Politik der Gefühle

Ein Essay über das Österreich von Josef Haslinger

Josef Haslinger: Politik der Gefühle  - Rafael Michalczuk - Scan
Josef Haslinger: Politik der Gefühle - Rafael Michalczuk - Scan
Josef Haslinger prägte die schillernden Schlagworte von der „Politik der Gefühle", als Kurt Waldheim 1986 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte.

Den Ausgangspunkt für Haslingers Reflexion zur politischen Landeskunde Österreichs stellte die Waldheim-Affäre dar. In seinem Essay fühlt der Autor den Österreichern auf den Zahn: Ihr Verhältnis zur Vergangenheit wird durchleuchtet, um allgemeine Feststellungen zur Vergangenheitsbewältigung in Gesellschaft und Politik zu formulieren.

Die Ästhetik der Politik

Haslinger versteht die vieldeutige „Politik der Gefühle“ als eine Sache des Geschmacks. Politik nach dem Verfahren der Warenästhetik, nach der Praktik der Produktwerbung macht keinen Unterschied zwischen „Waldheim“ und „Pepsi“. Beide sind laut Haslinger nichts anderes als Produkte mit einer Dose Gefühlsprojektion und umnebelter Markennamen. Haslinger attestiert dem österreichischen Establishment eine machtpolitische Instrumentalisierung der Emotionen, die – so scheint es – wohl durchaus auch für andere Länder Europas und ebenfalls außerhalb unseres Kontinents zutreffend zu sein scheint.

Kleine Geschichte der politischen Nachkriegsmoral

Im Zusammenhang mit der Kandidatur Kurt Waldheims 1986 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten, präsentiert Haslinger eine spezifische Nachkriegsmoral, die versucht die enthusiastische Einstellung der Bevölkerung zur Zeit des „Anschlusses“ 1938 aus dem öffentlichen Gedächtnisses zu verdrängen. Als bekannt wurde, dass Waldheim Mitglied des SA-Reitersturms war, entbrannte eine Kontroverse, die der Bundestagspräsident signifikanterweise als gute Publicity und letztlich sogar zum Wahlsieg nutzte.

Inszenierung des Erinnerns und Vergessens

Der Autor aus Niederösterreich weist auf die Inszenierung des Waldheim-Wahlkampf-Werbung durch die US-Werbeagentur Young & Rubicam hin. Erschreckend für Haslinger zeigt sich die ostentativ zur Schau getragene Selbstzufriedenheit, die keine Schuld und Trauer kennt und in der Öffentlichkeit immer höhere Wellen schlägt. Den Zeitpunkt, der die offizielle Mystifizierung der eigenen Geschichte Österreichs begann, macht Haslinger präzise aus: In einem Dokument der Moskauer Konferenz vom Oktober 1943 wurde Österreich als „das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist“, genannt.

Vergangenheitspolitik in Österreich

Haslinger bietet einen kurzen Überblick zur Vergangenheitspolitik in Österreich. Freilich durch die essayistische Form begrenzt, bietet er kein so umfassendes Werk wie Norbert Frei für die vergangenheitspolitische Auseinandersetzung in der Bundesrepublik Deutschland (Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit). Nichtsdestotrotz macht der Autor einen der Grundunterschiede dieser Aufarbeitungspolitik aus. Im Gegensatz zu Deutschland wurde die Entnazifizierung in Österreich nicht von den Besatzungsmächten durchgeführt, sondern unter Kontrolle und auf Drängen der Alliierten von den Österreichern selbst.

Vorwürfe an die Zweite Republik

Laut Haslinger sei ein entscheidendes Wesensmerkmal der Zweiten Republik, dass kaum ein Gesetz beschlossen wurde, das den beiden österreichischen Großparteien SPÖ und ÖVP nicht einen Spielraum für Ausnahmen und Gnadenakte offen gelassen hätte. Härte habe der neue Staat nur gegenüber den schwersten Kriegsverbrechern gezeigt – so resümiert Haslinger. Der äußerst kritische Diskussionsbeitrag wurde schnell aufgegriffen und von Journalisten kurzerhand zum Schlagwort geprägt. Für das bessere Verständnis der österreichischen Nachkriegspolitik verdient die „Politik der Gefühle“ den Stempel: „empfehlenswert“.

Josef Haslinger: Politik der Gefühle. Ein Essay über Österreich. S. Fischer 2001. 2. Auflage. Taschenbuch, 133 Seiten. Euro 8,90.

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Rafael Michalczuk - Herzlich Willkomen, kurz und bündig finden Sie hier, was mich bewegt und ich bewegen will. Mein Name ist Rafael Michalczuk, ...

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