Populäre Hochstaplerin wider Willen: Prinz Lieschen von Sachsen

Im Zuchthaus Waldheim verbüßte Sophia ihre Strafe - Michael Voigt
Im Zuchthaus Waldheim verbüßte Sophia ihre Strafe - Michael Voigt
Sophia Sabina Apitzsch avancierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts ungefragt zur Volksheldin. Man hatte sie schlichtweg mit dem Kronprinzen verwechselt...

Im traditionell obrigkeitshörigen Deutschland haben Hochstapler gute Chancen, zu Volkshelden zu avancieren, sobald sich ihr Tun gegen den vermögenden und einflussreichen Teil der Gesellschaft richtet. Populäre Beispiele dafür sind unter anderem Wilhelm Voigt (der so genannte Hauptmann von Köpenick) oder in neuerer Zeit der angebliche Psychiatrie-Mediziner Gert Postel. Doch Hochstapler kann man auch wider Willen werden, wie der Fall von Prinz Lieschen beweist. Eine provinzielle Posse aus dem kurfürstlichen Sachsen...

Sophia Sabina Apitzsch: Ausbruch aus kleinbürgerlichen Verhältnissen

Das Städtchen Lunzenau befindet sich mitten im sächsischen Muldental. Hier wurde Sophia Sabina Apitzsch 1692 als älteste Tochter eines ehrbaren Handwerkers geboren. Offenbar genoss sie eine gute Schulbildung inklusive entsprechender Umgangsformen, was für ihre spätere Geschichte von Bedeutung sein sollte. Vielleicht ist es auch dieser Tatsache geschuldet, dass Sophia wenig Neigung verspürte, am kleinbürgerlichen Leben ihrer Heimatstadt teilzunehmen. Als 18 Jährige wurde sie (offensichtlich gegen ihren Willen) mit dem Jäger der nahen Rochsburg verlobt. Drei Jahre lang schaffte die junge Frau es dennoch, die Hochzeit hinauszuschieben. Schließlich jedoch blieb ihr nur noch die Möglichkeit der Flucht. Mit wenig Geld und Vaters bester Garderobe machte sich Sophia 1713 auf den Weg.

Unstetes Leben auf der Flucht

Die junge Frau gab sich zunächst als wandernder Barbier aus und gelangte bis nach Bayern. Aufgrund fehlender Referenzen verpflichteten die dortigen Behörden den fremden „Mann“ kurzerhand zum Militärdienst. Unglaubliche vier Wochen schaffte es Sophia, ihre wahre Identität zu verbergen, bis ihr die erneute Flucht gelang. Zurück in Sachsen, fand sie (immer noch verkleidet) kurzzeitig Anschluss an reisende Schausteller. Angeblich verliebte sich jedoch ein Mädchen aus der Gruppe in den „Handwerksgesellen“, so dass Sophia abermals eine Entdeckung befürchten musste und deshalb wiederum floh, diesmal in südliche Richtung. Auf diesem Weg, der sie schließlich ins Erzgebirge führte, muss die junge Frau recht nahe an der alten Heimat vorbei gekommen sein. Doch verhängnisvoller als diese offensichtliche Gefahr sollte sich ein anderer Umstand erweisen.

Wie Prinz Lieschen entstand

Im Erzgebirge kursierte zu dieser Zeit ein Gerücht, der Kurprinz Friedrich August, ein Sohn von August dem Starken, reise unerkannt durch die Gegend. Es darf spekuliert werden, ob die Geschichte der Sophia Sabina Apitzsch ohne diesen Umstand jemals bekannt geworden wäre. Vermutlich hätte die gewitzte junge Dame ihre Maskerade ewig fortsetzen können. So aber fiel auf sie beinahe zwangsläufig der Verdacht, sie könne der verkleidete Prinz sein. Angeblich trugen dazu auch ihre guten Umgangsformen bei. Obwohl Sophia teilweise um Almosen bettelte, sich als Schulmeister oder Zeugmacher ausgab und einmal sogar ins Visier der Polizei geriet, fanden sich immer wieder Menschen, die in ihr den Prinzen erkannt haben wollten. Sophia erhielt Geschenke, Geld und Unterkunft. Offenbar fand die junge Frau an der ihr aufgedrängten Rolle schließlich Gefallen und nutzte die damit verbundenen Annehmlichkeiten. Doch das Ende ihres Abenteuers nahte bereits.

Der enttarnte "Prinz" und die Folgen

Die Nachricht von der Anwesenheit eines Prinzen blieb auch dem kursächsischen Hof in Dresden nicht lange verborgen und sorgte dort für einige Verwunderung. Im Februar 1715 wurde Sophia festgenommen und ihre wahre Identität festgestellt. Während das einfache Volk lachte und fortan von Prinz Lieschen sprach, hatte die Geschichte für den falschen Prinzen weniger lustige Folgen. Zunächst verwahrte man die junge Frau 16 Monate lang auf der Augustusburg, bis ein Gericht das Urteil sprach. Es lautete auf Staupenschlag (eine unehrenhafte Prügelstrafe am Pranger) und Landesverweis, wurde schließlich jedoch in die nichtöffentliche „Züchtigung mit Ruten“ abgemildert. Anschließend inhaftierte man Sophia im Waldheimer Zuchthaus, was ihr die zweifelhafte Ehre einbrachte, die erste weibliche Gefangene der Anstalt zu sein. Sonderlich schlecht soll es ihr dort allerdings nicht ergangen sein.

Nach mehreren Gnadengesuchen verfügte August der Starke, angeblich selbst ein Freund derber Scherze, schließlich die Freilassung der populären Insassin. Am 15. Oktober 1717 öffneten sich die Gefängnistore für die junge Frau, welche anschließend noch geraume Zeit die Aufmerksamkeit der einfachen Leute in Sachsen genoss. Schließlich aber kehrte Sophia in genau die Lebensweise zurück, aus der sie einst ausgebrochen war. Sie lebte einfach und zurückgezogen bei ihren Eltern. Nur geheiratet hat sie nie. Wenigstens dieser ursprüngliche Zweck ihrer Flucht war erreicht.

Prinz Lieschen und die Nachwelt

Die Geschichte der Sophia Sabina Apitzsch gehört zum regionalen Legendenschatz ihrer Heimat. Obwohl viele Details recht gut bekannt sind, existieren bis heute verschiedene Versionen dieser sächsischen Episode. In ihrer Heimatstadt Lunzenau erinnern an die schelmische Tat der jungen Frau eine Brunnenfigur auf dem Markt sowie eine Gedenktafel an ihrem Geburtshaus. Auch überregional hat Prinz Lieschen vermutlich Spuren hinterlassen. Angeblich geht die Redewendung „Lieschen Müller“ auf Sophias Geschichte zurück. Bezeichnet wird mit dem Ausdruck eine naive, junge Frau aus einfachen Verhältnissen. Warum der Volksmund allerdings für Sophia den Namen „Lieschen“ verwendete, wird vielleicht auf immer ein Geheimnis bleiben...

Quellenauswahl:

Website der Stadt Lunzenau

Lunzenauer Nachrichten 10/2010

Gedenktafel am Geburtshaus von Sophia Sabina Apitzsch

Michael Voigt, Copyright: Michael Voigt

Michael Voigt - Hallo, lieber Leser! Vielen Dank für Dein Interesse an mir und natürlich an meinen Texten!!! Sicherlich möchtest Du nun ...

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