Possums – Pelzige Pest Neuseelands

Possums stehen ganz offiziell in Neuseeland auf der Abschussliste

Brush-tailed Possum, Opossum World Napier - FxReid
Brush-tailed Possum, Opossum World Napier - FxReid
Neuseelands einzigartige endemische Natur ist einer gefräßigen Bedrohung ausgesetzt. Staatsfeind Nr. 1 ist ein niedliches australisches Beuteltier. Ein Steckbrief.

Der Highway von Queenstown nach Paradise ist gepflastert mit toten Körpern – doch Hollywood ist diesmal weitestgehend unschuldig. Zur Linken liegt der stahlgrau glänzende Spiegel des Lake Wakatipu. Zur Rechten flauschig grüne Hügel, die sich stetig zu jenen Bergen hocharbeiten, die dem Neuseeländer Peter Jackson in seinen »Herr der Ringe«-Blockbustern als Kulissen dienten. Die kurvige Straße führt per Linksverkehr direkt in Tolkiens Mittelerde. Das Wasser des Dart River hat keine 5°C und changiert zwischen milchig-eisblau und glasklar-mint. Eine Landschaft zum Sehen und Sterben. Das gilt besonders für Possums.

Zermalmt auf dem Asphalt: Auf dem neuseeländischen Highway ist die Hölle los

Die Straße ist weniger für Freunde von pets zu empfehlen – oder pests, wie Neuseeländer auch gerne sagen. Die kleinen Körper, die durchschnittlich alle 500 Meter in unterschiedlichen Graden der Zermalmung in den Asphalt gepresst wurden, lassen nur manchmal noch das von großen Kulleraugen dominierte und vom dichten Pelz in Koala-Qualität bedeckte Gesicht erkennen. Doch die Possums sind keineswegs immer Unfallopfer, die da auf dem neuseeländischen Highway letal unter die Räder gekommen sind. Sie starben mitunter im Namen der Bürgerpflicht. Denn die nachtaktiven Beuteltiere sind nicht nur offiziell unerwünscht in Neuseeland, sondern eine auf leisen Pfoten schleichende Bedrohung für das natürliche Kapital der Südsee-Nation.

Empfindliches Gut, die einzigartige Tierwelt des Vogelparadieses Neuseeland

Seit Neuseeland vor mindestens 90 Millionen Jahren vom Urkontinent Gondwana getrennt wurde, hat sich auf der Inselgruppe eine einzigartige Tierwelt entwickelt, deren ökologische Nischen mit wenigen Ausnahmen von Vögeln besetzt wurden. Da diese im Vogelparadies Neuseeland keine Säugetiere als Fressfeinde fürchten mussten, haben einige Arten sogar das Fliegen verlernt und kamen als Fußgänger in Vollzeit groß raus – wie auch die Nationalikone, der Kiwi. Seit das australische Brush-tailed Possum (Trichosurus vulpecula) 1837 als Nutztier wegen seines dichten, weichen Fells eingeführt wurde, fressen sich immer mehr der rosigen Rüsselschnauzen unkontrolliert durch die üppige Vegetation. Alarmierend, dass Possums als allesfressende Beuteltiere nicht nur sehr wählerisch vorgehen und mit Vorliebe frische Triebe der endemischen Rata, Totara und Kowhai-Bäume verspeisen, sondern eben auch das reiche Angebot an Vogelgelegen in ihren umfangreichen Speiseplan aufgenommen haben – eines der empfindlichen endemischen Güter Neuseelands. Nach Schätzungen des Department of Conservation (DOC) sind es mittlerweile über 70 Millionen gefräßige Pelzhandtaschen. Schafe hingegen kommen landesweit gerade einmal auf 40 Millionen Felle.

Naturschutz der etwas anderen Art zur Bewahrung des touristischen Kapitals

Was sagt der neuseeländische Autofahrer, wenn man ihn vorsichtig darauf anspricht, dass diese eigentlich recht drollig wirkenden Beuteltiere eigentlich wenig für ihre ungewollte Existenz in Neuseeland können? »Tough titties, mate!« – Pech. Und nicht nur das. Man hätte einen Strafzettel verdient, wenn man die Gelegenheit zum Road Kill bekommt, das Possumleben aber verschont. So hört man immer wieder, wenn man die beeindruckenden Landschaften der Inseln im Südpazifik mit den Bewohnern teilt. Auf fast jeder Landstraße passiert man im Schnitt alle zwei Kilometer einen flauschigen Kadaver. Aber sie sind zum Wohle Neuseelands und zur Bewahrung des touristischen Kapitals gestorben, darin scheint man sich einig. Die einzigartige endemische Natur, ›The great outdoors‹, ist Neuseelands größte und wertvollste Sehenswürdigkeit. Kaum einer kommt nach Neuseeland, um sich Städte und Dörfer anzusehen.

Neuseelands pelzige Pest: Possums – sogar als Leiche eine Gefahr für die Vogelwelt

Doch nicht nur die Otago-Region im zentralen Süden Neuseelands hat mit der pelzigen Pest zu kämpfen. Auch die Bay of Plenty der Nordinsel ist eine dieser Gegenden, in denen der Mensch gegenüber Bäumen und Tieren noch deutlich in der Unterzahl ist. Der Possum Body Count ist beträchtlich. Ist man früh morgens auf dem Highway 35 unterwegs, teilt man die Fahrbahn nur mit einigen großen Raubvögeln, die vom reichhaltigen Angebot an frischem Possum auf ihrem geteerten Frühstücksraum nur ungern ablassen. Immer wieder kann man beobachten, wie Greifvögel bei dem Versuch, ein in den Asphalt gepressten Kadaver als Takeaway aufzufassen, selbst von unerwartet schnell heran nahenden Trucks erfasst werden. Sogar als Leiche stellen Possums noch eine Gefahr für die heimische Vogelwelt dar.

Landesweit sind Flora und Fauna durch die äußerst anpassungsfähigen australischen Eindringlinge bedroht. Zudem hat es der Staatsfeind Nr. 1 mittlerweile nicht nur bis ins neuseeländische Nationalmuseum Te Papa in der Hauptstadt Wellington geschafft. Er kann sogar mit Opossum World eine eigene Touristenattraktion vorweisen an der sonnenverwöhnten Hawke`s Bay in Napier, Hauptstadt des Art Déco. Neben diversen Souvenirs und Produkten aus Possumpelz – »Every item bought saves a tree« – gehört auch ein kleines Museum zum touristischen Angebot. Hier erfährt man mehr über das gestörte Verhältnis der Neuseeländer zu der glubschäugigen Gefahr, wobei die vielfältigen Techniken der Tötung der Pelzhandtaschen im Vordergrund stehen. Neuseeländer waren schließlich schon immer in vielerlei Hinsicht überaus einfallsreich.

Anrüchiges Geschäft zur Kontrolle der ungeliebten Pelztierchen?

Wissenschaftler des Landcare Research haben einen elaborierten und doch vergleichsweise einfachen Weg gefunden, Daten zu den sehr scheuen Tagschläfern zu sammeln – mit Hilfe von Possum-Exkrementen. Um lokale Populationsdichten zu ermitteln, werden vor und nach staatlichen Dezimierungs-Maßnahmen die Hinterlassenschaften von Possums gesammelt, um DNS-Spuren zu extrahieren. Projektmanager Dr. Graham Nugent: »Possums produce more than 100 small droppings a day, so you have much more chance of finding possum poo than finding possums. And of course, possum poo doesn`t try to hide from you.« So poetisch wie wahr – doch ist einmal aus den Kotproben des einzelnen Tieres seine DNS extrahiert und registriert, ergibt sich mit jedem weiteren Haufen ein genaueres Bild der Population.

Neuseeland ist wohl die einzige Nation, in der das Tragen von Tierpelzen nicht nur politisch korrekt, sondern erwünscht ist. Dennoch, wahrscheinlich die einzige Form, in der Neuseeländer das Brush-tailed Possum wirklich mögen, findet sich im Küstenstädtchen Hokitika, benannt nach dem Maori-Namen des deutsch-österreichischen Naturforscher Hochstetter auf dem jährlich im März stattfindenden Wildfood Festival – kulinarisch ungewöhnlich neben Wetas genannten Riesenheuschrecken, Huhu-Larven und Pipi-Muscheln brutzelnd auf dem Grill.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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