Politische und soziale Ursachen des Islamismus

Islamistische Gruppen bilden sich oft als Antwort auf politische oder soziale Probleme in ihren Heimatländern. Sie fordern die Rückkehr zum Ursprungsislam.

Die fundamentalistische Denkweise im Islam ist ansatzweise bereits aus dem 11. Jahrhundert bekannt. Sie ist das Ergebnis tief verwurzelter Krisen, die zum Teil noch aus der Zeit der Kreuzzüge stammen. Aus Platzgründen wird an dieser Stelle jedoch lediglich die Zeit nach der Kolonisation untersucht.

Die sozialen Ursachen, aus denen islamistisches Gedankengut hervorgehen kann, lassen sich grob in zwei Kategorien teilen: Der Westen als Kolonial- und Übermacht und gesellschaftliche Probleme in den eigenen Ländern. Die Kolonialisierung der islamischen Welt dauerte über einhundert Jahre und brachte den Muslimen drei große Niederlagen ein:

  • 1798: Napoleon besiegte die mamlukischen Heere in der „Pyramidenschlacht“
  • 1844: Französische Truppen besiegten marokkanische Truppen und ließen sich in Marokko nieder
  • 1898: Die Engländer besiegten die Truppen des Mahdi im Sudan und beendeten eine der letzten antikolonialen Revolten

Der Westen erlangte auf diesem Weg mehr und mehr Einfluss auf die arabische Welt. Die Muslime übernahmen westliche Militärtechnologien, kamen in Kontakt mit westlichen Ideen und Einrichtungen und wurden schließlich von westlichen Mächten überrannt, als diese aufgrund wirtschaftlicher Probleme die finanzielle Kontrolle über immer mehr islamische Länder gewannen. Durch diese Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Strömungen, die eine „Rückbesinnung auf die ideelle Gesellschaft der frühislamischen Zeit“ forderten. Eine der beiden Richtungen dieser Salafisten (die Altvorderen) waren die sogenannten Reformer, die versuchten, den Islam an die gegenwärtigen Umstände anzupassen, die andere Richtung waren die Islamisten, die zielstrebig versuchten, alle Institutionen zu islamisieren. Nur die Rückkehr zur ursprünglichen Gemeinschaft garantiere die Überwindung aller Probleme der modernen Zeit.

Die (Un-) Möglichkeit der politischen Partizipation von Islamisten

Die Gründe, warum genau man sich nun auf die Zeit der Altvorderen zurückbesinnen sollte, sind vielfältig. Ältere Ansätze der „Sozialen Bewegungsforschung“ sahen den Islamismus noch als „gesellschaftliche Reaktion auf Veränderungen und Krisen“, vor allem im Bereich der Wirtschaft und der sozialen Veränderungen. Islamisten galten somit als an den Rand gedrängte Gruppe von Modernisierungsverlierern, die innerhalb ihrer neuen, rückwärtsgewandten Bewegung Trost und Halt gegen die Übermacht des Westens finden konnten. Modernere Ansätze gehen jedoch von anderen Aspekten aus. So spielt das politische Umfeld eine wichtige Rolle für die Radikalisierung von Muslimen. So können eine ungerechte Machtverteilung und/oder Schwächen des politischen bzw. gesellschaftlichen Systems zu Frustrationen führen, die wiederum eine Islamisierung und zum Teil Radikalisierung (Putschversuche, Attentate) zur Folge haben können.

Doch besonders die Offenheit des politischen Systems und die „‘Neigung‘ eines Staates zur Unterdrückung bzw. Abwehr kollektiven Handelns, sprich zu Repression“ sind zwei entscheidende Faktoren, die es als Ursachen der Radikalisierung zu berücksichtigen gilt. Ist ein politisches System offen, so können sich in der Regel auch islamistische Parteien an der Politik ihres Landes beteiligen. In Algerien zeigte sich, dass eine Kooperation von islamistischen Parteien und nicht-islamistischen Parteien durchaus möglich ist. Ein geschlossenes, zur Repression neigendes politisches System hingegen sorgt für Ärger und Frustration, was zu einer Rückbesinnung auf die Zeit der Altvorderen und auch zur Radikalisierung führen kann. Somit ist die mangelnde politische Offenheit, die Islamisten oder anderen Oppositionsparteien die Chance gibt, sich an der Politik zu beteiligen, eine entscheidende Ursache für die Entstehung von (radikalem) Islamismus.

Soziale Probleme der islamischen Welt

In einigen arabisch-islamischen Ländern ist es schwierig, eine gemeinsame nationale Identität aufzubauen. Länder wie beispielsweise Afghanistan und Pakistan sind das Ergebnis willkürlicher Grenzziehungen nach Kriegen oder nach dem Ende der Kolonisation, wobei keine Rücksicht auf zusammengehörige Volksgruppen genommen wurde. Allein die Bildung eines Grundsteins einer Zivilgesellschaft gestaltet sich hier als enorm schwierig. Hinzu kommen die oft diktatorischen Regime, die jegliche Opposition repressiv unterdrücken. Und das ist die ideale Basis, auf der sich (radikal-) islamistische Gruppierungen herausbilden.

Weiterhin spielen die gesellschaftlichen Probleme und zahlreiche Krisen in der islamischen Welt eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung islamistischer Strukturen. Krisen im Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Religion führen zu Deprivationen und Frustrationen der Muslime. Einige erleben tägliche Demütigungen beispielsweise durch elitäre Regime, andere sind zu Außenseitern geworden, weil sie in irgendeiner Hinsicht „anders“ sind als ihre Mitbürger. All solche Gefühle und Erlebnisse können Auslöser für radikale Handlungen sein.

Zudem führen Probleme wie eine starke Bevölkerungszunahme, eine hohe Arbeitslosigkeit (vor allem bei Universitätsabsolventen, die plötzlich keinen Arbeitsplatz mehr im Beamtenapparat bekommen) und eine immer breiter werdende Schere zwischen Arm und Reich zunehmend zu Frustrationen. Diese Frustrationen werden verstärkt durch die Gewissheit, dass es anderen Leuten (beispielsweise in den westlichen Industrieländern) besser geht als einem selbst und dieser Gedanke führt wiederum zur Radikalisierung.

Lesen Sie hier, welche Ideologien Islamisten in ihren Vorhaben bestärken.

Quellen:

  • Feichtinger, Walter/Wentker, Sibylle: Islam, Islamismus und islamischer Extremismus: Eine Einführung, Böhlau, Wien 2008, S. 46f., 48ff.
  • Hirschmann, Kai: Weltweiter Kampf unter einer gemeinsamen Idee: Die Systematik des Dschihadismus, in: Rosenzweig, Beate/Eith, Ulrich: Islamistischer Terrorismus: Hintergründe und Gegenstragien, Wochenschau-Verlag, Schwalbach 2006, S. 15.
  • Kienzler, Klaus: Der religiöse Fundamentalismus, C.H. Beck Wissen, München 1999, S.78.
  • Möller, Reinhard: Islamismus und terroristische Gewalt, Ergon-Verlag, Würzburg 2004, S. 68.
  • Primor, Avi: Terror als Vorwand, Droste, Düsseldorf 2004, S. 169.
  • Wegner, Eva: Politischer Islam als Soziale Bewegung im Nahen Osten und Nordafrika, in: Albrecht, Holger/Köhler, Kevin: Politscher Islam im Vorderen Orient. Zwischen Sozialbewegung, Opposition und Widerstand, Reihe: Weltreligionen im Wandel, Nomos, Baden-Baden 2008, S. 38-42, 45.
  • Wördemann, Franz: Terrorismus: Motive, Täter, Strategien, Ullstein, Frankfurt a.M. 1979, S. 30.
Schreiben, Celestina Warbeck

Celestina Warbeck - - Studium der Islamwissenschaft und Skandinavistik - Sprachen: Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Schwedisch, Dänisch, ...

rss