
- In der Demokratie muss jeder teilhaben (können) - Stefan Erdmann
Die Demokratie ist eine Staatsform, die in der westlichen Welt als das beste Modell des sozialen Zusammenlebens angesehen wird. Die Geschichte hat gezeigt, dass nur die Volksherrschaft sowohl die Freiheit der Bürger als auch den gesellschaftlichen Interessensausgleich gewährleisten kann.
Die Demokratie bekommt globale Konkurrenz
Blickt man jedoch auf die Welt, so entsteht der Eindruck, dass die Demokratie an vielen Stellen des Globus kein erstrebenswertes Gesellschaftsziel mehr darstellt. Im Gegenteil: Staaten wie China und der Iran stehen den westlichen Gesellschaften mit ihren individuellen Freiheiten äußerst ablehnend gegenüber. Autokratische Staatsysteme feiern scheinbar eine Renaissance, die Demokratie hat ernsthafte Konkurrenz bekommen.
Auch in Europa gerät die Demokratie unter Druck, denn nicht alle können sich beteiligen
Doch die Volksherrschaft hat nicht nur in fernen Gefilden Probleme bekommen. Auch in Europa hat sie in den letzten Jahrzehnten scheinbar an Strahlkraft verloren. So auch in der Bundesrepublik Deutschland. Seit den 1970er Jahren ist hierzulande ein stetiger Rückgang der Wahlbeteiligung zu beobachten. Doch wesentlich verheerender ist die Tatsache, dass vor allem die Älteren der Gesellschaft wählen gehen, die jüngere Bevölkerung hingegen nimmt ihre Möglichkeit zur direkten Einflussnahme immer weniger wahr. Neben vielen anderen Ursachen lässt sich dies auch auf eine sehr problemhafte Entwicklung zurückführen: Die mangelnde Integration von jungen Migrantinnen und Migranten in die Gesellschaft. Bei der bundesdeutschen Bevölkerung zwischen 15 und 25 Jahren bilden Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile einen Anteil von gut 20 Prozent. Und ihre Anzahl steigt stetig an.
Bevölkerung mit Migrationshintergrund kann oft nicht genug partizipieren
Eine Demokratie lebt davon, dass allen gesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit geboten wird, ihre Ansichten in den politischen Diskurs einzubringen und die Berücksichtigung ihrer Interessen durchzusetzen. Doch in Deutschland besitzt die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in der Regel nur unzureichendes Wissen über das politische System und ihre Partizipationsmöglichkeiten. Besonders auffällig ist dabei, dass gerade bei der zweiten und dritten Generation von Migranten Probleme bestehen, sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen.
Deutsches Schulsystem benachteiligt Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund
Das deutsche Schulsystem ist dabei eines der Hauptprobleme, denn es produziert in hohem Maße soziale Ungleichheiten. Und Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind in besonderem Maße davon betroffen (*). Die frühe Aufgliederung des deutschen Schulsystems produziert schnell so genannte „Verlierer“, die in Bezug auf ihre Zukunft eine ausgeprägte Hoffnungslosigkeit empfinden. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund leiden oft unter der frühen Selektion nach der Grundschule, da sie gegenüber den deutschen Schülerinnen und Schülern zunächst mehr Defizite in Sprache und Sozialverhalten besitzen. Viele Lernende mit Migrationshintergrund schaffen daher nicht den Sprung auf das Gymnasium, sondern besuchen die Hauptschule. Die höchste Schulbildung bleibt ihnen also aufgrund ihrer sozialen Herkunft versagt. Zudem wird den jungen Menschen im Schulalltag oft kein Raum gegeben, um über die täglich erfahrene Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit zu sprechen. Sie besuchen somit eine Institution, welche ihre speziellen Alltagserfahrungen schlicht übergeht.
Außerschulische Bildungsangebote müssen Vorreiter sein
Die Schule ist daher aufgrund ihrer systemischen und curricularen Ausgestaltung momentan nicht in der Lage, für eine ausreichende politische Bildung unter den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zu sorgen. Um diesen trotzdem eine angemessene politische Teilhabe zu ermöglichen, bedarf es also außerschulischer Bildungsangebote. Solche Angebote dürfen jedoch nicht nur auf die reine Wissensvermittlung abzielen. Sie müssen vielmehr auf die Adressaten zugeschnitten sein, damit diese bereit sind, sich im Rahmen der Veranstaltung zu engagieren. Im Falle junger Migrantinnen und Migranten müssen deshalb neben der Wissensvermittlung auch Gelegenheiten geschaffen werden, wo die Jugendlichen Erfahrungen aus ihrem Alltag aufarbeiten können. Sie müssen genau darüber aufgeklärt werden, wie sie ihre Interessen wirksam in die Gemeinschaft einbringen können. Außerdem sollte der Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und die Problematik des mangelnden Zugehörigkeitsgefühls in den Projekten aufgegriffen und einer differenzierten Betrachtung unterzogen werden. Politische Bildung für junge Menschen mit Migrationshintergrund bedarf somit eines ganzheitlichen Ansatzes, um deren Selbstbild und ihren Blick auf die Gesellschaft nachhaltig zu ändern.
(*) Vgl. Inken Keim/Rosemarie Tracy (2007): Mehrsprachigkeit und Migration. In: Siegfried Frech/Karl-Heinz Meier-Braun: Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration. Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts.
