
- Der Wortklauber Jochen Malmheimer - Malmheimer
Von Wolfgang Heininger
"Für so einen Quatsch muss man dann 21 Euro zahlen", giftete ein enttäuschter Besucher seine Begleiterin in der Pause an. Gemeint war mit dem "Quatsch" der Kabarettist Jochen Malmsheimer bei seinem jüngsten Gastspiel in Aschaffenburg. Neben seiner jüngsten Solotournee durch die Republik feudelt sich der sprach- und wortgewaltige Satiriker seit 2007 auch regelmäßig durch die öffentlich-rechtlichen Programme, unter anderem als Hausmeister bei "Neues aus der Anstalt".
Zunächst nur sporadisch avancierte der Kabarettist mittlerweile zur festen Institution. Seine schrägen Beiträge durchtrennen zwar oft den roten Faden, den die unterfränkischen Protagonisten Urban Priol und Frank-Markus Barwasser – besser bekannt als Erwin Pelzig – spinnen, setzen damit aber einen wohltuenden Kontrapunktv und geben Raum, zwischen herausfordernden Polit-Elogen einfach mal abzulachen über menschlich-allzu-Menschliches.
"Ich bin kein Tag für eine Nacht"
Dabei führt der der gelernte Buchhändler und zuvor abgebrochene Student der Germanistik und Geschichte durchaus sein Eigenleben auf dem weiten Feld der Kleinkunst. Nach Ausflügen in die Blues-Szene begann die Karriere des Essener als „Tresenleser“, zusammen mit dem kongenialen Frank Goosen, mit dem er schon die gleiche Schule besucht hatte. Das Duo sammelte auch erste Fernseherfahrungen, ehe sich die beiden im Jahr 2000 trennten. Seither verdient sich Malmsheimer weitgehend allein das durchaus nicht immer harte Brot des Kabarettisten in Soloprogrammen wie "Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde" und „Ich bin kein Tag für eine Nacht oder: Ein Abend in Holz“.
Gerne kokettiert der gebürtige Essener damit, dass er ja nur in der zweiten oder dritten Liga des Genres spiele, was schon allein dadurch konterkariert wird, dass seine Vorstellungen meist lange ausverkauft sind, ehe das „Trum ohne Mons“ und der engelsgleichen Statur eines Sigmar Gabriel mit Urgewalt auf sein Publikum hereinbricht. Und so war der über den "Quatsch" ärgerliche Gast wohl einer der ganz wenigen, die den Melmsheimerschen Fundus des Absurden nicht zu goutieren wussten. Dessen harscher Kritik stehen auch die zahlreichen Auszeichnungen entgegen, die der Wortklauber bereits in seine Vitrine stellen konnte, darunter der Deutsche Kleinkunstpreis und der Deutsche Kabarettpreis.
Hemmungslos auf Pointensuche
Hemmungslos plündert der Zer-Malmsheimer auf Pointensuche den deutschen Sprach-Schatz, zeigt in zweieinhalb Stunden mühelos auf, dass es auch 50 000 Wörter sein können, wo der Deutsche täglich mit 500 auskommt, der Bewohner des Ruhrpotts womöglich mit 50 - plus einiger gutturaler Kehllaute, von denen Booh-ey noch die größte Verbreitungsrate in der Republik erzielt haben dürfte. Mit der Kraft eines Berserkers rührt der 49-Jährige Erlebnisfetzen zu einem üppigen Schmaus zusammen, bei dem man auch gerne ohne Besteck zulangen kann.
So feinziseliert wie derb seziert Malmsheimer das guiness-lastige Kneipengespräch, zertritt alle Epigonen des Fernsehkochs Max Inzinger zu Staub, erhöht die Absurdität des duft- und geschmacklosen Spektakels hinter der Mattscheibe, das der Erotik von Kochen und Essen das wesentliche Element raubt, noch, in dem er es in ein nur noch hörbares Unvergnügen verwandelt, inszeniert in einem Radiostudio. Was ist die sterile Kochshow gegen die betörende Realität des Kochens, wenn ein „rechtsdrehendes Olivenöl mit Fachabitur“ sanft in der Pfanne schmurgelt, ein Stück Speck sich dazugesellt, wenn also eine solche Kombination sich „würmelnd“ den Weg zu den Geschmacksknospen in Mund und Nase bahnt. Wer nur bei dieser Beschreibung keinen Hunger kriegt, sollte zu Hause bleiben.
Wer kennt noch die Pril-Blume oder die "gute Butter"
Jochen Malmsheimer ist keiner nur für den Kopf, sondern auch einer für den Leib und das, was schließlich dabei hinten raus kommt, wie es Altkanzler Kohl - pardon – ausdrückte. Und einer, der die Dönekes des Lebens in literarische Sphären hieven kann. Dort nimmt er die Ruhrpott-„Omma“ ebenso aufs Korn wie das Wurstbrot mit „guter Butter“ oder die ersten Annäherungsversuche eines schüchternern, übersichtlich talentierten jungen Mannes an das andere Geschlecht. Er ist der brüllende, peinliche, platte, orgiastische, fein beobachtende Philosoph des Alltags, der satirische Historiker der Nachkriegszeit. Wer die etwa epoche-prägende Pril-Blume und deren unwiderstehliche, selbst Katastrophen überdauernde Haftkraft nicht mehr aus eigenem Erleben kennt, sollte seine Altvorderen befragen. Oder eben Jochen Malmsheimer.
Weitere Termine unter http://www.jochenmalmsheimer.de.
