Portugal: Rückbesinnung auf Landwirtschaft als Folge der Krise

Zitrusanbau - Sabine Kranich
Zitrusanbau - Sabine Kranich
Für einen offensiven Umgang mit der Arbeitslosigkeit werden landwirtschaftliche Projekte für portugiesische Jugendliche interessant.

Portugal hat eine Arbeitslosigkeit von 13,6 %. Ungefähr 700.000 Menschen sind auf Arbeitssuche - ohne Erfolg. Als Folge der von der Troika auferlegten Sparmassnahmen wurden sowohl das Weihnachtsgeld, als auch das Urlaubsgeld abgeschafft. Verdienste über 1.500 Euro monatlich werden gekürzt. Das Geld reicht nicht aus für portugiesische Familien, in denen die Eltern arbeitslos geworden sind. Gelegentliche Streiks in verschiedenen Berufsgruppen sollen auf die Mißstände hinweisen.

Finanzielle Fakten

Eine Familie mit zwei Kindern im Alter von sieben und dreizehn Jahren und einem arbeitslosen Vater, der vorher für ein ausreichendes Einkommen sorgte, hat 420 Euro monatlich zur Verfügung, um Miete, Ausgaben und Essen zu bestreiten. Sie versuchen jeden Tag aufs Neue, Unmögliches möglich zu machen und ihren Alltag finanziell zu meistern.

Die Wohnungsmiete allein schlägt mit 250 Euro zu Buche. Der Rest muss zum Leben reichen. Die finanzielle Situation dieser Familie ist stellvertretend für viele ähnliche, die es in Portugal aufgrund der Krise und der Sparmassnahmen gibt. Mittlerweile sind deshalb Preisausschreiben beliebt, mit der Option, ein ganzes Jahr lang bezahlte Lebensmitteleinkäufe zu gewinnen.

Rückbesinnung auf natürliche Ressourcen

Emigration ist eine Möglichkeit der Krise und der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Sich auf Ressourcen zu besinnen, eine andere. Die Rückkehr in die Landwirtschaft ist so eine Chance.

Jeden Tag werden in Portugal vier neue Agrar-Projekte, die von jugendlichen Bauern beantragt wurden, geprüft und zugelassen durch die Organisation PRODER, einem Programm für die ländliche Entwicklung (Programa de Desenvolvimento Rural).

Das portugiesische Landwirtschaftsministerium gibt an, dass seit Mai 2008 bis Ende Januar 2012 bereits 5200 Agrar-Projekte zugelassen wurden mit einem Investitionsvolumen von 305 Millionen Euro. Niemals zuvor gab es ein so großes Interesse auf die Scholle zurückzukehren. Die regionalen Landwirtschaftsdirektionen kommen nicht mit der Prüfung der neu eingereichten Projekte hinterher. Die Arbeitslosigkeit motiviert die Menschen dazu, Arbeit in der Landwirtschaft wieder in Betracht zu ziehen, aber es ist notwendig, dass die Regierung klare Vorgaben dazu macht. „Denn wenn das nicht so ist, werden nur neue Arme entstehen“, sagt José Manuel Lobato, der Präsident der Vereinigung zum Schutz der Landwirte im Bezirk Braga gegenüber der Tageszeitung Correio da Manhã vom 06. Februar 2012. Für ihn hat die Landwirtschaft eine Zukunft, wenn damit der Export verstärkt wird und die Erzeugnisse nicht innerhalb Portugals bleiben und dadurch einen Preiskampf zwischen den portugiesischen Landwirten verursachen. Vorhandenes Land und seine Nutzung ist einer der produktivsten Bereiche von Portugal. Dieser Rückbesinnung auf die Landarbeit ist größtes Interesse zu schenken, weil sie nicht nur die Arbeitslosigkeit bekämpft, sondern auch die dringend erforderliche Verjüngung der portugiesischen Landwirtschaft bedeutet. Zur Zeit beträgt das Durchschnittsalter eines Landwirts in Portugal noch 63 Jahre und ist damit am höchsten in der gesamten EU. Die Anzahl der Landwirte, die unter 35 Jahre sind, betrug 2008 21 500 und war bis Ende 2011 auf fast 28.000 angewachsen. 8 % der Bevölkerung arbeitet bereits in der Landwirtschaft.

Ziele und Inhalte der neuen Landwirtschaft

Die neuen Landwirte bauen hauptsächlich Obst (auch Orangen und Zitronen), Wein und Oliven an und züchten Vieh. Rote Früchte wie Himbeeren, Blaubeeren und Brombeeren haben eine große Nachfrage. Zur Zeit existieren in Portugal landwirtschaftliche Projekte auf mehr als 500 Hektar Land, die innerhalb der nächsten 2 Jahre einen Ertrag von mehr als 5 Millionen Tonnen dieser kleinen, roten Früchte hervorbringen werden. Die Exportabnahme ist wegen der großen Nachfrage für die gesamte Produktion so gut wie garantiert. Die Investition pro Hektar beträgt dabei 30.000 Euro, aber der Gewinn wird an die 40.000 Euro heranreichen. Der Weinexport nach Angola hat um 30 % zugenommen, damit nimmt Angola ein Viertel des gesamten portugiesischen Weinexports ab. Durch die verstärkte Landwirtschaft kann auch die nationale Lebensmittel-Versorgung besser gewährleistet werden, die noch ein größeres Defizit aufweist.

Der Produktionsbereich von Früchten, Gemüse und Blumen hat ein unglaubliches Wachstumspotential. Das südliche Klima und vorhandene Ackerböden tragen maßgeblich dazu bei. 150.000 Arbeitsplätze können hier geschaffen werden. Allerdings müssen auch diese Produkte verstärkt exportiert werden, weil innerhalb des Landes die Kaufkraft so stark zurückgegangen ist, dass ein Preisverfall die Folge ist, will der Landwirt innerhalb Portugals seine Ware verkaufen. Die jungendlichen Arbeitslosen haben oft das Glück, dass ihre Familien noch über brachliegende Kulturflächen verfügen, die sie erneut bewirtschaften können. In abgelegenen Regionen Portugals, wie beispielsweise in Trás-os-Montes, ist Landwirtschaft möglicherweise das Mittel zum Überleben für alle, die weiterhin dort leben wollen..

Quelle: Tageszeitung Correio da Manhã vom 06. Februar 2012 in portugiesischer Sprache

Sabine Kranich, Foto: Dietfrid Kranich

Sabine Kranich - Als Diplom-Psychologin, Entspannungs- und Hypnosetherapeutin interessiere mich für andere Menschen und deren Ideen und Strategien, ...

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