Ueno Hikoma gilt als Vater der japanischen Fotografie. Geboren wurde er 1838 in Nagasaki als Sohn von Ueno Shunnojou Tsunetari (1790-1851). Ueno Shunnojou war der erste Japaner, der 1843 eine Daguerreotypien-Kamera nach Japan einführte. Er hatte großes Interesse an Rangaku, den holländischen Wissenschaften, und lebte und kleidete sich als einer der ersten Japaner im westlichen Stil. Seine Interessengebiete waren Ballistik, Sprengstoffe, Pharmazie, Gusstechnik, Chintzweberei, Astronomie, Geographie und Uhrmacherei. Darüber hinaus besaß er eine Schießpulverfabrik, von der aus er Salpeter in alle Fürstentümer Japans lieferte und veröffentlichte unter dem Künstlernamen Jakuryu seine schriftstellerischen Werke. Er verdankte seinen Reichtum vor allem der Fabrikation und dem Verkauft von Chintz, über seinem Laden stand geschrieben: „Medizinische Präparate im holländischen Stil“. Er bestellte 1843 eine Daguerreotypien-Kamera, konnte sie aber nicht in Gebrauch nehmen, weil sie ohne Zubehör geliefert worden war und so reiste sie wieder zurück nach Holland. 1848 reiste die Kamera erneut ein, diesmal mit Platten und Chemikalien, so dass Ueno Shunnujou anfangen konnte, zu experimentieren.
Die frühen Jahre Ueno Hikomas
Ueno Shunnojou starb 1851 an den Folgen eines chronischen Asthmas, das er sich aufgrund von Dämpfen und Abgasen bei Experimenten mit Sprengstoffen zugezogen hatte. Ueno Hikoma war zwar erst 13, als sein Vater starb, aber schon alt genug, um vom Rangaku-Fieber angesteckt zu werden. Er begann zunächst 1854 in Hida das Studium der klassischen japanischen Fächer (Kangaku), kehrte dann nach Nagasaki zurück und ließ sich zum Dolmetscher des Holländischen ausbilden. 1858 trat er in das Medizinische Lehrinstitut in Nagasaki ein, wo er Chemie studierte und nahm Kurse in Chemie und Physik bei Pompe van Meedervort auf Dejima. Pompe van Meedervort war als Arzt von 1857-1862 in der Holländischen Fabrik stationiert (ein Handelsposten der Dutch East India Company) . Dort gab er Kurse in Fotografie für Angehörige wohlhabender Familien.
Während dieser Kurse lernte Ueno den sieben Jahre älteren Horie Kuwajiro kennen, der dem Daimyou des Tsu-Daimyats, Toda Takayuki unterstand. Die beiden freundeten sich schnell an über ihre Leidenschaft für Fotografie und besorgten sich Chemikalien, Bücher und eine Kastenkamera, um zu experimentieren. Sie waren jedoch nicht sehr erfolgreich, laut den Nachbarn, die sich bei der Stadtverwaltung von Nagasaki beschwerten, drang aus Uenos Haus immer wieder beißender Chemiegestank und bei einer Aufnahme im Tempel war es sogar zu einem Unfall gekommen. Um sich in ihrer fotografischen Tätigkeit weiterzuentwickeln, wandten sie sich an den französischen Fotografen Paul Rossier, der ihnen die Praxis des Nass-Collodium-Verfahrens vermittelte. Paul Rossier war von der Londoner Fotografiefirma Negretti und Zambra nach Nagasaki gesandt worden und war der erste professionelle Fotograf, der sich in Japan aufhielt. Er arbeitete in Nagasaki von 1859 bis 1860.
Das erste Fotostudio in Nagasaki
Mit der Erlaubnis ihres Daimyous Toda Takayuki kauften sich Ueno und Horie darüber hinaus eine neue Kamera, eine Dallmeyer B 3 für umgerechnet 1500 Golddollar. Als Gegenleistung mussten sie ihn 1860 nach Edo begleiten, um Aufnahmen vom Shogun und anderen Daimyous anzufertigen. Auf der Rückreise von Edo mussten sie in Tsu an der Daimyatsschule des „Westlichen Lernens“ verschiedene Fächer lehren, vor allem Holländisch und Chemie. Diese Vorlesungen wurden von Ueno bereits 1862 unter dem Titel „Handbuch des Chemikers“ veröffentlicht und brachten ihm großen Ruhm ein, worauf er und Horie noch im selben Jahr in Nagasaki ein eigenes kommerzielles Studio eröffneten (Ueno Satsuei Kyoku – Ueno Fotostudio). Allerdings waren sie nicht die ersten, Renjo Shimooka war ihnen um ein halbes Jahr zuvorgekommen.
Die Fotografie brachte Ueno Hikoma jahrelang nicht viel ein und bis 1865 waren ausländische Besucher fast seine einzigen Kunden. Aufgrund der hohen Kosten und der immer noch vorherrschenden Angst vor fotografischen Aufnahmen ließen sich Japaner nur sehr selten fotografieren. Allerdings hatte er mehrere Schüler, die später berühmte Fotografen werden sollten, u.a. Ueno Kuichi und Rihei Tomishige und er handelte darüber hinaus mit Fotografiezubehör, das er auch an seine Schüler verkaufte.
Erst mit Ausbruch des Bürgerkrieges 1865 wurden die Kunden Uenos zahlreicher. Junge Soldaten, die ohnehin erwarten mussten, im Krieg zu sterben, zeigten sich unbeeindruckt von dem möglicherweise tödlichen Zauber einer Aufnahme und ließen sich bereitwillig fotografieren, um der Familie ein wirklichkeitsgetreues Abbild zu hinterlassen, auch für die Ahnenverehrung.
1866 traf Ueno Felix Beato, der 1863 ein Fotostudio in Yokohama eröffnet hatte. 1874 hielt Ueno Hikoma die Wanderung der Venus über die Sonne fest und wurde 1877 bei der ersten Nationalen Industrieausstellung im Ueno-Park in Tokyo mit einer Medaille ausgezeichnet. Neben anderen Fotografen stellte er bei diesem Anlass auch seine Werke aus.
1877 versuchten Aufständische, die Meiji-Regierung zu stürzen und zur alten Ordnung zurückzukehren. Die Zentralregierung ließ Ueno Hikoma Aufnahmen dieses letzten japanischen Bürgerkriegs machen, der als Seinan-Krieg oder Satsuma-Rebellion bekannt ist.
1881 war Ueno unter den ersten, die mit dem Trockenplattenverfahren experimentierten, das bald darauf das Nass-Collodium-Verfahren ablöste.
Die späten Jahre
1882 baute Ueno ein neues, größeres Studio in Nagasaki, das den Spitznamen „Glashaus“ trug, da es, um die Beleuchtung zu verbessern, mit Wänden aus Glas versehen war. 1890 folgte ein weiteres Studio in Vladivostok und 1891 zwei Studios in Shanghai und Hongkong.
Ein Großteil von Uenos Einkommen stammt aus Porträtaufnahmen ausländischer Besucher, unter anderem des ehemaligen US-Präsidenten Ulysses S. Grant, des russischen Kronprinzen Nicholas Alexandrovich Romanov (später Zar Nicholas II) und Ting Liu Changs, des Kommandeurs des Chinesischen Nordmeerschwadrons.
1902 wird Uenos “Nihon shashin no kigen” (Die Ursprünge japanischer Fotografie) als 19-teilige Serie in der Zeitung “Touyou hinode shinbun” herausgebracht.
Während der frühen Jahre der Fotografie galten Shimooka Renjo und Ueno Hikoma als die Spitzen der Fotografiewelt. Es existierte ein geflügeltes Wort: „Shimooka Renjo im Osten, Ueno Hikoma im Westen”, das ihnen den Status eines Champions beim Sumo verlieh, dessen Kämpfer traditionell vor jeder Meisterschaft auf eine in Ost und West unterteilte Rangliste gesetzt werden, wobei Yokohama als Osten und Nagasaki als Westen galt.
Ueno Hikoma starb 1904.
Quellen:
DELANK Claudia Das imaginäre Japan in der Kunst - „Japanbilder“ vom Jugendstil bis zum Bauhaus München 1996.
SPIELMANN Heinz Die japanische Fotografie - Geschichte, Themen, Strukturen Köln 1984.
TUCKER Anne Wilkes FRIIES-HANSEN Dana KANEKO Ryuichi TAKEBA Joe The History of Japanese Photography Houston 2003.
