Positives Denken nach Murphy

Esoterische Lehre häufig Auslöser für psychische Folgeerkrankungen

Neben den Esoterik-Portalen, die Lebensberatung für jeden zahlenden Kunden bieten, etablieren sich zunehmend sogenannte Motivationstrainer am Markt.

Der Motivationstrainer Jürgen Höller und vieler seiner „Kollegen“ bedienen sich der Lehre von Dr. Joseph Murphy, die davon ausgeht, dass jeder Einzelne sein Schicksal durch positives Denken ebenso positiv beeinflussen kann. Er fasst dies in einem Leitsatz zusammen: „Was immer Sie denken, vermehren Sie.“ Arbeitslosigkeit, schwere Erkrankungen, Partnerschaftsprobleme u. ä. sind nach seiner Auffassung also nicht von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, genetischen Dispositionen, dem Charakter des Ehepartners, Umwelteinflüssen und weiteren, individuellen Präkonditionen abhängig, sondern erst durch negative Gedanken ausgelöst worden.

Krankheit und Tod als Folge von negativen Gedanken

Krankheit und Tod haben für Murphy ebenfalls keine Wirklichkeit, stattdessen wird kranken Menschen häufig von Verfechtern dieser Lehre eine Mitschuld an ihrer Erkrankung suggeriert. Mit anderen Worten: Wenn jemand positiv gedacht hätte, hätte er niemals Krebs (oder eine andere ernstzunehmende Krankheit) bekommen. Krankheit ist nach Murphys Überzeugung „nichts anderes als Folge von Irrglauben, grundlosen Befürchtungen sowie negativen Gedanken und Vorstellungen.“ (vgl. L. Gassmann: Was ist positives Denken, 1998). Es ist bereits vorgekommen, dass schwerkranke Patienten, die an Murphys Lehre unbeirrbar festgehalten haben, eine klassische schulmedizinische Behandlung abgelehnt haben und letztlich an den Folgen der Nichtbehandlung ihrer eventuell doch heilbaren Krankheit verstorben sind.

Kritik an dieser Form der Autosuggestionstechnik

Der Psychotherapeut Günter Scheich übt in seinem Buch „Positives Denken macht krank.“ fundierte Kritik an der von Murphy begründeten Lehre. Er weist explizit darauf hin, dass gerade Menschen mit psychischen Problemen anfällig für Heiler und Gurus seien, die Murphys Lehre verbreiten.

Vielfach versuchen die Betroffenen nicht, sich auf intellektueller und praktischer Ebene ihren Problemen zu stellen, sondern suchen stattdessen nach unreif anmutenden Glaubenssätzen, die immerwährenden Reichtum, immerwährendes Glück u. ä. versprechen. Hiermit weichen sie erneut der konstruktiven Auseinandersetzung mit Problemen aus, bemerken aber häufig nicht, dass positives Denken allein nicht immer zum gewünschten Ergebnis führt. Wenn ein Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch geht, hängt der Erfolg des Gesprächs nicht nur von seinen positiven Gedanken ab, sondern auch von formalen (z. B. fachliche Eignung, Berufserfahrung im jeweiligen Bereich) und informalen Kriterien (Sympathie oder Antipathie, äußeres Erscheinungsbild, Verhalten des Bewerbers etc.). Treffen bei Chef und Bewerber zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere mit verschiedenen Weltbildern und Wertvorstellungen aufeinander, so wird trotz der positiven Gedanken des Bewerbers mindestens eine Partei von dem Vorhaben der Einstellung Abstand nehmen. Positive Gedanken sind nicht in der Lage, die Außenwelt nach den eigenen Wünschen zu kreieren.

Das Minimax-Prinzip

Gleichzeitig weist Scheich darauf hin, dass Menschen, die für solche Lehren anfällig sind, die Auffassung vertreten, mit minimalem Aufwand alles Erdenkliche erreichen zu können, wenn sie nur ihr Denken positiv verändern. Dies ist schon in der Praxis nicht umsetzbar. Ein Mensch ohne abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung wird nicht allein durch positives Denken zum gesuchten Experten für Quantenphysik, eine Frau erobert ihren Traummann nicht allein durch positives Denken, zumal eine Partnerschaft auf gegenseitiger Zuneigung aufbaut. Was ist, wenn der Traummann trotz ihrer positiven Gedanken nicht will, sondern beispielsweise eine andere Frau liebt?

„Negative“ Gefühle werden nicht akzeptiert

Die menschliche Psyche ist ein überaus kompliziertes, vielschichtiges Konstrukt, in dem jede Art von Gefühlen vorkommt – positive wie negative. Gefühle wie Wut, Ärger, Enttäuschung oder gar deren offene Äußerung werden in Murphys Lehre nicht gebilligt. Dabei ist die Äußerung von Ärger ebenso wichtig wie die Äußerung von „positiven“ Emotionen wie Liebe oder Freude. Ggf. führt die ständige Unterdrückung von „negativen“ Gefühlen zu einem Aggressionsstau, der sich unter ungünstigen Umständen sehr explosiv äußern kann (Affekttaten). Das Problem an Murphys Lehre ist, dass „negative“ Emotionen in jedem Fall mit Destruktivität gleichgesetzt werden. In Wirklichkeit sind Gefühlsäußerungen aller Art wichtig für die seelische Gesundheit und um unkontrollierte Affektausbrüche zu vermeiden.

Vielfach nutzen gerade psychisch labile und manipulierbare Menschen die Nichtäußerung von Enttäuschung oder Ärger als Deckmäntelchen für mangelnde Konfliktfähigkeit. Hierbei sind häufig Züge der passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung zu beobachten, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Aggressionen nicht offen verbal zum Ausdruck gebracht werden, sondern latent unterschwellig wie etwa durch Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, absichtliches Vergessen oder eine aufgesetzte, vielfach nicht situationsadäquate Fröhlichkeit.

Optimismus hat nichts mit positivem Denken zu tun

Im Gegensatz zum positiven Denken steht der Optimismus, der jedoch lediglich eine positive Einstellung zum Leben meint – ohne dabei die Möglichkeit negativer Ereignisse außer Acht zu lassen. Optimisten vermitteln durch eine natürliche, fröhliche Ausstrahlung ein positives Selbstbild, das auch im entsprechenden Umfeld als solches wahrgenommen wird. Vom positiven Denken unterscheidet sich der Optimismus dadurch, dass die positive Grundhaltung situations- und realitätsbezogen ist und nicht etwa zum Ziel hat, die Außenwelt durch gute Gedanken an seine Wünsche anpassen zu können.

Alexandra Döll, Autorin, Marina Hong, Düsseldorf

Alexandra Döll - Persönliche Daten: geboren 1974 in Essen, wohnhaft ebendaFamilienstand: ledig, keine KinderAbitur 1993, anschließend ...

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