Portrait: Heidemarie Schwermer

Sterntalerexperiment – seit 13 Jahren ein Leben ohne Geld

Heidemarie Schwermer lebt seit 13 Jahren ohne Geld - Klaus Lauscher
Heidemarie Schwermer lebt seit 13 Jahren ohne Geld - Klaus Lauscher
Heidemarie Schwermer hat das gemacht, was sich die wenigsten von uns sich vorstellen können: Sie hat alle Sicherheiten aufgegeben und lebt ohne Geld.

Wenn man Heidemarie Schwermer begegnet, dann kann man auf den ersten Blick nichts Besonderes an ihr entdecken. Sie sieht gepflegt aus, ist gut und geschmackvoll gekleidet, wirkt gebildet. Und das ist sie auch. Sie war Lehrerin, hat eine Ausbildung zur Motopädin und Psychotherapeutin und sie lebte viele Jahre ein sogenanntes normales Leben mit zwei Kindern, ihren Berufen und den alltäglichen Belangen. Bis sie irgendwann einmal beschloss, ein Experiment zu wagen. Sie nannte es das Sterntalerexperiment.

Der Entschluss, ohne Geld zu leben, kam nicht von Heute auf Morgen

Im Mai 1996 beschloss Heidemarie Schwermer ganz ohne Geld zu leben. Es war keine Entschluss der von heute auf morgen kam. Die Dortmunderin hatte sich schon länger mit Alternativen zum Geld beschäftigt und bereits davor den sicheren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um nicht Werte vermitteln zu müssen, die nicht mehr die ihren waren. Denn das hatte sie teilweise richtig krank gemacht. 1994 gründete sie den Verein „Gib und Nimm“, der nach dem Prinzip eines Tauschrings funktioniert. Doch sehr schnell wurde ihr diese Art des Tauschens zu eng. Zu viel Bürokratie und die Streitereien um Kleinigkeiten innerhalb der Gruppe gefielen ihr nicht.

Aus einem Jahr auf Probe wurden bis heute 13 Jahre

So beschloss sie, ihr Leben grundlegend zu verändern, und ganz ohne Geld zu leben. Zuerst einmal auf Probe und für ein Jahr. Sie kündigte alle Versicherungen, gab die Wohnung auf und verschenkte all ihren Besitz. Nur ein paar Sachen stellte sie bei einer Freundin unter. Unsicher war, ob sie überhaupt die Krankenversicherung kündigen dürfte. 1996 waren unversicherte Menschen noch weit seltener als heute, wo viele Menschen aus finanzieller Not heraus ohne Krankenversicherung leben müssen. Doch auch das war kein Problem und Heidemarie Schwermer wurde besitzlos und lernte, sich dem Leben anzuvertrauen. „Wenn ich mir etwas wirklich wünsche, bekomme ich es auch“, war ab da ihre Philosophie.

Ohne Geld zu leben, war zu Beginn alles andere als ein Zuckerschlecken

In der ersten Zeit wohnte sie oft in fremden Wohnungen und Häusern, die sie hütete, während die Bewohner im Urlaub waren. Ihre Urlaubsvertretung wurde mit einem vollen Kühlschrank belohnt und auch sonst ertauschte sie sich ihre Lebensmittel oder sonstigen Dinge, die sie benötigte. Zu Beginn ihrer geldlosen Zeit geschah dies oft noch durch die von ihr gegründete „Gib und Nimm-Zentrale“ in Dortmund, doch bald verließ sie sich auf ihr Gottvertrauen und dass sich alles ergeben würde. Statt Geld bauten sich mit der Zeit immer mehr Kontakte und Beziehungen zu anderen Menschen auf und Heidemarie Schwermer empfand niemanden mehr als einen „Fremden“. „Jeder Mensch ist wertvoll, weil er Mensch ist und nicht weil er etwas besitzt“, sagt sie. Und trotzdem musste die „Besitzlose“ zu Beginn auch oft Dienstleistungen wie Putzen erledigen, die einer Akademikerin normalerweise beruflich nicht entsprechen würden. Ihre erlernten Fähigkeiten wurden nicht immer in dem Maße nachgefragt, wie sie das wollte und auch Angebote, wie Beratungen in Ämtern oder beim Finanzamt, wurden nicht angenommen.

Arm an Geld, aber reich an Freundschaften, Kontakten und Erfahrungen

Auch wenn der Anfang und die Neuorganisation des Lebensablaufes zu Beginn sehr schwer waren, will Heidemarie Schwermer diese harte Schule nicht missen und hat ihren Entschluss auf Geld zu verzichten nie bedauert. Ihr Leben ist für sie zu einer Einheit geworden. Mit ihrem Sterntalerexperiment schuf sie ein Model der Hoffnung und lebt vor, dass Nichts haben auch viel sein bedeuten kann. Mit dieser Lebensdevise stellt sie die gängigen Wertvorstellungen auf den Prüfstand. Denn Heidemarie Schwermer ist arm an Geld, aber reich an Freundschaften, Kontakten und Erfahrungen. Sie ist obdachlos, aber sie empfindet ihr Leben neu. „Ich wohne nicht mehr nur in einer Wohnung, sondern in der Welt.“, sagt sie. Sie ist ohne feste Arbeit, aber gibt ihre Arbeitskraft, ihr Know-how und ihr Können ständig und vorbehaltlos her, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen herzustellen. Das ist ihr sehr wichtig, denn sie will niemandem auf der Tasche liegen. Und sie nützt auch niemanden aus, obwohl ihr gerade das oftmals vorgeworfen wird, da ihr Leben so anders ist. Ihr Buch „Das Sterntalerexperiment“ ist ein Bestseller und ist bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden. Für das Buch in italienischer Sprache hat sie im Dezember 2008 den Tiziano Terzani Friedenspreis erhalten. Sie könnte finanziell gut von ihrem Tun leben, wenn sie es wollen würde. Aber sie verschenkte lieber das Geld, das sie für das Buch erhielt, auf der Straße, um mit den Menschen über Geld und ihr Leben zu reden. Ihr aktuelles Buch bietet sie übrigens als freies pdf auf ihrer Internetseite an.

Es könnten mehr Menschen ohne Geld leben, meint Heidemarie Schwermer

Heidemarie Schwermer wollte nie eine geldlose Gesellschaft. Es war zuerst nur ein Versuch, doch inzwischen ist es ihr wichtig, auch ein Beispiel zu geben, zu zeigen, dass es geht, man tatsächlich so leben kann wie sie. Sie will die Welt verbessern, auf ihre Art, positive Anstöße geben und für mehr Gerechtigkeit und Ausgleich sorgen. Gerade in Zeiten wie der Wirtschaftskrise wäre ein Umdenken ihrer Ansicht nach dringend erforderlich. Doch sie möchte niemanden dazu bekehren, es ihr gleich zu tun. Ihr geht es darum, dass jeder seinen eigenen Weg findet. Dennoch ist ihr die Geldlosigkeit wichtig, weil die Beschaffung desselben so viele Energien verbraucht. "In einer Welt ohne Geld spielen andere Werte eine Rolle, in die wir alle hineinwachsen können, um dann ein Leben im Vertrauen und in einem wundervollen Miteinander zu führen," sagt sie.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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