeit und Schulerfolg bei Migrantenkindern. Hamburg 2006.
- Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: PISA 2000. Zusammenfassung zentraler Befunde. Berlin 2001.
- Prenzel, M.: PISA 2006: Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie. Münster 2008.
