"Pnima" von Chaya Czernowin in der Staatsoper Stuttgart

Szenenfoto Pnima - Martin Sigmund
Szenenfoto Pnima - Martin Sigmund
Kammeroper ohne Worte, ohne Text, ohne Libretto - Neue Musik transportiert Emotionen - Inszenierung stimmt nachdenklich mit positivem Blick in die Zukunft.

Unter dem Begriff Oper mag sich mancher etwas anderes vorstellen, obwohl hier die gleichen Voraussetzungen anzutreffen sind. Es spielt in einem Opernhaus. Die Musiker – Streichorchester der Stuttgarter Staatsoper mit Solisten unter der Leitung von Johannes Kalitzke – sitzen im (hochgefahrenen) Graben. Dahinter die Bühne mit Bühnenbild, bestehend aus einem Parkettboden, der sich zu einer Rückwand erweitert. In der Mitte steht ein Tisch mit acht Stühlen, daneben ein Ohrensessel, ein Schrank, ein Klavier.

Helmut Lachemann und Ruedi Häusermann, Komponisten mit ähnlichen Opern

Dem Stuttgarter Publikum sind derartige Töne, die Geräuschhaftes in die Musik transportieren, nicht unbekannt, siehe "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" von Helmut Lachemann und "Randolfs Erben" von Ruedi Häusermann. Bei Helmut Lachemann wird jede Bewegung auskomponiert wie zum Beispiel das Krachen der Schwefelhölzchen, wenn sie angeritzt werden. Die eisige Stimmung in der Oper ist fast körperlich zu spüren. Im Gegensatz dazu transportiert die Oper Ruedi Häusermanns ein anderes Klima. Ebenfalls alles auskomponiert, aber die Stimmung ist sonnig – eine das-Leben-ist-schön-Komposition.

Chaya Czernowins Musik transportiert Emotionen

In Chaya Czernowins Kompositionen dagegen werden Emotionen frei gesetzt. Ihre Ideen, Geräusche zu erzeugen, wiederholen sich oft – zu oft. Die Musik kommentiert die Handlungen der Sänger/Darsteller. Es werden Gefühle transportiert, überwiegend in Angstgefühlen verharrend, doch kommt am Ende Hoffnung auf. Die Sänger wiederum stoßen Urlaute aus, die ihre Befindlichkeiten – Angst, Leere, Hoffnung – dokumentieren.

In dem Roman, der dieser Oper als Vorlage dient, spielt die Geschichte zwischen einem kleinen Jungen und seinem Großvater. Der Großvater ist traumatisiert vom Holocaust, den er überlebte. Der Junge weiß nichts davon, erkennt aber die Traurigkeit des Großvaters und möchte ihm helfen. Das führt aber dazu, dass er in diesen Sog hineingezogen und selbst depressiv wird.

Hervorragend interpretiert Yuko Kakuta den kleinen Jungen, der sich absondert und für sich spielen möchte, dann aus Mitleid mit den Erwachsenen Kontakt aufnimmt und dadurch mehr und mehr an Ticks annimmt, bis er zum Schluss ähnlich depressive Anzeichen zeigt wie Menschen um ihn herum. Yuko Kakuta verbindet die klar gesungenen Vokalisen ganz selbstverständlich mit ihren Handlungen.

Doppelte Besetzung für die Sänger – hohe und tiefe Stimmen

Yona Kim hat den kleinen Jungen doppelt besetzt mit Yuko Kakuta als Jungen mit hoher Stimme und Noa Frenkel mit ihrer tiefen Stimme als Erwachsene.

Der Großvater erscheint ebenfalls doppelt. Daniel Gloger singt mit hoher Stimme den jungen Mann in Sträflingsuniform, den er apathisch und abwesend darstellt. Andreas Fischer kommt als alter Mann mit tiefer Stimme, ebenfalls beklemmend gespielt. Außerdem sitzen noch einmal vier Personen in stummen Rollen um den Tisch herum. Die Regisseurin Yona Kim verlegt die Handlung in ein Irrenhaus.

Produktion der Stuttgarter Staatsoper

Musikalische Leitung Johannes Kalitzke

Regie Yona Kim

Bühne Herbert Murauer

Kostüme Katharina Weissenborn

Licht Reinhard Traub

Klangregie Dieter Fenchel

Dramaturgie Angela Beuerle, Albrecht Puhlmann

Besetzung am 9. Juli 2010

Frauenstimme, hoch Yuko Kakuta

Frauenstimme, tief Noa Frenkel

Männerstimme, hoch Daniel Gloger

Männerstimme, tief Andreas Fischer

Klarinette Volker Hemken

Saxophon Rico Gubler

Posaune Uwe Dierksen

Singende Säge David Shively

Viola Mary Oliver

Violoncello Séverine Ballon

Staatsorchester Stuttgart

Statisterie der Staatsoper Stuttgart

Kinder aus Schulen in Stuttgart und Umgebung

Elke Wilkenstein, adlugokinski

Elke Wilkenstein - Natur und Kultur sind meine Hauptinteressen, über die ich gern schreibe: Blumen im April, Mai, Juni oder im Jahreslauf Ich esse ...

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