Politische Geschichtsschreibung

Die Geschichtstheorie der Vergangenheit - und der Zukunft?

Lange Jahre war jede Geschichtsschreibung Politische Geschichte, dann galt diese Form als überholt. Steht die Politische Geschichte vor einem Comeback?

In Deutschland gelten Leopold von Ranke und Johann Gustav Droysen als „Väter“ der modernen Geschichtswissenschaft. Sie entwickelten Methodiken und Standards, deren Einhaltung noch heute als unabdingbar für wissenschaftliches Arbeiten gelten, beispielsweise das umfassende Quellenstudium, das einer eigenen Interpretation voran gehen muss. Allerdings beschränkten sich die von Ranke und Droysen für maßgeblich erachteten Quellen auf Schriftstücke, die ihren Ursprung unmittelbar auf der höchsten Ebene des Staates hatten. Dieser eingeengte Fokus führte zu dem Axiom „die großen Männer machen die Geschichte“. Die „großen Männer“ waren Staatslenker der obersten Ebene, der Staat insgesamt galt als der einzig relevante Bezugspunkt. Das Hauptaugenmerk der frühen Geschichtsschreiber lag auf der auswärtigen Politik. Es schien logisch, dass, wenn der Staat die zu analysierende Größe war, dessen Bezugspunkte hauptsächlich die anderen Staaten seien. Es galt also das „Primat der Außenpolitik“.

Politische Geschichte und die deutsche Nationalbewegung

Die Politische Geschichtsschreibung in Deutschland war eng mit dem Verlauf der Entwicklung in Bezug auf die „deutsche Frage“ verknüpft. Das Scheitern des Versuches der liberalen Nationalbewegung, einen deutschen Staat „von unten“ zu gründen, schien die These der relativen Bedeutungslosigkeit der Gesellschaft für historische Entwicklungen zu belegen. Der Wunsch nach Einheit war in vielen Kreisen nach 1848/49 noch weit verbreitet, und so schrieb Treitschke Preußen kurzerhand einen deutschen „Beruf“ zu. Er verfasste preußische Geschichte unter der Prämisse, dass diese schon immer auf die Einigung der deutschen Staaten gerichtet gewesen sei und es nunmehr ihr Ziel sein müsse, diese Einigung „von oben“ zu erreichen. Wie sich 1870/71 herausstellte, verlief die preußische Geschichte tatsächlich so, wie Treitschke voraussagte. Das verdunkelte seinen Anhängern die Tatsache, dass Treitschke in diesem Punkt zwar als Prophet, nicht aber als Historiker seine größten Verdienste erwerben konnte. Falls jemand die vorherrschende Auffassung der Politischen Geschichte noch in Frage stellte, so ließ sich mit dem Scheitern von 1848/49 und dem Erfolg von 1870/71 trefflich dessen Unkenntnis der realen Gesetzmäßigkeiten der Geschichte beweisen. Es war schließlich der größte und wichtigste deutsche Staat, der mit Krieg und Sieg, gelenkt von einem „großen Mann“, die deutsche Einheit gegen einen anderen Staat errang. Dieser scheinbare Beweis der Richtigkeit der Prämissen und Methoden der Politischen Geschichte sorgte dafür, dass sie über viele Jahre die einzig anerkannte Form der Geschichtsschreibung war, in der zudem häufig Prognosen und Forderungen für die jeweilige politische Situation gestellt wurden. So trugen die Politischen Geschichtsschreiber ihren Teil zu den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts bei, vom Weltmachtstreben über Revisionismus bis hin zum Führerkult.

Langsame Umkehr und neue Ansätze

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Historiker gezwungen, die Politische Geschichte zu überdenken, da die bisherige Form diskreditiert war und untauglich erschien, den Aufstieg des zuvor völlig unbedeutenden Hitler zum „Führer“ umfassend zu erklären. Zahlreiche neue Ansätze brachten unter anderem die Kultur- und Sozialgeschichtsschreibung hervor, außerdem wurden andere Wissenschaftszweige wie Statistik oder Soziologie mit einbezogen. Doch diese Entwicklungen bedeuteten nicht das Ende der Politischen Geschichte, da diese Art der Geschichtsschreibung auch moderne Machtpolitik gut erhellen kann.

Neueste Entwicklungen

Die neueste Politische Geschichte wird als ein Versuch betrieben, die „Kulturgeschichte der Politik“ zu schreiben. Die Prämisse dieser Geschichtswissenschaft ist, dass die Grenzen der Politik nicht statisch, sondern flexibel sind und von vielfältigen Bedingungen abhängig. Diese Bedingungen für den zu untersuchenden Bereich zu ermitteln, ist die Aufgabe des Historikers. Wesentlich ist dabei, wie kommunikative Prozesse ablaufen, welche schließlich in eine bestimmte Politik münden. Somit besteht die Kulturgeschichte der Politik aus der „Analyse diskursiver, semantischer, semiotischer Strategien und Praktiken, jeweils bezogen auf spezifische Akteure und Akteursgruppen“ (Borowsky/ Nicolaysen 2007). Die Chancen dieser neuen Politischen Geschichte werden sich erst in den nächsten Jahren zeigen, wenn Arbeiten mit solchen Ansätzen in größerer Zahl vorliegen.