Das Pferd als Fluchttier ist beeindruckend bemuskelt, wobei seine Leistungsfähigkeit vor allem von der Gesundheit seiner Muskulatur abhängt.
Vermeiden von Muskelverletzungen durch Aufwärmen
Die Muskeln des Pferdes müssen sehr gut durchblutet sein, um genügend mit Nährstoffen (Energie) und Sauerstoff versorgt werden zu können, wenn Leistung gefordert wird. Beim ruhenden Pferd durchströmt das Blut maximal 5 % der Kapillaren; damit ist die Muskulatur minimal durchblutet und mit Energie versorgt. Deshalb muss jeder reiterlichen oder anderweitigen Belastung des Pferdes eine mindestens 15-minütige Aufwärmphase im Schritt vorausgehen, um Überdehnungen und Zerrungen der Muskulatur zu vermeiden. Ein aufgewärmter Muskel kann sich um 30 bis 50 % seiner Länge dehnen, eine Sehne nur um maximal 5 - 10 %. Deshalb sind Muskelzerrungen weniger häufig als Sehnenzerrungen.
Muskelzerrung - eine Verletzung beim Pferd durch Kaltstarts
Die meisten Muskelzerrungen passieren durch Kaltstarts beim Reiten (sofort aus dem Schritt das Angaloppieren üben oder Stopps und scharfe Wendungen), beim Herumtoben auf der Weide oder beim Ausrutschen auf glatten Böden. Dabei werden einzelne Muskelfasern überdehnt oder reißen sogar. Es kommt zu partiellen Blutungen und Blutergüssen, weil dabei auch Blutgefäße gewaltsam überdehnt, an- oder sogar auseinandergerissen werden. Auch Flüssigkeit aus verletztem Zellgewebe sickert in diesen Bereich. Durch den Druck der hier angestauten Flüssigkeit treten Schmerzen auf, die palpatorisch leicht nachweisbar sind. Je nach Lage der Verletzung kann es zu einer Hangbeinlahmheit kommen. Durch Abreißen feiner, peripherer Nerven können Erschlaffungs- und Lähmungserscheinungen auftreten. Oft entzündet sich der Muskel (Myositis traumatica), weshalb die Grenzen zwischen Muskelzerrung und Muskelentzündung fließend sind, wobei die Verletzung letztendlich über den Weg dieses Entzündungsgeschehens ausheilt.
Sich wiederholende Muskelverletzungen führen zu dauerhaften Schäden
Sich häufiger wiederholende Muskelfaserzerreißungen lösen eine chronische Entzündung aus, die den zunächst reversiblen Muskelschaden bindegewebig vernarben lässt (Myositis ossificans). An funktionell wesentlichen Muskelbündeln der Gliedmaßen bewirkt eine Verknöcherung eine Beeinträchtigung des koordinierten Bewegungsablaufs (Nachweis: Ultraschall). Bei einem umfangreichen Muskelschaden kann im akuten Fall eine Erhöhung der Aktivität muskelspezifischer Enzyme, wie die Creatinkinase (CK) und die Aspartat-Aminotransferase (ASAT) im Blutplasma gemessen werden. Das Enzym CK ist in beiden Fasertypen, den roten wie den weißen Muskelzellen, in etwa gleicher Menge enthalten. Die Konzentration der ASAT hingegen ist in den roten Muskelfasern wesentlich höher als in den weißen Fasern. Dies bedeutet, dass bei einem Quotienten CK : ASAT < 50 vor allem mit einer Schädigung der roten Muskelfasern zu rechnen ist, während der Quotient CK : ASAT > 100 auf eine Schädigung der weißen Muskelfasern hinweist.
Muskelrisse am Hinterbein
Die häufigsten Muskelrisse kommen an den Hinterbeinen vor und hier am dritten Wadenbeinmuskel (Musculus fibularis tertius), der den Oberschenkelknochen mit dem Sprunggelenk verbindet. Plötzliches Überstrecken des Muskels durch Ausgleiten, Widersetzlichkeit bei aufgehobenem Hinterbein beim Beschlag oder zu leistungsbezogenes Reiten bei untrainierten oder nicht aufgewärmten Pferden führt zu einer Zerreißung dieses Muskels. Die Folge davon ist eine eindrucksvolle Bewegungsstörung, die sich im Unvermögen einer Sprunggelenksbeugung dokumentiert. Schon im Schritt bleibt beim Vorführen der Gliedmaße die weite Winkelung des Sprunggelenks in Streckhaltung auffällig, wobei die entsprechende Beugung des Kniegelenks erhalten bleibt.
Muskelverletzungen und ihre Therapie
Bei Muskelzerrungen sollte schnellstmöglich eine Behandlung eingeleitet werden, um Folgeschäden zu vermeiden. Zur Abheilung ist anfänglich Ruhe (mehrere Tage) nötig, dann ist leichte Bewegung zur Förderung der Blutresorption angezeigt. Bewährt haben sich kalte Umschläge oder Angüsse mit essigsaurer Tonerde oder Cool Packs. Ebenso hilfreich sind kalte Kompressen oder Verbände mit Arnicatinktur. Diese Kältetherapie bewirkt eine Gefäßverengung, wodurch weniger Flüssigkeit in den verletzten Bereich sickert und auch die Entzündung gelindert wird. Homöopathisch kann Arnica D 3 oder D 4 gegeben werden und zwar anfangs stündlich, danach 2 - 3 mal täglich 20 Tropfen und Apis mellifica D 4, 2 mal täglich 20 Tropfen, zum Abtransport der Entzündungsflüssigkeit aus dem Gewebe. Nach 2 - 3 Tagen Kaltanwendungen wird mit Wärme weiterbehandelt. Warme Umschläge mit Heparinsalben oder Enelbinpaste fördern die Durchblutung und regen den Muskelstoffwechsel an. Symphytum (Beinwell), als Kytta-Plasma oder Kytta-Salbe angewandt, wirkt antiphlogistisch und antiinflammatorisch. Behutsames Massieren mit Traumeel-Gel ad. us. vet. fördert die Heilung, weil diese Maßnahme ebenfalls die Durchblutung anregt, wobei angestaute Flüssigkeit aus dem verletzten Gewebe entfernt wird. Handelt es sich um eine sehr schmerzhafte, ausgedehnte Zerrung, braucht das Pferd schmerz- und entzündungshemmende Injektionen.
Muskelverletzungen müssen komplett ausgeheilt werden
Zur Regeneration der Muskulatur empfiehlt sich die Verabreichung von Vitamin E und Selen-Präparaten (Bio E-Liquid, Fa. dimaxx; Alvitan Liqui-Selen + E, Fa. Albrecht oder Orthosal-Selen, Fa. Navalis). Wichtig ist die komplette Ausheilung einer Zerrung, um größere Hämatombildung und Folgeschäden zu vermeiden. Nach ein bis zwei Wochen sollten sämtliche Schmerzen und Schwellungen verschwunden sein. Handelt es sich um chronische Beschwerden nach Zerrungen, die seit mindestens drei Monaten bestehen und durch nicht vollständige Ausheilung entstanden sind, kann versuchsweise mit Lasertherapie (Laserdusche) behandelt werden. Muskelrisse werden im allgemeinen genauso therapiert wie Muskelzerrungen, allerdings muss das Pferd mindestens 8 Wochen Boxenruhe verordnet bekommen, bis durch Selbstheilung die Rissstelle bindegewebig vernarbt. Manche Muskelrisse werden auch operativ behandelt, indem der Tierarzt die Muskelstümpfe zusammennäht.
Bitte, beachten Sie, dass Suite 101-Artikel niemals den fachlichen Rat eines Tierarztes ersetzen können!
