PlayStation 3: Ohne Linux und nur noch Spiele und Entertainment

Freilaufend - Playstation 3 ohne Other OS - Vera Kriebel
Freilaufend - Playstation 3 ohne Other OS - Vera Kriebel
Hintergrund: Warum deaktiviert Sony "Other OS"-Funktionalität bei der PS3? PR-Panne, Sicherheitslücken oder strategische Neuausrichtung bei Sony?

Das Aufspielen alternativer Betriebssysteme mit der Funktionalität "Other OS" ("Anderes Betriebssystem") hatte die PS3 wegen des leistungsfähigen Prozessors auch über die Unterhaltungsnutzung hinaus interessant gemacht, so für Forschung oder Programmierung. Da meist damit nur Linux installiert wurde, wird häufig auch von der "Linux-Funktionalität" gesprochen.

Kein Spielzeug: Playstation-Hochleistungsrechner

Die Spielekonsole wird beispielsweise bei der Krebs-Diagnose im Berliner DFG-Forschungszentrum eingesetzt, denn die PS3 ist wegen des schnellen Hochleistungsprozessors mitnichten ein Spielzeug, kostet aber gegenüber vergleichbaren Rechnern erheblich weniger. So kann man zum Beispiel auch kostengünstig mit Cell-Programmierungstechniken experimentieren.

Sony hatte die "Other OS"-Funktionalität seit der Einführung der Playstation 3 im Jahr 2006 explizit beworben. Die lakonische Mitteilung von Sony am 29. März 2010 kündigte an, dass zukünftig auf allen PS3-Modellen alternative Betriebssysteme nicht mehr geduldet würden, und begründet die Entfernung der Other OS-Option mit Sicherheitsbedenken. Im Januar war im Internet durch den iPhone-Hacker George Hotz verbreitet worden, dass er die PS3 gehackt habe, offensichtlich eben mit Hilfe des "alternativen" Betriebssystems Linux. Sollte also dieser Hack ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko für die User darstellen?

PS3-Sicherheitslücken?

Im Netz wird der Hotz-Hack nicht für voll genommen, weil er die Verschlüsselung der PlayStation 3 nur umgeht, nicht wirklich knackt. Dafür spricht auch, dass bislang im Internet keine Nachrichten von hausgemachten "Hello World"-Codes aufgetaucht sind, die auf der PS 3 ausführbar sind. Erst wenn dieses Hacker-Lebensziel erreicht ist, ist der Kopierschutz (der PS3) geknackt und der Hacker bekommt endlich jede Menge Aufmerksamkeit: Denn damit sind Raubkopien spielbar.

Trotzdem geht Simon Lange, Pressesprecher der Piratenpartei, davon aus, dass die Januar-Meldung den Anlass für Sonys Patch bildete: "Sicherheitsbedenken - das ist die klassische Sprachregelung aller Konsolenhersteller. Sicher: Neutral betrachtet und rein technisch gesehen ist ein solcher Hack ein Sicherheitsloch, das stimmt schon. Es ist aber keine kritische Sicherheitslücke - sie müsste nicht einmal gepatcht werden. Denn ein Fremder kommt auf diese im Januar benutzte Art und Weise sicherlich nicht an mein System. Es ist einfach ein vorgeschobenes Argument." In den einschlägigen Foren wird kolportiert, dass die neu aufgespielte PS3-Firmware 3.21 sogar so unsicher sein soll, dass Programmcode darauf abgespielt werden könne.

Kopierschutz verteidigen - Raubkopien verhindern

"Wenn man einmal annimmt, dass die PS3 tatsächlich gehackt worden ist, und das scheint ja offensichtlich so zu sein," erklärt Lange, "dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, Software zu schreiben, die das Starten von Raubkopien ermöglicht. Und hier setzen die Befürchtungen bei Sony ein: In der Sekunde, in der die Playstation Portable (PSP) gehackt war, ist der Spiele-Markt komplett eingebrochen, genauso wie bei den anderen Konsolenherstellern Nintendo und Microsoft mit Wii beziehungsweise Xbox. Konsolen sind subventionierte Geräte - Sony braucht also den Verkauf der Spiele. Wenn die Spiele wegbrechen, dann ist die PS3 ein absolutes Geldgrab.

Vielleicht wird das Sony auch irgendwann einmal halbherzig eingestehen, aber offiziell werden sie von Sicherheitslücken sprechen, so wie es alle Hersteller machen, wenn es um Copyright beziehungsweise um Kopierschutz geht. Trotzdem muss hier der Verbraucherschutz gestärkt werden. Es ist zwar nachvollziehbar, dass ein Hersteller seine Produkte schützen will, aber der Schutz darf nicht so weit gehen, dass er den ehrlichen Verbraucher behindert und Features entfernt werden, die vorher beworben wurden. Sony hat es als Alleinstellungsmerkmal vermarktet, dass man auf seiner Konsole auch Linux installieren kann. Der Gewährleistungsanspruch muss deswegen ausgeweitet werden auf bestimmte Eigenschaften auch nach der Kaufübergabe."

Neue Slim-PlayStation 3 im September 2009 ohne Linux

Eine andere Erklärung liefert die im Jahr 2009 der Öffentlichkeit vorgestellte neue Unternehmensstrategie, sich mit der PlayStation nur noch auf den Spiele- und Unterhaltungsmarkt zu konzentrieren. Die PS3-Gemeinde war schon bei der Einführung des neuen "schlanken, leichten" und billigeren (Slim)Playstation 3-Modells im September 2009 hellhörig geworden: "Die neue PlayStation 3 konzentriert sich ganz auf die Bereitstellung von Spielen und anderen Entertainment-Inhalten. Es lassen sich auf der neuen PS3-Slim daher keine anderen Betriebssysteme mehr installieren," heißt es offiziell bei Sony.

Beruhigt hatte die PS3-Freaks im August 2009 die Zusicherung von Geoffrey Levand, der bei Sony für die Linux-Unterstützung zuständig war (HaxNetwork): die Other-OS-Funktionalität älterer PS3s werde nicht entfernt. Im Netz herrscht diesbezüglich aber Konfusion: Weil ein Blog-Beitrag im Februar 2010 Levands Beitrag (von August 2009) als Zitat postet, heißt es seitdem überall, Sony habe noch im Februar 2010 das Fortbestehen der Betriebssystem-Offenheit zugesichert. Lesen und Hacken scheinen zwei durchaus unterschiedliche Fähgkeiten darzustellen.

Strategische Neupositionierung der Playstation

Nicht so hellhörig waren die PS3-Fans, als Sony der Öffentlichkeit im Sommer 2009 eine strategische Neupositionierung bekannt gab. Ab September 2009 firmierte parallel zur Einführung des neuen Slim-PS3-Modells die Marke PLAYSTATION zu PlayStation um - ein feiner, aber symptomatischer Unterschied. Im August hatte John Koller, Director of Hardware Marketing bei Sony, auf die Frage von ars technica, warum die Möglichkeit, Linux zu installieren, beim neuen PS3-Modell nicht mehr verfügbar sei, geantwortet: Sony wolle das eigene Betriebssystem standardisieren und weiterentwickeln. Da passe ein anderes Betriebssystem nicht mehr ins Konzept. Koller betonte auch, dass der Wegfall der Option zwar viel Wirbel verursacht habe, dass allerdings in Wahrheit das Other-OS-Feature nicht wirklich wichtig für die Kaufentscheidung sei: Die meisten würden die PS3 wegen der Spiele und der Blu-ray-Filme kaufen. Aber: Auch er sicherte in diesem Interview zu, dass andere Betriebssysteme weiterhin bei den älteren PS3-Modellen genutzt werden dürften.

Kundenwunsch: Mit der Playstation spielen und Filme gucken - nicht programmieren

Die Beseitigung der Möglichkeit, auf der PlayStation 3 andere Betriebssysteme zu fahren, scheint also durchaus konsequent die strategische Neupositionierung hin auf eine reine Spiele- und Entertainment-Konsole umzusetzen - auch wenn sicherlich bei Sony alle Kopierschutz-Alarmglocken läuteten, als der PS3-Hack im Januar 2010 gemeldet wurde, so dass dieser vielleicht sogar das aktuelle Update veranlasst hat. Denn - so ein User: "Eigentlich wollen die Leute ja Linux drauf haben, um gecrackte Spiele laufen zu lassen."

In jedem Fall scheint das ganze Vorgehen aber ein PR-Gau zu sein, denn das hätte sich Sony ja vorher überlegen können - oder hat Sony recht und die allermeisten Nutzer spielen sowieso nur mit der PS3, so dass vielleicht außer ein paar Freaks keiner etwas vom Other-OS-Tod gemerkt hätte?

Vera Kriebel, Vera Kriebel

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