
- Straße in Pompeji - Sarah Essing
"Vorangegangen waren mehrere Tage lang nicht eben beunruhigende Erdstöße - Kampanien ist ja daran gewöhnt - in jener Nacht wurden sie aber so stark, dass man glauben musste, alles bewege sich nicht nur, sondern stehe auf dem Kopfe (...) Auf der anderen Seite eine schaurige schwarze Wolke, kreuz und quer von feurigen Schlangenlinien durchzuckt, die sich in lange Flammengarben spalteten, Blitzen ähnlich, nur größer. (...) Schon regnete es Asche, doch zunächst nur dünn. Im Rücken drohte dichter Qualm, der uns, sich über den Erdboden ausbreitend, wie ein Gießbach folgte. (...) Kaum hatten wir uns gesetzt, da wurde es Nacht, aber nicht wie bei mondlosem, wolkenverhangenem Himmel, sondern wie in einem geschlossenen Raum, wenn man das Licht gelöscht hat. Man hörte Weiber heulen, Kinder jammern, Männer schreien; (...) viele beteten zu den Göttern, andere wieder erklärten, es gebe nirgends noch Götter, die letzte, ewige Nacht sei über die Welt hereingebrochen. (...) Wieder fiel Asche, dicht und schwer, die wir abschüttelten; wir wären sonst verschüttet und durch die Last erdrückt worden."
Eine Katastrophe als Glücksfall
So anschaulich berichtete Plinius der Jüngere von einer Naturkatastrophe immensen Ausmaßes. Im Jahr 79 n. Chr. vernichtete der Vesuv binnen einer Nacht die blühenden Städte am Golf von Neapel und begrub sie unter seiner Asche. Am schlimmsten betroffen waren Pompeji und Herkulaneum. Ein Fünftel der etwa 9.000 Einwohner Pompejis kamen dabei ums Leben. Makaberer Weise sorgte diese Katastrophe gleichzeitig für eine einzigartige Fundstätte, für die die Archäologie neu erfunden werden musste. Die Ascheablagerungen auf Pompeji und die Lavamassen über Herkulaneum konservierten eine Momentaufnahme des antiken Alltagslebens, wie sie einmalig auf der Welt ist.
Die Sinnlichkeit der Antike zum Greifen nah
Zahlreiche Touristen aus aller Welt spazieren heute über die Straßen Pompejis. Dabei sehen sie fast dasselbe Stadtbild wie die ehemaligen Einwohner. Sie schlendern an Garküchen vorbei, in denen nur noch das Feuer und die Utensilien fehlen, um sie wieder einsatzfähig zu machen, bestaunen die prachtvollen Gärten der reichen Villen, strömen wie die Pompejaner vor 2.000 Jahren ins Theater und amüsieren sich über die frivolen, verärgerten oder schlichtweg unanständigen Wandkritzeleien an den Mauern der Häuser, die eindrucksvoll belegen, dass Graffiti keine Erfindung der Neuzeit ist. "Ich staune Wand, dass du nicht einstürzt unter dem Gewicht dieses ganzen Unsinns" - mit dieser Inschrift machte sich ein erboster Bürger Luft. In Pompeji kann man sich auch davon überzeugen, dass auch die alten Römer den sinnlichen Freuden des Lebens nicht abgeneigt waren, denn Kritzeleien und Bilder lassen in ihrer Deutlichkeit selten einen Zweifel offen.
Die Tragik des Individuums
Was Pompeji und Herkulaneum damit für die moderne Archäologie und das Verständnis der Antike geleistet haben, kann niemand ermessen. Doch niemand kommt auch umhin, mit einem Schauder des Entsetzens an all die Opfer zu denken. Der Archäologe Guiseppe Forelli kam in den 1960er-Jahren des 19. Jahrhunderts auf die Idee, die zahlreichen Hohlräume in der zu Stein gewordenen Asche mit Gips auszugießen. Heraus kamen unter anderem Gipsabdrücke hölzerner Möbelstücke, deren Originale längst zu Staub zerfallen sind, und die den Archäologen einen bis dahin nicht gekannten Überblick über diese Art der alltäglichen Gebrauchsgegenstände verschafften. Heraus kamen allerdings auch erschreckende Gipsstatuen der Menschen und Tiere im Augenblick ihres Todes. Heute sind nur noch wenige dieser Statuen auf dem Ausgrabungsgelände zu sehen. Und wer einmal die pietätlosen Witze mancher Touristen gehört hat, weiß auch warum.
Herkulaneum teilte das Schicksal
Ein wenig im Schatten der bekanntesten Ausgrabung Italiens, wenn nicht sogar Europas steht das ebenfalls bei dem Ausbruch zerstörte Herkulaneum. Das mag daran liegen, dass das antike Herkulaneum sich unter dem heutigen Ort Ercolaneo befindet. Mitten in diesem lebhaften Vorort Neapels geht es rund 20 Meter hinab direkt in die Antike. Im Gegensatz zu Pompeji, das der Ascheregen des Vesuv eindeckte, wälzte sich über Herkulaneum der Lavastrom hinweg bis ins Meer hinein. Was die heiße Lava nicht sofort verbrannte, steht heute noch – 20 Meter unter den Häusern des modernen Ercolaneo.
Konserviert und luftdicht eingepackt sind in Herkulaneum nicht nur die Mauern stehen geblieben, sondern auch die Dächer und Obergeschosse der Häuser. Der Besucher läuft durch Häuser, in denen Amphoren noch in den Regalen stehen, Bäckereien, in denen Brote noch auf den Tresen liegen oder Thermen, die nur einen neuen Anstrich benötigen, um wieder benutzt werden zu können. Fast wäre man versucht, anzuklopfen und auf Antwort zu warten, ehe man die Villen betritt, so stark ist der Eindruck einer lebendigen Stadt, deren Bewohner gerade erst verschwunden sind.
